Russlands Krieg im InnernSchluss mit Partys, und geflucht wird auch nicht: Putin schafft sich seine utopische Gesellschaft
Mit Stillhalten kamen die Russinnen und Russen immer gut durch. Doch nun greift der Staat immer stärker in ihren Alltag ein.

Die Küche und der Park waren in Russland schon immer die letzten Orte, an denen noch sicher geflucht werden konnte. Aber wozu sich überhaupt aufregen? Der Kreml hat viele Ziele, man vergisst beinahe, dass nicht nur ein militärischer Sieg gegen die Ukraine dazugehört. Denn abseits des Krieges versucht die Führung ein inneres Utopia zu erschaffen. Eine geeinte Bevölkerung, die nicht nur das Demonstrieren und Kritisieren lässt, sondern sich auch beim Reden im Zaum hält.
In Büchern und auf Bühnen sind unflätige Ausdrücke bereits seit längerem verboten, aber Moskau geht noch weiter. «Russland ohne Schimpfwörter», «Sprich, ohne zu fluchen», heisst es seit Monaten auf Plakaten im ganzen Land, in Kaliningrad, Moskau, Astrachan. Es ist Krieg, und Russland will nicht nur seine Aussengrenzen verändern, sondern tiefgreifend auch seine Gesellschaft.
Russlands Abwehrkrieg gegen angeblich aggressiven Westen
Das eine Vorhaben ist an das andere geknüpft. Russlands Regierung hat dafür ihren Angriffskrieg gegen die Ukraine von Anfang an in einen Abwehrkrieg gegen den angeblich aggressiven Westen umgedeutet. Dabei geht es nicht allein um Geländegewinne, Bündnisse und politische Einflusszonen. Es geht auch um Werte, die sich von denen des Westens fundamental unterscheiden sollen. Begriffe wie Demokratie und Menschenrechte sind in Russland schon vor vielen Jahren diskreditiert worden, damit hatte der Wandel zu Beginn der Putin-Ära angefangen. Seit dem offenen Angriff vor drei Jahren beschleunigt und verschärft Moskau diese Wende.
Die Staatsmacht greift nun auch weit in das Leben jener Russinnen und Russen ein, die sich noch vor einigen Jahren durch den puren Rückzug aus allem Politischen ein unbehelligtes Leben einrichten konnten. Damals galt eine Art ungeschriebene Abmachung: Wer sich aus der Politik heraushält, Kritik für sich behält, den lässt der Staat in Ruhe sein Leben gestalten. Liberalität musste und konnte sich in den privaten Raum zurückziehen. Doch auch dies wird jetzt erschwert.
Kampf gegen Bevölkerungsrückgang
Partys sind zunehmend verpönt, das bei der Jugend beliebte Youtube ist gezielt gedrosselt; Schwangerschaftsabbrüche, in Sowjetzeiten und im nachsowjetischen Russland üblich, werden immer weniger toleriert, Scheidungen gesetzlich erschwert. Es ist Teil des staatlichen Kampfes gegen den Bevölkerungsrückgang. Und gekämpft wird mit allen Mitteln. Kriminalisiert wird nun sogar, wer für ein kinderloses Leben wirbt oder dafür eintritt. Wer kann da schon noch feine Unterschiede machen? Und das in einer Zeit, in der Kriegsängste und wirtschaftliche Sorgen viele Familien verunsichern.
So schafft der Staat nicht nur ein neues Familien- und Gesellschaftsbild, er verlangt auch zunehmend, dass sich die Bevölkerung danach richtet. Der Krieg hilft ihm dabei, seine Ansprüche durchzusetzen. Denn wer widerspricht, lässt sich leicht als unpatriotisch einstufen. Und je länger dieser Krieg dauert, desto stärker wird sich der Umbau der Gesellschaft durch Abriegelung fortsetzen.
Erziehungsbild wird militärisch
Immer schwieriger werden Reisen und Kontakte ins westliche Europa. Rapide gesunken ist der Austausch zwischen Wissenschaftlern, Studierenden, Freunden und Zufallsbekanntschaften hier und dort. Befangen und entpolitisiert verlaufen die Gespräche innerhalb russischer Familien, die versprengt sind in Ost und West. Was also, sollte doch so etwas wie eine Friedenszeit anbrechen, wie von den meisten herbeigesehnt?
Schon jetzt festigt sich im russischen Schulbetrieb das nationale, militärisch geprägte Erziehungsbild des Staates. Und ein völlig anderer Blick. Im vergangenen Sommer flogen mehrere Hundert Schüler von Wladiwostok aus in nordkoreanische Ferienlager, zum Segeln ans Meer, zum Taekwondo, und – so die Nachrichtenagentur Tass – «zur Stärkung der Freundschaft beider Länder». So wächst eine neue Generation, eine künftige Elite heran, die nicht nur für lange Zeit eine Aussöhnung mit dem Westen erschweren dürfte, sondern auch eine Aussöhnung mit dem geflüchteten Teil der russischen Bevölkerung.
Sicher, die Menschen in Russland haben sich immer wieder angepasst an das, was neu angesagt war. Dazu gehörte im Übrigen schon einmal eine sehr amerikafreundliche Stimmung, als der damalige Kremlchef Dmitri Medwedjew und US-Präsident Barack Obama 2009/10 einen Neustart zelebrierten, bei Besuchen in Moskau und im Silicon Valley. Und zwar nach Putins Münchner Wutrede gegen die Amerikaner. Zeiten können sich schnell ändern. Gerade steigen die USA unter Trump ja wieder rapide im Kurs. Aber es bleiben die Europäer, denen Russland sich immer näher gefühlt hatte. Jetzt braucht es sie, um sich abzugrenzen.
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