Radklassiker Paris–RoubaixEin Schweizer wird überfahren – und ein Star soll ein Betrüger sein
Das berühmt-berüchtigte Eintagesrennen gilt als Hölle des Nordens, geprägt von schlimmen Stürzen und heldenhaften Siegen. Ein Rückblick.

Paris–Roubaix gilt als Hölle des Nordens. Grausam und faszinierend zugleich. Eine einzige Schatzkiste, reich an Dramen und Anekdoten. Es ist der Klassiker schlechthin im Radsport, kein Eintagesrennen zieht die Leute derart in den Bann. Seit 1896 gibt es die Veranstaltung, die am Sonntag über 259 Kilometer und 30 Kopfsteinpflasterpassagen von Compiègne bis ins Velodrom von Roubaix führt.
Die sogenannten Pavé-Abschnitte sind berühmt-berüchtigt. Wenn es regnet, wird es auf den Pflastersteinen ungemein rutschig, dann stürzen die Fahrer meist reihenweise. Und sehen auf ihren Rädern aus wie Urgestalten, weil sie von Schlamm bedeckt sind. Ist es trocken, stürmen sie wie Büffelherden durch die Wälder, eine riesige Staubwolke aufwirbelnd.
Das Radmonument garantiert Sport in seiner ursprünglichsten Form. Und allerlei Geschichten.
1908: Sieg trotz Kollision
Normal läuft es nie ab, wenn Cyrille Van Hauwaert in der Hölle des Nordens antritt. 1908 gewinnt er im Schneetreiben, obwohl er kurz vor dem Ziel von einem Offiziellen umgerannt wird. Zwei Jahre zuvor bringt er diverse Konkurrenten zu Fall, weil er von der falschen Seite aus ins Velodrom gefahren ist.
Und 1907 setzt er sich mit einer Attacke in der Verpflegungszone ab, bereut das aber bald, weil er hungrig wird. So kehrt er um, kauft sich in einem Laden etwas – und wird dennoch Zweiter. Beinahe reicht es zum Sieg, weil Georges Passerieu am Eingang zur Radrennbahn von einem Polizisten einige Minuten aufgehalten wird, der überprüft, ob er die Gebühr für die Benützung der Strassen bezahlt hat.
1919: Durch den Zug aufs Podest
Zusteigen, bitte! Mit zwei anderen Ausreissern steht Henri Pélissier auf einmal vor einer geschlossenen Bahnschranke, hinter der ein Zug gestoppt hat. Der Franzose reagiert sofort: Er nimmt sein Rad, reisst die Tür eines Waggons auf, steigt ein, auf der anderen Seite wieder aus und fährt davon. Die Fluchtkollegen holen ihn später zwar wieder ein, Pélissier aber siegt dennoch.
1934: Mit dem Damenrad ins Verderben

Ein paar Kilometer vor dem Ziel hat Roger Lapébie einen Platten. Der Franzose weiss sich zu helfen, schnappt sich das Damenrad einer Zuschauerin und radelt weiter. Später tauscht er das Gefährt gegen ein Rennvelo aus und gewinnt – zum Sieger jedoch wird er nicht erklärt. Vor dem Rennen sind die Räder markiert worden, Wechsel sind zu jener Zeit noch nicht erlaubt. Und Lapébie? Ist untröstlich und hat einen Weinkrampf.
1985: Der legendäre Wutausbruch
Verschlammt, frustriert und mit Schmerzen steht Theo de Rooij am Strassenrand. Er hat das Rennen aufgeben müssen und sorgt doch für einen Aufreger, weil er das wohl legendärste Zitat über Paris–Roubaix von sich gibt. «Dieses Rennen ist völliger Schwachsinn», sagt der Holländer. «Du arbeitest wie ein Tier, hast keine Zeit zum Pinkeln, machst dir in die Hose. Du fährst im Schlamm, rutschst aus, es ist einfach nur Scheisse.»
Hier wird Inhalt angezeigt, der zusätzliche Cookies setzt.
An dieser Stelle finden Sie einen ergänzenden externen Inhalt. Falls Sie damit einverstanden sind, dass Cookies von externen Anbietern gesetzt und dadurch personenbezogene Daten an externe Anbieter übermittelt werden, können Sie alle Cookies zulassen und externe Inhalte direkt anzeigen.
Nachdem er sich in seinen Furor geredet hat, wird er gefragt, ob er nie wieder antreten werde. «Doch, sicher», antwortet De Rooij: «Denn es ist das schönste Rennen der Welt.»
1988: Der verhängnisvolle Plastiksack
Es ist seine Chance. Eine, die nur einmal im Leben kommt. Aber Thomas Wegmüller nutzt sie nicht. Wegen eines Plastiksacks. Auf dem letzten Kilometer fährt der Schweizer mit dem damals selbst bei vielen Radsportfans unbekannten Belgier Dirk Demol voraus, er ist der klare Favorit für den Zielsprint, doch dann passiert es: Eine vom Wind aufgewirbelte Tüte verfängt sich in Wegmüllers Übersetzungswechsel, auf die Schnelle lässt er sich nicht entfernen.
Auf der Zielgeraden kann der Berner nicht mehr richtig schalten, muss einen zu grossen Gang treten und ist chancenlos. Es siegt Demol, der zuvor und danach so gut wie nichts gewinnt.
1998: Es droht die Amputation
Wie so oft ist es nass und rutschig, als das Peloton mit über 50 km/h durch den Wald von Arenberg rast. Diverse Fahrer stürzen, darunter auch Johan Museeuw, ein ehemaliger Sieger und Topfavorit. Der Belgier rutscht auf einem Haufen Pferdemist aus, die Kniescheibe zersplittert. Das Knie ist komplett offen, sogar der Knochen ist zu sehen.

