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Debatte übers Gendern
Warum die Holländer die weibliche Form abgeschafft haben

Tafel mit Varianten der Gender-Schreibweise für ’Lehrer’ wie Lehrer*innen, Lehrer:innen, Lehrer_innen, Lehrer?innen, Lehrer……
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In Kürze:
  • Die Niederlande nutzen seit zehn Jahren ausschliesslich männliche Sprachformen zur geschlechtsneutralen Kommunikation.
  • In Holland verzichten selbst Ärztinnen sowie Fotografinnen auf weibliche Berufsbezeichnungen.
  • Niederländische Sprachexperten halten strikte Regeln beim Gendern für nicht zielführend.
  • Die holländische Bevölkerung empfindet weibliche Wortendungen als unnötige Geschlechterbetonung.

Sternchen, Binnen-I oder Schrägstrich? Doppelpunkt, abwechselnd beide Geschlechter erwähnen oder doch besser «Velofahrende» oder «Besuchende» schreiben, obwohl das sperrig klingt? Wie wenn die deutsche Sprache nicht schon schwierig genug wäre, soll sie neuerdings auch geschlechtsneutral sein. Das Gendern ist derart zum Politikum geworden, dass die Stadt Zürich im November 2o24 darüber abstimmte und es in Bayern verboten ist.

Wie schön haben sie es dagegen in den Niederlanden! Dort wird zwar schon viel länger gegendert als hier, nämlich seit rund zehn Jahren. Wie im Deutschen gibt es im Niederländischen weibliche und männliche Formen, zum Beispiel Leraar (Lehrer) und Lerares (Lehrerin). Aber statt neutrale Wörter wie «Lehrperson» zu kreieren, um niemanden zu diskriminieren, schaffte man die weibliche Form kurzerhand ab. Gendern im Tulpenland heisst, man verwendet ausschliesslich das generische Maskulinum. Die Begründung dafür ist verblüffend. Dazu kommen wir gleich.

Der Blick auf die Niederlande ist deshalb so interessant, weil die beiden Sprachen gut vergleichbar sind. Sie haben dieselben westgermanischen Wurzeln und funktionieren von Wortschatz, Satzbau und Aussprache her sehr ähnlich. Und doch könnten sie sich nicht unterschiedlicher um Inklusion bemühen. 

Die Frauen haben nichts gegen das generische Maskulinum

2021 ersetzte die Swiss die Anrede «Sehr geehrte Damen und Herren» durch das geschlechtsneutrale «Willkommen an Bord». Die holländische Bahn wollte schon vier Jahre zuvor niemanden ausschliessen und wechselte von «Verehrte Damen und Herren» zu «Beste Reizigers» (so viel wie «Liebe Passagiere»). Der Unterschied zur Swiss: «Reiziger» ist die männliche Form, auf die weibliche Form «Reizigster» («Passagierin») wurde verzichtet. 

Der Aufschrei blieb aus. Die Bevölkerung verstand das generische Maskulinum als neutralen Begriff, auch die Frauen, und das ist bis heute so. So wie sich Angela Merkel einst als «Physiker» bezeichnet hatte, nennen sich Ärztinnen Arzt und Fotografinnen Fotograf. Bis auf ein paar wenige Feministinnen, die darauf Wert legten, mit der weiblichen Berufsbezeichnung angesprochen zu werden, sei das Gendern in den Niederlanden keine grosse Sache, sagt Marc van Oostendorp.

Mann mit Bart und erstaunter Miene hält seine Hände an die Wangen.

Er ist Professor für Sprache und Kultur an der Uni Nijmegen und weiss um die erregt geführte Debatte im deutschsprachigen Raum. Er sagt: «Wir Niederländer glauben nicht daran, dass man der Sprache strenge Regeln auferlegen kann, sie findet ihren eigenen Weg.» Als Niederländer halte man wenig von der Idee, die Sprache «in eine gewünschte Richtung» lenken zu wollen, sagt Van Oostendorp. 

Die Crux des Genderns fasst er so zusammen: «Man sollte die Sprache nicht zu kompliziert machen – und möchte gleichzeitig niemanden beleidigen.» Van Oostendorp findet, beide Seiten hätten vernünftige Argumente. Er versteht, dass manche das Ausmerzen der weiblichen Form kritisieren. Denn wenn in einem Text das Geschlecht der Hauptperson nie erwähnt wird, gehen die meisten Menschen davon aus, dass es sich um einen Mann handelt. Das sei wissenschaftlich erwiesen, sagt Van Oostendorp und spricht von «männlicher Voreingenommenheit»: «Sogar im Finnischen ist das so, obschon die finnische Sprache überhaupt keine weiblichen und männlichen Formen kennt. Deshalb findet er das Bedürfnis, Frauen mittels Sprache sichtbar zu machen, berechtigt und nachvollziehbar. 

Das Geschlecht zu betonen, gilt als sexistisch

Bloss haben die Holländer ein Problem mit den weiblichen Formen. Sie empfinden das Wort «Pilotin» als Suffix, als Nachsilbe des männlichen Begriffs, und damit als herabwürdigend. «Es klingt, wie wenn die Pilotin die Ausnahme von der männlichen Regel wäre», sagt Van Oostendorp. Noch mehr störe aber, dass damit das Geschlecht betont werde. 

Das gilt nach holländischer Logik als sexistisch, weil diese Information in der Regel völlig unnötig sei. Van Oostendorp sagt: «Es ist doch wirklich seltsam, wie viele Sprachen einem automatisch mitteilen, welchen Geschlechts jemand ist.» Dabei sei das doch bei weitem nicht die wichtigste Eigenschaft eines Menschen.