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125 Jahre Mercedes
Wie ein Frauen­name Automobil­geschichte schrieb

Mercédès Jellinek in einem Mercedes Rennwagen, umgeben von mehreren Männern, aufgenommen um 1906.
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Das Patent-Auto des deutschen Erfinders Gottlieb Daimler war bereits 15 Jahre alt, als es im April 1900 endlich den Entwicklungssprung von der antiquierten pferdelosen Motorkutsche zum modernen Motorwagen mit flacher, gestreckter Silhouette und tiefem Fahrzeugschwerpunkt schaffte. Plötzlich mutierte das Automobil vom Spielzeug einzelner reicher Enthusiasten zum begehrten, in grösserer Serie gebauten Luxusfahrzeug für die High Society – möglich gemacht durch den ersten Mercédès 35 PS, der im mondänen Nizza vorgestellt wurde. Und fast alle anderen Marken zogen nach.

Mercédès? Hinter dem neu kreierten Markennamen – anfangs noch mit markanten Akzenten über den beiden «e» – verbarg sich Mercédès Jellinek, die Tochter des erfolgreichen Daimler-Händlers Emil Jellinek. Der in Nizza und in Baden bei Wien residierende Jellinek feierte Ende der 1890er-Jahre unter dem Pseudonym «Monsieur Mercédès» mit Daimler-Modellen Motorsporterfolge und nahm für seine Kunden mehr als 60 Prozent der Daimler-Jahresproduktion ab.

Mit dieser Marktmacht setzte Jellinek bei Daimler durch, die Luxusmodelle unter dem Namen seiner Tochter vertreiben zu dürfen. Daimler beantragte daraufhin den Markenschutz für Mercédès. Jellineks Tochter liess sich fortan gerne werbewirksam mit den Fahrzeugen fotografieren – allerdings ohne jemals selbst ein Auto besessen zu haben. Als Daimler 1926 mit dem Konkurrenten Benz zur Daimler-Benz AG fusionierte, wurde der Markenname in Mercedes-Benz geändert. Damit begann eine neue Geschichte des Premium-Automobils, die bis heute andauert.

Bertha Benz wagte die erste Überlandfahrt

Ein weiblicher Vorname wie Mercédès für ein ausgesprochen maskulines Produkt galt um 1900 als Sensation, zumal fast alle Konkurrenten ihre Motorwagen nur nach deren Erfindern benannten. Schon seine Geburt verdankte das Patent-Automobil mehreren Männern: Nikolaus Otto und Wilhelm Maybach entwickelten zunächst geeignete Benzinmotoren, Carl Benz und Gottlieb Daimler 1886 die ersten Motorfahrzeuge.

Mercedes 35 PS von 1900, viersitzig, erstes Modell an Emil Jellinek geliefert, seitlich fotografiert.

Laufen lernen musste das junge Automobil dann aber mit einer Frau am Steuer. Es war Bertha Benz, die 1888 mit dem Patent-Motorwagen ihres Mannes die erste Überlandfahrt wagte und so das Auto werbewirksam in die Zeitungen brachte. In Weltstädten wie Berlin, Paris oder New York gab es schon bald die ersten Chauffeusen mit Fachkenntnissen, die alleinstehende Damen auf ihren Ausflügen begleiteten.

Als erster serienmässig hergestellter Kleinwagen sorgte 1894 der Benz Velo für Furore, geschickt beworben durch eine Werbefahrt von Clara Benz, der Tochter des stolzen Autopioniers Carl Benz. Vaterstolz war es auch, der den autoverrückten Geschäftsmann Emil Jellinek im Jahr 1900 den klangvollen spanischen Namen seiner 1889 geborenen Tochter Mercédès als Markenbezeichnung für Daimler-Modelle durchsetzen liess.