Den Ärzten bereitet die infizierte Wunde Sorgen, zunächst erwägen sie gar, das Bein zu amputieren. Glücklicherweise wird er wieder gesund – 2000 und 2002 gewinnt er den Klassiker nochmals.
2006: Cancellara und die Bahnschranke
25 ist Fabian Cancellara, als ihm sein Meisterstück gelingt. Als erster Schweizer seit 83 Jahren und dem Sieg von Heiri Suter triumphiert er beim Klassiker, seinem Angriff gut 20 Kilometer vor dem Ziel hat keiner etwas entgegenzusetzen. Zudem erhält der Berner spezielle Hilfe: Seine Verfolger Peter van Petegem, Wladimir Gussew und Leif Hoste werden von einer geschlossenen Barriere aufgehalten.

Was ihnen jedoch wurst ist: Sie überqueren die Gleise trotzdem – und werden nachträglich disqualifiziert. Cancellara aber hätte sowieso gewonnen, darin sind sich alle einig. Er sagt später: «An diesem Tag konnte mich nichts stoppen, ich flog quasi über die Strasse.» 2015 übrigens schummeln sich wieder einige Fahrer trotz geschlossener Schranke über die Gleise. Daraufhin erstattet die französische Bahn gar Anzeige.
2010: Cancellara und der Motor-Vorwurf
Wieder Fabian Cancellara, wieder eine Triumphfahrt. Es ist sein zweiter von insgesamt drei Siegen – und einer, der nachhallt. 50 Kilometer hat er noch vor sich, als er allen davonfährt, eine Stunde allein im Wind wie ein Verrückter strampelt und am Ende mit zwei Minuten Vorsprung reüssiert. Danach heisst es, er habe nur gewonnen, weil ein kleiner Motor in der Sattelstütze eingebaut gewesen sei, den er per Knopfdruck habe aktivieren können.

Cancellara lächelt die Vorwürfe nur weg, kuriose Youtube-Filmchen reichen als Belege auch nicht aus. Zehn Jahre später werden die Untersuchungen eingestellt, es gebe mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit kein mechanisches Doping im Radsport, resümiert der Rad-Weltverband (UCI).
2011: Zwei Triumphe auf einmal

Die Favoriten belauern sich in der Schlussphase gegenseitig und vergessen einen, den keiner auf der Rechnung hatte. Johan Vansummeren attackiert, man lässt ihn gewähren, im Velodrom von Roubaix triumphiert er völlig unerwartet. Dem nicht genug: Kurz nach seiner Zieldurchfahrt macht er seiner Verlobten einen Antrag – ebenfalls mit Erfolg. Statt eines Rings schenkt der Belgier seinem Schatz den Pokal in Form eines Pflastersteins.
2017: Küng wird überfahren
Was schiefgehen kann, geht schief bei Stefan Küng. Einen ersten Sturz übersteht er zwar weitgehend unbeschadet, später jedoch wirft ihn ein platter Reifen zurück. Er kämpft sich wieder ins Feld, doch der Ostschweizer kommt nochmals zu Fall – zu allem Übel fährt ihm dabei ein Materialwagen über den Arm. Mit höllischen Schmerzen fährt er noch rund 70 Kilometer weiter, danach steigt er in den Besenwagen. Alles in allem hat er gewaltiges Glück im Unglück.
2023: Den Ziegen und Schafen sei Dank

Wenn es regnet, sind die Kopfsteinpflasterpassagen besonders rutschig und damit gefährlich, erst recht, wenn in den Fugen noch Gras wächst. Dieses versuchten die Organisatoren von Paris–Roubaix lange mit riesigen Bürsten zu entfernen, die hinter Traktoren hergezogen wurden, teils wurde das Gras auch abgefackelt. Es nützte nicht viel. Und so knabbern seit 2023 im Vorfeld des Klassikers tatsächlich Ziegen und Schafe auf den Pavés. Mit Erfolg.
Fehler gefunden?Jetzt melden.