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Hohe Profite trotz Sanktionen
So versteckt Russland seine Ölmilliarden

LEUNA, GERMANY - JANUARY 10: Pipelines are seen at the TOTAL oil refinery on January 10, 2007 in Leuna, Germany. Crude oil from Russia has stopped flowing to the PCK refinery since 6:00 AM January 8 due to a row between Russia and Belarus over how much Belarus should pay for Russian oil. Initial reports claimed Belarus had turned off the flow of crude oil through the "Druzhba" pipeline as a means to negotiate a better price. German oil reserves are still substantial, though Chancellor Angela Merkel announced her country must not depend too much on one source for its energy needs. (Photo by Katja Buchholz/Getty Images)
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Als der mittlerweile verstorbene US-Senator John McCain vor einigen Jahren Russland beschrieb, griff er zu einem interessanten Bild. «Russland ist eine Tankstelle, die sich als Land verkleidet», sagte McCain im Interview mit dem Fernsehsender CNN. Das Geschäftsmodell war damit trefflich beschrieben: Öl in die Welt bringen und von den Einnahmen leben. Doch seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine will der Westen die staatliche Tankstelle nur noch ungern anfahren.

Anders als beim Gas kaufen Deutschland und die meisten anderen europäischen Länder längst kein Öl mehr beim Kreml. Jahrzehntelang floss der Rohstoff durch die Druschba-Pipeline, ins brandenburgische Chemiestädtchen Schwedt. Doch «Druschba» bedeutet Freundschaft, und mit der sieht es gerade gar nicht gut aus.

Die USA orchestrierten im Rahmen des Industrieländerbunds G-7 ausserdem einen Preisdeckel für russisches Rohöl. Mehr als 60 Dollar je Fass soll der Kreml damit auf dem Weltmarkt bei anderen Käufern nicht mehr verdienen. «Der Ölpreisdeckel funktioniert», sagte US-Vizefinanzminister Wally Adeyemo kürzlich. Und trotzdem gibt es eine verdächtige Kurve, die zumindest Experten hellhörig macht.

07.09.2023, Brandenburg, Schwedt/Oder: Anlagen zur Rohölverarbeitung auf dem Gelände der PCK-Raffinerie GmbH am Abend. Die Raffinerie in der Uckermark im Nordosten von Brandenburg versorgt große Teile des Nordostens Deutschlands mit Treibstoff. Sie gehört mehrheitlich zwei Töchtern des russischen Staatskonzerns Rosneft. Bis Ende 2022 verarbeitete PCK vor allem Rohöl aus Russland. Die Bundesregierung beschloss im Zuge der Sanktionen wegen des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine einen Verzicht auf russisches Öl. Als Alternative kommt Öl über Danzig und Rostock sowie aus Kasachstan. Der Bund verhängte im September 2022 eine Treuhandverwaltung über Rosneft Deutschland und RN Refining & Marketing, die Mehrheitseigner von PCK. Dies begründete er mit einer drohenden Gefahr für die Versorgungssicherheit in Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Foto: Patrick Pleul/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Patrick Pleul)

Zeigt man die Preiskurve der tonangebenden russischen Ölsorte Urals in einem Diagramm, läuft sie von links unten auffällig nach rechts oben. Kostete das russische Öl im Mai noch rund 55 Dollar je Fass, liegt der Preis inzwischen bei knapp 78 Dollar. «Die Preise für russische Ölsorten liegen aktuell weit über dem Ölpreisdeckel des Westens», sagt Ölexperte Thomas Benedix von der Fondsgesellschaft Union Investment. Eigentlich, könnte man sagen, dürfte es diesen Ölpreis gar nicht geben. Zumindest, wenn es nach dem Westen geht.

Wochenlang hatten die Beamten der US-Administration am Konzept eines Ölpreisdeckels geschraubt – und schlussendlich die G-7-Staaten überzeugt. Westliche Reedereien sollten Transporte nur dann abwickeln können, wenn der Preis des verschifften Öls unter der Marke von 60 Dollar je Fass liegt. Westliche Versicherungen sollten auch nur dann Schiffe und Ladung absichern. Wie aber passt das zur steigenden Kurve russischer Ölpreise?

