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Nachruf auf Ellen Ringier
«Sie war eine unglaublich warme, herzliche Person»

Ellen Ringier am Utoquai in Zürich, 2018, auf einer von Bäumen gesäumten Allee mit dem See im Hintergrund. Foto von Reto Oeschger.
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Die Nachricht kam unerwartet. Ellen Ringier sei am Mittwoch im Alter von 73 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben, meldete der «Blick». Eingeweihte hatten es gewusst: Im Sommer wurde bei der Verlegerin Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Es folgte ein Kampf mit Therapie, Bangen und Hoffen. Ellen Ringier hinterlässt ihren 75-jährigen Mann, zwei Töchter Mitte 30 und Enkelkinder. Und noch viel mehr, wie Ringier-CEO Marc Walder im Nachruf schrieb: «Ihr Vermächtnis wird weit über ihre Zeit hinausreichen.»

Ellen Ringier wuchs als älteste von drei Schwestern in Luzern auf, der Vater war Pelzhändler, die Mutter entstammte einer britisch-jüdischen Bankiersfamilie. Religion spielte eine kleine Rolle im Elternhaus, humanistische Bildung und Engagement eine grosse. «Im Leben geht es einzig darum: anderen eine Chance geben» – ein Zitat von Ringiers Grossvater, der sie sehr geprägt habe, so sagte sie es vor Jahren in der SRF-Sendung «Glanz & Gloria».

Der Grossvater, der sein Vermögen für wohltätige Zwecke ausgab, habe ein «kleines Sümmchen» für seine Enkeltöchter beiseitegelegt, damit sie nicht von ihren Ehemännern abhängig sein müssten. Bei ihr wäre es nicht nötig gewesen, schob sie nach, erstens habe sie einen sehr grosszügigen Mann geheiratet, und zweitens habe sie selber als Juristin einiges erarbeitet.

Ein «Fritz und Fränzi» hätte Ellen Ringier sich gewünscht

Sie doktorierte mit 29 an der Universität Zürich, da war sie schon seit vier Jahren verheiratet. Kennen gelernt hatte sie Michael Ringier an der Luzerner Fasnacht. Ellen Ringier, damals Lüthy, war 22 Jahre alt, ihr Zukünftiger zwei Jahre älter. Es folgten Jahre in Deutschland, dann in Zürich, mit einem Haus in Küsnacht und Ferienhäusern in Graubünden und Frankreich. Jahre der Elternschaft mit zwei Töchtern. Und Jahre des Engagements.

Michael und Ellen Ringier bei einer Betriebsfeier zu Michael Ringiers 50. Geburtstag im Jahr 1999; beide lächeln sich an. Foto von Werner Fischer.

Elternzeitschriften, sofern es sie denn gab, handelten bis in die Neunziger von Breirezepten und wunden Baby-Popos. Ellen Ringier hatte genug davon und lancierte 2001 «Fritz und Fränzi», ein Magazin, das die wirklich wichtigen Themen behandeln sollte: Schulabbrüche, Leseschwächen, dysfunktionale Familien. Ellen Ringier hatte es selber erlebt: Ihre Teenager-Töchter forderten sie auf eine Weise heraus, wie sie es sich nicht hätte vorstellen können. Ein «Fritz und Fränzi» hätte sie sich in jener Zeit selbst gewünscht.

Das Magazin war das bekannteste Projekt von Ellen Ringier, in der Medienwelt eine etablierte Stimme. Die Verlegerin setzte sich höchstpersönlich ans Telefon und akquirierte Inserate, worauf sie sich nicht selten anhören musste: «Ihr Mann hat doch so viel Geld, warum sponsert nicht er das Magazin?» Weil Michael und Ellen Ringier vereinbart hatten, dass er sein Geschäft betreibt und sie ihres – darum. Das musste sie im Laufe ihres Lebens vielen Leuten klarmachen.

Grossmami war «aus dem Häuschen»

Dennoch war sie bei den Mitarbeitenden des Pressehauses an der Dufourstrasse eine bekannte Grösse, ass hin und wieder in der Kantine oder wurde auch einmal in den Gängen oder im Lift angetroffen, wie manche erzählen. Ihr Büro hatte sie vis-à-vis dem Ringier-Gebäude im Zürcher Seefeld.

