Ticker zu Wohndemo in Zürich«Mehr Wohnungen, weniger Google» – Tausende demonstrieren, Badran mit einem Spruch und die eingeschlagene Scheibe
Am Samstagnachmittag haben einige tausend Zürcherinnen und Zürcher gegen die explodierenden Mieten und den Wohnungsmangel in der Stadt demonstriert. Wir berichteten live.

Das Wichtigste in Kürze:
Am Samstag führte eine Wohndemonstration von der Rathausbrücke in der City zum Helvetiaplatz im Kreis 4.
Angeprangert wurden die hohen Mieten, gefordert wurde Wohnraum für alle. Eine Rednerin stellte das Zahlen von Mietzinsen grundsätzlich infrage.
Die Wohnpolitik der Stadt Zürich und die SBB kamen in Reden nicht gut weg.
Es war die dritte Wohndemo seit November 2023. Ähnliche Protestzüge gibt es in Zürich seit 100 Jahren, wie ein Rückblick zeigt.
Vor der Demo lieferten sich die FDP und die SP einen medialen Schlagabtausch.
Die Demo verlief weitgehend friedlich, die Organisatoren sprachen von 8000 Teilnehmenden.
Eine Glasscheibe am Google-Haupteingang an der Europaallee wurde eingeschlagen, es gab vereinzelte Sprayereien.
Zusammenfassung
In Zürich haben am Samstag mehrere tausend Personen an einer Demonstration für bezahlbaren Wohnraum teilgenommen. Vereinzelt kam es zu Sachbeschädigungen.
An der Europaallee wurde ein Büro von Google mit Bierbüchsen und Farbe beworfen. Einzelne schlugen auch auf eine Scheibe beim Eingang ein und beschädigten diese. Entlang der Strecke hinterliessen Vermummte zudem diverse Sprayereien.
Die Organisatoren der Demonstration kritisierten im Vorfeld vor allem institutionelle Vermieter für steigende Mietpreise. Die Politik mache zu wenig dagegen und sei «eng mit der Immobilienwirtschaft verbunden.» Die SP schloss sich der Kritik an. Diverse Politikerinnen und Politiker waren anwesend, unter ihnen SP-Nationalrätin Jacqueline Badran.
Präsente Linksextreme
Neben linken Parteien riefen auch Gruppen aus dem linksextremen Milieu zur Demo auf. Diese machten sich am stärksten bemerkbar, mit antikapitalistischen Parolen und Sprüchen gegen die Polizei.
Die Stadtpolizei Zürich war entlang der Route postiert und versperrte unter anderem den Weg in die Bahnhofstrasse und einen Teil der Europaallee. Bei der Europaallee warfen einzelne Demonstranten Bierbüchsen und Wasserflaschen gegen die Polizisten.
Zu Beginn war der alte Slogan «Wo-Wo-Wohnige» zu hören, aber auch «Hüser bsetze, Bonze schletze». Die Hausbesetzerszene zeigte sich sehr präsent. Mitglieder der Revolutionären Jugend Zürich entrollten auf dem Lindenhof Transparente und zündeten ein Feuerwerk.
«Sugus-Häuser» und «Immo-Hai»
Ein beliebtes Sujet auf Transparenten war der «Immo-Hai». Viele Quartierbewohner zeigten ihre Präsenz mit Schildern. Die Bewohnerinnen und Bewohner der inzwischen schweizweit bekannten «Sugus-Häuser» nahmen ebenfalls in grosser Zahl teil.
Die Demonstration startete auf der Rathausbrücke und dem Limmatquai und führte am Hauptbahnhof vorbei ins Langstrassenquartier zum Helvetiaplatz. Nach rund drei Stunden kam sie am Zielort an, wo die Kundgebung mit mehreren Reden und Musik endete.
Der Verkehr in der Innenstadt wurde am Nachmittag ebenso gestört wie diverse Tram- und Buslinien. Vorübergehend waren sieben Tramlinien und zwei Buslinien betroffen. Bei der Walchebrücke starteten verärgerte Automobilisten ein Hupkonzert. Zu Zwischenfällen kam es aber nicht. (SDA)
Schiwow greift FDP frontal an

