Kommentar zum Abgang des Post-ChefsRoberto Cirillo hat geliefert – die Politik nicht
In seinen sechs Jahren hat Cirillo die Post finanziell zukunftsfähig gemacht. Bundesbern dagegen konnte mit seinem Tempo nicht Schritt halten.
Nach Bundesrätin Viola Amherd hat Postchef Roberto Cirillo am Freitag für die zweite überraschende Rücktrittsankündigung der Woche gesorgt.
Tatsächlich ist der Zeitpunkt für einen Rücktritt gut gewählt. Als Cirillo im April 2019 die Leitung der Post übernahm, erhielt er zwei Aufgaben: Er sollte das nach dem Postauto-Skandal ramponierte Image des gelben Riesen wieder aufpolieren. Und er sollte den besorgniserregenden Trend des rückläufigen Umsatzes und Betriebsgewinns stoppen.
Beides ist gelungen – Cirillo hat geliefert. Im Vergleich zu 2019 steht die Post finanziell besser da. Sie verfügt über mehr Eigenkapital und hat dem Bund jedes Jahr eine Dividende ausbezahlt.
Auch der Rückhalt der Post bei der Bevölkerung ist wieder gestiegen – trotz der angekündigten Filialschliessungen und Umwandlungen zu Agenturen. Gemäss Umfragen ist die Empörung darüber zwar bei Politikern der betroffenen Regionen gross, nicht aber bei den Kunden: In den rund 1250 Partnerfilialen ist die Kundenzufriedenheit höher als in den selbst betriebenen Standorten.
Wer in der Ära Cirillo allerdings geschlafen hat, ist die Politik. Das aktuelle Postgesetz ist bereits seit fünfzehn Jahren in Kraft. Seither haben sich die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Bevölkerung enorm verändert, die Zahlen der beförderten Briefe und Zahlungen am Schalter sind stark rückläufig. Bereits im Mai 2020 forderte der neue Konzernchef Bundesrat und Parlament deshalb auf, durch die Revision des Postgesetzes eine zukunftsgerichtete Grundversorgung zu schaffen. Doch das ist nicht passiert.
Die Grundsatzdebatte darüber, was für eine Grundversorgung die Schweiz künftig will und braucht, wurde bis heute nicht geführt.
Angesichts des zermürbenden Hickhacks wirkte Roberto Cirillo zunehmend ungeduldig und frustriert. Das Grundproblem bleibt aber auch nach seinem Abgang bestehen: Der Post muss erlaubt werden, neue Einnahmequellen zu erschliessen und etwa Dienstleistungen im Cyber- und IT-Bereich anzubieten, damit sie weiterhin einen hervorragenden Service public finanzieren kann. Will die Politik das nicht, dann muss sie so ehrlich sein und den Auftrag zur Grundversorgung kürzen – oder diesen gleich ganz öffentlich ausschreiben.
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