«Monsieur Mercédès» – eine Geste des stolzen Vaters

Ab 1897 war der österreichische Kaufmann Jellinek an der französischen Riviera in Nizza tätig, und dort erregte er mit seinen Fahrzeugen der Marken Benz und Daimler grosses Aufsehen. Im Jahr 1899 nutzte er bei Autorennen erstmals das Pseudonym «Monsieur Mercédès». Eine Geste gegenüber seiner Tochter, die seinen finanzstarken Bekanntenkreis ebenso beeindruckte wie die Fahrleistungen seines schnellen Daimler-Motorwagens.

Jellinek stieg zum grössten Daimler-Händler der Welt auf. Immer schneller, immer besser und immer leichter zu bedienen sollten die Automobile nach Jellineks Vorstellung werden und das Kutschenzeitalter hinter sich lassen.

Mercedes-Simplex 60 PS Reisewagen von Emil Jellinek, ausgestellt im Mercedes-Benz Museum.

Am 2. April 1900 vereinbarte der Grosshändler mit Daimler die Lieferung neu konstruierter Automobile und eines neuen Motors, der den Namen Daimler-Mercédès führen sollte. Als der erste Daimler-Mercédès des genialen Ingenieurs Wilhelm Maybach im Dezember 1900 bei Jellinek eintraf, war dieser begeistert: Der flache und leicht gebaute Wagen brach mit dem üblichen Kutschenlayout. Aber auch technisch machte er einen Sprung in die Zukunft. Das als Mercedes 35 PS vermarktete Modell – der Name wurde manchmal auch ohne Akzente verwendet – erreichte dank eines neuartigen 6-Liter-Vierzylinders mit revolutionärem Bienenwabenkühler fast 90 km/h, ein damals fulminantes Tempo.

Jellinek bestellte 72 neue Daimler unterschiedlicher Klassen, das waren mehr als 60 Prozent einer Daimler-Jahresproduktion. Vor allem aber sorgte der erste Mercédès vom Typ 35 PS mit Motorsporterfolgen bei der Semaine de Nice für Aufsehen. Triumphe, die geschickt global vermarktet wurden: Die Basis für Mercédès als erste automobile Luxusmarke überhaupt war gelegt.

Erstes automobiles Premium-Label

Emil Jellinek bekam 1903 die Erlaubnis, sich fortan Jellinek-Mercédès zu nennen. «Wohl zum ersten Mal trägt der Vater den Namen seiner Tochter», kommentierte er zufrieden. Der Name seiner Tochter erwies sich weiterhin als Glücksfall für den Stuttgarter Autobauer. Ob bei amerikanischen Millionären wie John D. Rocke­feller, John Jacob Astor und J. P. Mor­gan oder bei der europäischen Finanz-Hautevolee: Mercedes etablierte sich als erstes automobiles Premium-Label.

Reihe von klassischen Mercedes-Modellen, darunter Kompressor-Typen, S- und SL-Klasse, und ein moderner Mercedes-AMG auf einer leeren Fahrbahn.

Als 1926 die Konkurrenten Daimler und Benz fusionierten, entstand ein neues Markenzeichen: Der Stern ist umgeben von den Wortmarken Mercedes und Benz, beide verbunden durch einen Lorbeerkranz. Diese Symbole zieren die PW und LKW – Daimler Truck ist heute der global grösste Nutzfahrzeughersteller – bis heute. Ikonen wie die Kompressor-Modelle aus der Vorkriegszeit, die SL- und S-Klasse-Typen seit den Wirtschaftswunderjahren, aber auch Millionseller wie die gutbürgerlichen Klassen C und E sowie die vielen siegreichen Rennwagen polierten das Premium-Image, das nicht einmal durch die kleine A-Klasse Kratzer erhielt.

Heute ist Mercedes die wertvollste Premium-Automarke der Welt, eine Marke, der auch die Pop- und Rockmusik Reverenz erweist. Janis Joplin machte 1970 mit «Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz» den Anfang, die Eagles («Hotel California»), Sheila E. oder Pink folgten. Und Mercédès Jellinek? An die bereits 1929 verstorbene Namenspatin erinnern heute das Mercedes-Museum in Stuttgart sowie zwei nach ihr benannte Strassen. Und ein Name, den jedes Kind kennt.