Ellen Ringier in einem Büro am Utoquai, umgeben von Büchern und Papieren, mit einem geöffneten Fenster im Hintergrund.

Auch ohne operative Rolle im Unternehmen sei Ellen Ringier eine wichtige Führungsfigur gewesen, sagt Hannes Britschgi, der rund ein Vierteljahrhundert für Ringier tätig war. «Ihre Wärme, Energie und ihr Engagement waren spürbar, wann immer sie auftauchte.» An ausgewählten Anlässen sei sie überraschend erschienen, etwa zum Abschiedsapéro eines Journalisten, und habe den Leuten damit Respekt gezollt. Wie sehr sie Familienmensch sei, habe er gesehen, als ihre erwachsene Tochter mit Enkelkind im Pressehaus hereinschaute. «Ellen war total aus dem Häuschen», erinnert sich Britschgi.

Anordnungen hat sie den Chefredaktoren von Ringier nicht gegeben, Inputs geliefert aber schon. Alles andere wäre bei ihrem Engagement seltsam gewesen. In den Neunzigern hatte sie das Open-Air-Festival «Rock gegen Hass» gegründet. Ihre wichtigsten Themen blieben Bildung, Gleichstellung, Chancengleichheit und Familien. Warum die Schweiz nicht eine progressivere Bildungs- und Familienpolitik betreibt, war ihr ein Rätsel. Kinder müssten doch heute IT-Sprache und programmieren lernen, stattdessen werweisse die Politik immer noch, ob Englisch oder Französisch die erste Fremdsprache sein sollte, sagte sie einmal. 

Ringier forderte darum einen achten Bundesrat – und ein Departement für Familienpolitik. «Relevanz im Journalismus war ihr wichtig, das habe ich gespürt», sagt der frühere «Blick»-Chefredaktor Christian Dorer. Wenn Ellen Ringier mit ihm einen Kaffee trinken ging, dann wollte sie etwas loswerden. «Wenn der ‹Blick› kämpferisch war, hatte sie Freude.»

Selber in die Politik ging sie trotzdem nicht. Die beiden Male, die sie für eine Nationalratskandidatur angefragt wurde, waren ihre Kinder im Teenager-Alter. Die blockweisen Abwesenheiten habe sie ihnen nicht zumuten wollen, sagte sie im Fernsehen.

Für andere da sein

«Mit Ellen blieb es nie lange beim Small Talk», sagt Marc Walder, CEO und Weggefährte der Familie Ringier. Man habe sich mit ihr jeweils schnell in einer guten, tiefen Diskussion befunden, in der es um die grossen Fragen gegangen sei, um das gesellschaftliche Miteinander. «Sie war eine unglaublich warme, herzliche und verbindliche Person», sagt er.

So viel Gutes – wo ist ihre schwache Seite? Eine Fernsehmoderatorin fragte sie einmal danach, und Ellen Ringier reagierte wie immer entwaffnend offen. Sie habe zwei Seelen in ihrer Brust, eine starke und eine zweifelnde, sagte sie. Zur schwachen Seite gehöre ein schwerer Skiunfall, da war sie rund 40, es folgten schwierige Operationen, Übergewicht. Fast wäre sie gestorben. Das Erlebnis raubte ihr Energie und Freude. Sie prozessierte wegen eines mutmasslichen Ärztefehlers und verlor. 

Ob sie schon als Teenager rebelliert habe, wurde sie gefragt. Dafür sei wenig Platz gewesen, aber die Mutter habe ein liebes, warmes Ambiente geschaffen. «Rede, wenn du etwas zu sagen hast», habe sie auf Englisch gesagt. Hingegen wäre sie vom Vater gebremst worden, wenn sie sich politische Statements angemasst hätte. «Verdiene erst dein eigenes Geld, bevor du den Mund so weit aufmachst», hätte er gesagt. Ein strenger Vater, dessen Anerkennung sie ein Leben lang suchte.

Sie sei immer für andere da gewesen, sagt Marc Walder, von morgens bis abends. Auch damit hat sie anderen Menschen einen Dienst getan: mit ihrer Art, über schwierige Themen ihrer Biografie offen zu sprechen – genauso wie über alles andere.