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Studie zu antimuslimischem Rassismus
«Dann hat mich die Lehrerin nie mehr dumm angemacht»

Arabische Touristen am Bürkliplatz in Zürich an einem sonnigen Tag, mit einem Schiff im Hintergrund. Eine Frau in rosa Kleidung und Kopftuch steht im Vordergrund.
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In Kürze:
  • Eine Studie der Universität Freiburg zeigt anhand von Gesprächen mit Fachleuten, Verbänden und Betroffenen auf, wie es Muslimen in der Schweiz geht.
  • Viele berichten von Ausgrenzungs­erfahrungen im täglichen Leben oder in der Schule.
  • Es gibt Bewältigungsstrategien. Manche konzentrieren sich auf die positiven Erfahrungen oder schalten in den Kampf-Modus.

Mehr als ein Drittel der Schweizer Bevölkerung hat eine negative Einstellung gegenüber Musliminnen und Muslimen. Eine Studie des schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg, die auf Gesprächen mit Fachleuten, Behörden, muslimischen Verbänden und Betroffenen basiert, zeigt, wie Muslime damit leben. Auftraggeberin ist die Fachstelle für Rassismusbekämpfung beim Bund.

Muslime oder Menschen, die wegen Herkunft, Name oder Aussehen dem Islam zugeschrieben werden, seien stärker als andere Minderheiten von Ablehnung betroffen, heisst es in der Studie. Das wirkt sich auf ihre Bildungs- und Jobchancen aus, auf ihre medizinische Versorgung, aber auch auf das Sicherheitsgefühl und das Verhältnis zu den Nachbarn.

Das sind die wichtigsten Befunde.

Politik

Auf eidgenössischer wie kantonaler Ebene gibt es immer wieder Vorstösse und Initiativen, die den Islam problematisieren. Dieser wird von allen Religionen mit Abstand am meisten thematisiert. Forderungen sind etwa ein Kopftuchverbot an Schulen. Der Kanton Genf hat 2019 das sogenannte Laizitätsgesetz eingeführt, das Staatsangestellten verbietet, Zeichen der Religionszugehörigkeit zu tragen. Das Gesetz betreffe hauptsächlich Frauen wegen des Kopftuchs. Und: Muslimische Frauen mit Kopfbedeckung erfahren deutlich mehr Rassismus als muslimische Männer mit religiöser Kopfbedeckung.

Medien

Ereignisse wie der 11. September 2001 oder Terroranschläge in europäischen Ländern haben dem antimuslimischen Rassismus jeweils Schub verliehen. Ab 2003 stellen die Studienautoren in den Medien eine zunehmende Problematisierung von Muslimen und Islam fest. Ab 2017 handelte jeder zweite Medienbetrag über Islam und Muslime von Radikalisierung und Terror.

Bildung

Muslime berichten von ausgrenzenden Erfahrungen in der Schule: Lehrpersonen, die sie aufgefordert haben, das Kopftuch abzulegen oder eine Stelle aus dem Koran herauszusuchen. Betroffene und Fachleute gehen davon aus, dass Muslime geringere Bildungschancen haben, weil Lehrpersonen tiefere Erwartungen haben an die schulische Leistung oder weil sie Muslime bei gleichen Noten wie Nicht-Muslime in ein tieferes Niveau einstufen.

Frau F. erzählt den Studienautoren, dass sie sich gegen Widerstände durchsetzen musste, um das Gymnasium zu besuchen und die Matura zu machen. Oft nähmen Lehrpersonen an, dass muslimische Schülerinnen und Schüler zu Hause wenig Unterstützung haben. Lou erzählt, dass sie Mühe hatte mit einer Lehrerin und ihre Mutter die Lehrerin dann anrief. «Dann habe ich gemerkt, okay, anscheinend wenn sich nur schon meine Mutter melden kann, etwas sagen kann, kann es so einen krassen Turn haben, dass meine Noten direkt so weit raufgehen. Die Frau hat mich nie mehr dumm angemacht.»

