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Kampf gegen die Pandemie
Sechs Tote wegen defekter Beatmungsgeräte in St. Petersburg

Die Feuerwehr musste ausrücken, weil im Sankt Petersburger Stadtspital ein Beatmungsgerät in Flammen aufging.
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Die Beatmungsgeräte waren ganz neu, die Klinik des Heiligen Georg in St. Petersburg nutzte sie erst seit wenigen Tagen. Wegen der Corona-Pandemie hatte das Krankenhaus fast 240 Apparate bei einer Firma im Ural bestellt. Am Dienstagmorgen fing einer davon Feuer, vermutlich entzündete ein Kurzschluss die Sauerstoffmischung. So tötete das Gerät, das eigentlich Leben retten sollte, fünf Patienten, die alle beatmet worden waren. Vier von ihnen starben vermutlich an einer Kohlenmonoxidvergiftung durch den Brand. Ein Patient starb, weil es sein Beatmungsgerät war, das durch den Kurzschluss ausfiel. Ein ähnlicher Brand hatte in der vergangenen Woche einen Patienten in einem Moskauer Krankenhaus getötet.

Schuld waren in beiden Fällen Beatmungsgeräte vom Typ Awenta-M, hergestellt vom «Uraler Gerätebauwerk» in der Nähe von Jekaterinburg. Inzwischen hat die russische Gesundheitsschutzbehörde Rossdrawnadsor reagiert: Sie zieht alle Geräte dieses Typs aus dem Verkehr, die nach dem 1. April hergestellt wurden. Was es mit dem Stichtag auf sich hat, erklärte die Behörde nicht. Allerdings erinnert er daran, dass am 1. April ein russisches Flugzeug mit medizinischen Hilfsgütern in den USA landete. An Bord hatte es auch 45 Beatmungsgeräte, darunter auch das Modell, das nun die Brände ausgelöst hat. Gemäss dem russischem Aussenministerium übernahm damals Washington die Hälfte der Kosten für die Lieferung, die andere Hälfte Moskau.

Ein Protestbrief blieb unbeachtet

Russland hilft den USA – für den Kreml bedeutete die Lieferung gute Werbung. Das gilt umso mehr, weil das Modell Awenta-M streng genommen von einem Betrieb hergestellt wird, der unter US-Sanktionen steht. Das Unternehmen im Ural ist eine Tochter der Kret-Holding, die hauptsächlich für Verteidigungstechnik steht und zum staatlichen Rüstungsunternehmen Rostec gehört. Washington nahm die Lieferung dennoch an. Laut der US-Katastrophenschutzbehörde Fema wurden die Awenta-M-Geräte jedoch nie eingesetzt. Nach den Bränden in Russland hat die Fema sie aus den US-Bundesstaaten zurückgerufen. Von der russischen Rückrufaktion sind sie wegen des Stichtags nicht betroffen.

Russische Kliniken dagegen trifft sie in einer besonders schwierigen Phase. Die Zahl der Infizierten ist im Land inzwischen auf mehr als eine Viertelmillion gestiegen. Wie die Apparate ersetzt werden sollen, ist bisher unklar. Die russischen Behörden hatten Kret zum Hauptlieferanten erklärt und erst im April 6700 Stück bestellt. Das Werk nahe Jekaterinburg musste seine Produktion plötzlich verzehnfachen. Mitte April zeigte das Staatsfernsehen eine Reportage aus der Fabrik. Der Mangel an Beatmungsgeräten, sagte der Moderator in seiner Einleitung, kostet viele Tausend Menschenleben «selbst in den sogenannten zivilisierten oder entwickelten Ländern». Zum Glück könne Russland die begehrten Apparate im eigenen Land produzieren. Die Fabrik bei Jekaterinburg habe früher zehn am Tag hergestellt, nun seien es 100 täglich.

Schon lange vor der Pandemie hatte es Zweifel gegeben an russischen Geräten. Als das Handelsministerium 2018 vorschlug, keine ausländischen Beatmungsgeräte mehr anschaffen zu lassen, wandten sich zwölf Hilfsorganisationen in einem offenen Brief an den Präsidenten. Wenn russischen Kliniken verboten würde, ausländische Apparate zu kaufen, gefährde dies «das Leben von Zehntausenden Bürgern unseres Landes». Die russischen Modelle könnten in Qualität, Zuverlässigkeit und Funktionalität nicht mit den importierten aus dem Westen mithalten. Die Regierung blieb bei ihrem Beschluss. Seit vergangenem Jahr sind staatliche Kliniken gezwungen, russische Apparate anzuschaffen.

Die Lieferung der Geräte war so perfekt inszeniert, dass italienische Medien sie für eine Marketingaktion hielten.

Zu Beginn der Pandemie schien es, als hätte Russland davon so reichlich, dass der Kreml sie werbewirksam verschenken könnte. Bereits im März flog er 150 Beatmungsgeräte nach Italien. In dieser akuten ersten Phase der Krise fühlten sich die Italiener alleingelassen von ihren traditionellen Freunden und Nachbarn in Europa und bauten stattdessen auf die Hilfe aus Russland und China.

Die Lieferung in 17 Frachtflügen aus Moskau war so perfekt inszeniert, dass die italienischen Medien sie für politisches Marketing hielten. Auch fragte man sich, ob die Beatmungsapparate womöglich doch nicht umsonst waren. Premier Giuseppe Conte, der vorab mit Putin gesprochen hatte, verbat sich jede Hinterfragung: Allein der Gedanke, dass die «Geste der Freundschaft» der Russen an Konditionen gebunden gewesen sei, komme einer «grosen Beleidigung» gleich. Auf den Militärlastern aus Russland prangten Aufkleber mit Herzchen in russischen und italienischen Nationalfarben, dazu der Slogan «From Russia with Love» in mehreren Sprachen, dem Originaltitel des James-Bond-Films «Liebesgrüsse aus Moskau».

Die 150 Awenta-M waren für die Feldhospitäler in Mailand und Bergamo gedacht. In Mailand wurden sie nie eingesetzt, weil auch die Ad-hoc-Klinik dort kaum gebraucht wurde. In Bergamo sind sie vergangene Woche zum letzten Mal benutzt worden, weil auch dort, in der am dramatischsten getroffenen Stadt Italiens, die Zahl der Intensivbehandlungen mittlerweile stark zurückgegangen ist.