Gefahr im SüdatlantikWeltgrösster Eisberg driftet auf Insel zu, was Pinguine und Robben bedroht
Der Koloss A23a nähert sich mit Südgeorgien einem bedeutenden Habitat von Vögeln und anderen Tieren. Droht ein Massensterben wie 2004?

Der grösste Eisberg der Welt, A23a, ist auf Kollisionskurs mit Südgeorgien, einer abgelegenen Insel im Südatlantik – und stellt eine wachsende Gefahr für die dort lebenden Tiere dar. Auch im Schiffsverkehr rund um die Insel steigt die Nervosität.
«Eisberge sind von Natur aus gefährlich. Ich wäre ausserordentlich froh, wenn dieser uns einfach komplett verfehlen würde», lässt Simon Wallace, Kapitän eines lokalen Patrouillenschiffs zur Fischereiüberwachung, in einem Bericht des Senders BBC wissen.

Die britische Überseeinsel Südgeorgien und der Eisberg A23a sind mit rund 3500 Quadratkilometern beide etwa gleich gross.
Die Dimension des Eiskolosses lässt sich nur schwer vorstellen: Nähert man sich ihm mit einem Schiff, so kann man Seitenansichten des Eisbergs gewinnen, bekommt diesen aber nicht als Ganzen in den Blick. Dafür ist er mit einer Länge von gut 70 Kilometern und einer Breite von etwa 60 Kilometern schlicht zu gross. Die Fläche von A23a entspricht in etwa jener Mallorcas.

In den letzten Wochen ist die Eisformation mehrere Hundert Kilometer Richtung Norden gedriftet. Derzeit befindet sie sich laut BBC etwa 280 Kilometer südlich von Südgeorgien.
Problematische Eisblöcke
Befürchtet wird, dass A23a vor der Küste zerbricht; kleinere und grössere Eisblöcke könnten dann über Jahre in den Gewässern treiben oder liegen. Das wäre ein Problem für Tierpopulationen Südgeorgiens, darunter Königspinguine, See-Elefanten, Pelzrobben: Die Wege zu den Futtergründen im Meer wären versperrt oder eingeschränkt. Das schmelzende kalte Süsswasser könnte generell das ökologische Gleichgewicht stören.

Unvergessen sind die Folgen von A38. Dieser riesige Eisberg zerbrach Ende 2003, worauf Bruchstücke in der Nähe Südgeorgiens auf Grund liefen. An den Stränden der Insel blieben tote Pinguinküken und Robbenbabys zurück. A76, ein weiterer Eisriese, verschonte die Insel 2023 und blieb – anders als befürchtet – nicht stecken.
Viel Verkehr in der Eisbergallee
Der Meeresbiologe Mark Belchier verweist gegenüber der BBC auf grössere Zusammenhänge: «Südgeorgien liegt in der Eisbergallee, sodass Auswirkungen sowohl für die Fischerei als auch für die Tierwelt zu erwarten sind.» Beide hätten eine «grosse Anpassungsfähigkeit», ist sie überzeugt. Bis auf eine Gruppe von Wissenschaftlern leben keine Menschen auf der unwirtlichen, zerklüfteten Insel.
A23a beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten: 1986 brach der Eisberg vom Filchner-Ronne-Schelfeis in der Antarktis ab, hing aber mehr als 30 Jahre lang am Meeresboden fest. Vermutlich weil der bis zu 400 Meter dicke Eispanzer etwas abschmolz, setzte er sich im November 2023 in Bewegung.

Wissenschaftler rechneten Ende 2023 damit, dass er auf seiner Reise durch zunehmend wärmere Gewässer bald zerbrechen und abschmelzen würde.
Doch über 1500 Kilometer nördlich des Ausgangspunkts, bei den Südlichen Orkneyinseln, zögerte A23a seinen Tod weiter hinaus: Der Eisberg war in einen Strudel im Südpolarmeer geraten und drehte sich acht Monate lang auf der Stelle. Der damals noch etwa 4000 Quadratkilometer grosse Eisberg setzte seine Reise Richtung Norden erst im letzten Dezember fort. Wie genau er durch den Südatlantik driften wird, lässt sich nicht vorhersagen.
Klar ist: Die steigenden Temperaturen auf dem Weg nach Norden, Winde und Strömungen setzen dem Giganten zu, er wird täglich kleiner. Beim langwierigen Zerfall hinterlässt er viele kleine und grössere Eisbrocken, die für Mensch und Tier eine Gefahr darstellen können. Das geschmolzene Süsswasser ist allerdings reich an Mineralien, die eine Nährstoffquelle für Meeresbewohner sind.
Fehler gefunden?Jetzt melden.