Arbeitslosigkeit

Muslime haben ein 2,4-mal höheres Risiko, arbeitslos zu sein als Nicht-Muslime. Dieses Risiko sinkt zunächst mit höherer Ausbildung, Lehrabschluss oder Matura – es steigt aber wieder mit Hochschulabschluss. Dies, weil hoch dotierte Stellen hart umkämpft seien, vermuten die Studienautoren. Bei einer Frau, die sich um ein Praktikum in einer Apotheke beworben hat, hiess es, Kundinnen oder Patienten könnten angesichts einer Person mit Hijab «schockiert» oder «beunruhigt» sein.

Das Kopftuch könnte dem «Vertrauensverhältnis mit der Kundschaft schaden». Selbst mit ausgezeichneten Zeugnissen haben es Frauen mit Kopftuch schwer, eine Lehrstelle zu finden. Sie müssen das Kopftuch ablegen oder sich umorientieren.

Alltag

Frauen mit Kopftuch erfahren auch im Alltag konkrete Benachteiligungen. So wurde untersucht, ob sie anders behandelt werden als Frauen ohne Kopftuch, etwa, wenn sie auf der Rolltreppe falsch stehen oder jemanden fragen, ob sie das Telefon für einen dringenden Anruf benutzen dürfen. Frauen mit Kopftuch würden deutlich öfter sanktioniert und erhielten weniger Hilfe, so der Befund.

Die Situation hat sich nochmals verschärft

Man wisse von Untersuchungen des Bundesamts für Statistik, dass die feindselige Einstellung gegenüber Muslimen stärker sei als gegenüber anderen Gruppierungen, sagt Marianne Helfer, Leiterin der Fachstelle für Rassismusbekämpfung (FRB). Deshalb habe die FBR diese Studie bestellt. Sie wurde 2023 gemacht, noch vor dem 7. Oktober 2023, der Hamas-Attacke auf Israel. Inzwischen habe sich sowohl der antimuslimische Rassismus als auch der Antisemitismus nochmals deutlich verschärft.

Hansjörg Schmid, Direktor des schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft an der Universität Freiburg, verantwortlich für die Studie, verweist auf die Impulse zur Veränderung. Zwar zeige die Studie erschreckende Auswirkungen von Rassismus wie Angst, Frust, emotionale Belastung und Nachteile in Bildung und Beruf. Doch die Betroffenen seien nicht nur Opfer, sondern auch Akteurinnen und Akteure.

«Je nachdem schreie ich zurück»

Eine Bewältigungsstrategie ist etwa, die negativen Erfahrungen und Empfindungen zu verdrängen. So sagt Latif, einer der Gesprächspartner, als er nach Diskriminierungserfahrungen gefragt wird: «Kann man auch mit dem Positiven anfangen, bitte?» Er sei stolz, glücklich und dankbar, Muslim zu sein. Indem er sich gut verhalte, wolle er zeigen, «dass der Islam etwas anderes ist» als die medial vermittelten, negativ geprägten Darstellungen.

Sein Arbeitgeber, erzählt Latif, habe es zugelassen und sogar gefördert, dass er während der Arbeitszeit beten konnte. «Ich will euch nur sagen, es gibt Leute, die Herz haben.» Murad erzählt vom Militärdienst und beschreibt die Rekruten als sehr entgegenkommend: Während er im Gebet gewesen sei, hätten sie sogar den Anstand gehabt, die Musik abzustellen.

Eine weitere Bewältigungsstrategie ist der Kampf-Modus. Davon berichtet Lou, eine jüngere Frau, sie macht einen unbeschwerteren Eindruck als andere in der Gesprächsrunde. Mit ihrer konfrontativen Art bricht sie manchmal bewusst mit dem Bild der unfreien und unterdrückten muslimischen Frau. Sie scheine daraus Kraft zu ziehen, heisst es.

Lou bezeichnet sich als «frech» und sagt, sie habe eine «grosse Fresse». So kommt es vor, dass sie einen schlechten Tag hat, und dann kommt einer, der etwas sagt wie «dein Kopftuch schützt dich auch nicht». Je nachdem, wie ihr gerade zumute sei, sage sie etwas zurück oder «ich schreie etwas zurück und beziehe dann alle, die zuschauen, grad mit ein. Ich mache dann wirklich grad alle fertig.»