Auf den ersten Blick sah es so aus, als funktioniere der Preisdeckel

Wer das verstehen will, muss dem Weg des russischen Öls folgen. Traditionell brachten die russischen Konzerne ihr Öl über Pipelines in Richtung Europa und über die westlichen Häfen: Primorsk und Ust-Luga unweit von Sankt Petersburg, ausserdem Noworossijsk am Schwarzen Meer. «Westliche Käufer sind für russisches Öl im Grunde weggefallen», sagt die Ökonomin Elina Ribakova von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel in einer Analyse. Weil westliche Käufer aber kaum noch ordern, musste Russland sein Urals-Öl an seinen Westhäfen zeitweise mit grossen Rabatten verkaufen. Manche sagen gar: verramschen. Teilweise musste das Land mit Nachlässen von 40 Dollar auf den Weltmarktpreis nachhelfen, um zum Beispiel indische Käufer anzulocken.

Für den Westen wirkte es, als funktioniere der Ölpreisdeckel. Monatelang wechselte russisches Urals-Öl schliesslich für 50 Dollar den Besitzer, vielleicht auch mal für 55 Dollar. Was wirklich am russischen Ölmarkt passierte, nahm jedoch kaum jemand wahr. Auf Russlands Ölmarkt im Fernen Osten schien niemand zu schauen, die Ferne steckt schliesslich schon im Wort.

Im Hafen Kosmino, wo Japan und China näher sind als Moskau, stellte sich die Angelegenheit anders dar. Der Ökonom Benjamin Hilgenstock von der Kyiv School of Economics beobachtet seit Monaten zusammen mit anderen Forschern russische Exportdaten, Zahlen von gut informierten Datendiensten und die Finanzterminals der Börsenprofis. Sein Fazit: Selbst direkt nach dem Start des Preisdeckels im Dezember 2022 lagen 95 Prozent der Ölverkäufe im Hafen Kosmino im äussersten Osten Russlands über dem Preisdeckel. Gut und gerne 75 Dollar zahlten viele Käufer, teilweise bis zu 85 Dollar je Fass. Das zeigen Hilgenstocks Daten.

«Wahrscheinlich sind die Papiere schlicht gefälscht worden.»

Brüsseler Denkfabrik Bruegel

Im Hafen Kosmino ging traditionell schon immer viel Öl nach Asien. Neue Käufer brauchte es kaum, Preisnachlässe schon gar nicht. Selbst direkt nach dem Start des Ölpreisdeckels stammte mehr als die Hälfte der Öltanker in Kosmino nach Analyse der Forschergruppe entweder von einer westlichen Reederei oder waren von einer westlichen Versicherung geschützt. Dass die Reedereien und Versicherungen die Ölpreise nicht prüften, halten Experten für unwahrscheinlich. «Wahrscheinlich sind die Papiere schlicht gefälscht worden», sagen die Forscher der Brüsseler Denkfabrik Bruegel.

Jeden Tag bleibt viel Öl im Boden, was die Preise treiben soll

Russland versucht nun jedoch, auch die Ölpreise an der Ostsee und im Schwarzen Meer zu treiben. Zusammen mit Saudiarabien lässt das Land jeden Tag 1,3 Millionen Fass Öl im Boden, die es eigentlich fördern und exportieren könnte. Das soll den Ölmarkt knapp halten und die Preise treiben. Inzwischen ist Öl so knapp geworden, dass die Käufer auch an den russischen Westhäfen deutlich geringere Rabatte durchsetzen können.

Die Konsequenz? Auch an den Westhäfen liegen die Preise für russisches Öl längst weit über der Marke von 60 Dollar je Fass.

Insgesamt verschiffte Russland zwischen Januar und September nach Ansicht der «Internationalen Arbeitsgruppe zu Sanktionen» 65 Prozent seines Öls über westliche Schiffe oder mit westlicher Versicherung. Sanktionsexperten fordern die G-7-Staaten daher auf, Verstösse gegen den Preisdeckel schärfer zu ahnden. Attestierungen über den Preis der Schiffsladungen sollten nur von registrierten Ölhändlern ausgestellt werden dürfen, um zwielichtige Handelsfirmen in Hongkong oder den Vereinigten Arabischen Emiraten auszuschliessen. Auch die Versicherer sollten genauer hinsehen. Die US-Administration versucht es nun offenbar mit sanftem Druck: Sie soll Versicherer, Reeder und Ölfirmen angeschrieben haben. Die Tonlage, so melden es Nachrichtenagenturen, war eher freundlich.

Diese Freundlichkeit hat ihren Preis: Jeder Dollar weniger bei den russischen Ölpreisen bedeutet für den Kreml drei Milliarden Dollar weniger Exporteinnahmen. So haben es die Kiewer Forscher kalkuliert. 41 Milliarden Dollar sollen die russischen Ölkonzerne dieses Jahr bereits an die russische Staatskasse überwiesen haben.