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Ukrainer-Flucht nach Polen
Warschau ist schon um 300’000 Menschen gewachsen

Fast 1,9 Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine sind bisher in Polen angekommen: Flüchtlingsunterkunft in einem Sportzentrum in Warschau.
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Rafal Trzaskowski braucht jetzt die Hilfe der gesamten Welt, so sagt er selbst. Da kommt es gelegen, dass er perfekt Englisch spricht. Seine Bitten trägt er immer wieder eindringlich bei Nachrichtensendern wie CNN, MSNBC und BBC vor. Trzaskowski ist Bürgermeister von Warschau, oder wie man in Polen sagt: Stadtpräsident, und seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine ist die Bevölkerung, für die er zuständig ist, um 15 Prozent gewachsen.

Mehr als 300’000 Menschen aus der Ukraine sind in den vergangenen zwei Wochen in der polnischen Hauptstadt, wo 1,8 Millionen Menschen leben, untergekommen. Zwar wollen nicht alle, die in Warschau ankommen, auch in Warschau bleiben. (Lesen Sie zum Thema auch den Artikel «Flucht aus der Ukraine: Wohin sie gehen?».)

Trotzdem brauchen sie oft erst einmal einen Schlafplatz, Ruhe, Essen, Auskünfte. In der Haupthalle des Warschauer Zentralbahnhofs gibt es kaum ein Durchkommen, Bahnsteige, von denen Züge nach Westen fahren, vor allem nach Deutschland, werden regelrecht belagert. 8500 Freiwillige sind im Einsatz, Tausende Warschauer haben Flüchtlinge in ihren eigenen Wohnungen aufgenommen. Doch jetzt wird es eng.

Dringlich im Ton, aber sachlich und lösungsorientiert

Eine solche Aufgabe kann kein Land und keine Stadt allein lösen. Doch anders als die polnische Regierung hat Trzaskowski keine Scheu, um Hilfe zu rufen. Viele Städte Polens fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen, die ausgerechnet jetzt den Kommunen Mittel für Sozialausgaben streicht. Zumal Städte, deren Bürgermeister (wie Trzaskowski) einer Oppositionspartei angehören, ohnehin oft benachteiligt werden.

Vor anderthalb Jahren wollte Trzaskowski als Kandidat der wirtschaftsliberalen Partei «Bürgerplattform» vom Präsidenten seiner Geburtsstadt zum Präsidenten des ganzen Landes werden – und unterlag knapp dem Kandidaten der Regierungspartei PIS, Andrzej Duda, der sein Amt verteidigen konnte.

Trzaskowski, 50 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, Sohn eines Musikers, überzeugter EU-Bürger und früher Dolmetscher für Englisch, hat vor allem im Präsidentschaftswahlkampf unsägliche Diffamierungen von rechts ertragen müssen. Nicht zuletzt weil er sich deutlich für die Rechte der LGBT-Gemeinde einsetzte, überzog ihn das Wahlkampfteam Dudas mit schlimmsten Verleumdungen, etwa dass er Kindeswohl gefährde. Doch es ist nicht seine Art zurückzuschlagen.

«Wir Polen sind Weltmeister im Improvisieren»: Rafal Trzaskowski, Bürgermeister von Warschau.

Und auch jetzt tritt er zwar dringlich im Ton, aber sachlich und lösungsorientiert auf. Praktisch im Stundentakt bringt Trzaskowski Experten an einen Tisch: Er trifft sich mit Regierungsvertretern anderer EU-Länder, mit Exponenten des Flüchtlingshilfswerks UNHCR sowie den vielen polnischen Nichtregierungsorganisationen, auf denen bislang eine Hauptlast bei der Betreuung der Flüchtlinge liegt.

«Wir Polen sind Weltmeister im Improvisieren», sagt Trzaskowski gern in seinen Fernsehauftritten. «Aber jetzt können wir nicht mehr improvisieren.» Jetzt müsse man organisieren, EU und UNO hätten Pläne und Mittel dazu. «Aber die polnische Regierung muss diese Hilfe anfordern.» Bereits jetzt organisieren die Städte die Unterbringung und Weiterreise der Flüchtlinge untereinander – obwohl es eigentlich nicht in ihre Zuständigkeit fällt. (Lesen Sie zum Thema auch den Artikel «Ende einer Schweizer Odyssee».)

Ende der Partnerschaften mit russischen Städten

Die Städtepartnerschaft mit Moskau, St. Petersburg und anderen russischen Städten hat Trzaskowski beendet. Stattdessen baut er einen Verbund europäischer Städte auf, die gemeinsam ukrainische Städte unterstützen wollen. Staatspräsident Andrzej Duda hat in einer seiner Dienstvillen Flüchtlinge untergebracht.

Doch populistische Gesten passen nicht zu Trzaskowski, er lehnt auch eine überstürzte Umbenennung der Strasse vor der russischen Botschaft ab. Stattdessen fordert er nun den Bau einer ganzen Flüchtlingsstadt für Zehntausende Menschen. Erst mal in Warschau, dann auch an anderen Orten Polens. Dieser Stadtpräsident denkt längst über seine Stadt hinaus.

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