In einer der letzten Reden griff Mischa Schiwow, Ex-AL-Gemeinderatspräsident und jetzt Mieterverbandsvorstand, die Medienmitteilung der FDP (siehe weiter unten im Ticker) an: «Ausgerechnet die Partei der Immobilienbesitzer meint, mit mehr bauen und weniger Vorschriften sei das Problem gelöst», sagte er. Die Freisinnigen seien vielmehr die «Brandbeschleuniger bei Leerkündigungen und Sanierungen», es brauche unbedingt ein Ja zur kantonalen Wohnschutzinitiative (siehe ebenfalls unten).
Schiwow rief die Anwesenden dazu auf, den Verbänden und Kollektiven beizutreten, die sich für die Mietenden einsetzen. «Gemeinsam können wir etwas erreichen», sagte er.
An selber Stelle sagten zwei junge Frauen vom Kollektiv «Alles wird besetzt», es fehle in der Stadt Zürich nicht an den Mitteln, sondern am politischen Willen. Das zeige das Beispiel Kochareal. Die beiden Frauen rundeten ihr Statement mit einer radikalen Position ab: Man solle die Diskussion nicht beenden bei der Höhe der Miete, sondern sich grundsätzlich fragen: «Wieso soll ich überhaupt Miete bezahlen?» Die Zuhörerinnen und Zuhörer waren begeistert und skandierten: «Miete verweigern, Kündigung ins Klo, Wohnungen besetzen sowieso».
Im Übrigen habe das Kollektiv am Sonntag die Stampfenbrunnenstrasse 9 bis 13 in Altstetten besetzt, sagten die beiden Frauen. Man solle aber auf keinen Fall jetzt dorthin gehen, es gebe ja noch Grill auf dem Helvetiaplatz.
Ankunft am Helvetiaplatz

Nach drei Stunden neigt sich die Wohndemo dem Ende zu, die ersten Teilnehmenden sind am Helvetiaplatz angekommen. Es wurden noch Lieder gesungen, die Leute geniessen das schöne Wetter und sprechen miteinander.
Vielleicht waren es nicht ganz 8000 Personen, aber um die 6000 könnten es gut gewesen sein.
Mann verbreitet Optimismus: «Zürich, wir bleiben»

Hoffnung wurde an der Demo ebenfalls verbreitet. An der Müllerstrasse wandte sich ein Anwohner per Megaphon ans Publikum: «Hier steht unser Haus. Auch uns wurde vor zwei Jahren gekündigt», sagte er. Wie bei den Sugus-Häusern sei dies kurz vor Weihnachten gewesen, wie es jetzt in der Stadt Zürich offenbar üblich geworden sei. «Aber wir haben uns gewehrt. Wir leben immer noch hier, und das noch für mindestens für drei Jahre», sagte der Mann. Die Anwohnerschaft hatte die Kündigung angefochten und könnte die Frist um fünf Jahre erstrecken.
Die Menge rief: «Zürich, wir bleiben.»
Scheibe von Google eingeschlagen

Bleibts doch nicht friedlich? Am Google-Haupteingang an der Europaallee wurde eine Scheibe eingeschlagen. Zuvor flogen Farbballone.
Die Polizei ist mit einem grossen Aufgebot präsent, bleibt aber im Hintergrund und belässt es bei der Sperrung von Strassen.

Probleme wegen zwei Teenagern und einem Hund

Die Fachfrau Betreuung (46) möchte ihren Namen nicht nennen. Sie hat sich fünf Jahre lang auf Wohnungsinserate beworben und hunderte Absagen erhalten, wie sie sagt. Die Gründe, wie sie es einschätzt: Ihre beiden Kinder, zu der Zeit 12- und 16-jährig, seien «zu alt» und gewesen und auch der Hund sei nicht willkommen gewesen. Inzwischen sei die ältere Tochter ausgezogen, die 18-Jährige aber noch zuhause. «Wie soll die je ausziehen, sie findet ja nie etwas», sagt die Mutter. «Jede Genossenschaftswohnung geht an Familien mit kleinen Kindern, und das ist auch gut so», sagt die 46-Jährige. Aber für die anderen bleibe nichts übrig. Sie habe als Fachfrau Betreuung keinen hohen Lohn und könne sich kaum etwas leisten.
Friedlich bisher, Organisatoren sprachen von 8000 Teilnehmenden

Die Demonstration verläuft bis anhin, nach zwei Stunden, friedlich. Der Schwarze Block marschiert auch mit, zündet hin und wieder eine Rauchpetarde. Fahnen der RJZ (Revolutionäre Jugend Zürich) und der OA (Organisierte Autonomie) werden geschwenkt. Die Autonomen haben die Langstrassenunterführung in Rauch gehüllt, die Delegation der Sugus-Häuser hatte den Engpass kurz zuvor passiert.
Die Organisatorinnen und Organisatoren sprechen von 8000 Teilnehmenden. Kurz zuvor hatte eine Rednerin gesagt, es seien viele Menschen da: «@Tagi und so, wir sind sicher 100’000», rief sie. Die Menge johlte.
Weder Wohnung noch Werkraum

Die Handwerkerin Raffaela (31) sagt, sie finde in der Stadt weder eine bezahlbare Wohnung noch einen Gewerberaum. Alle Räumlichkeiten seien durch Büros und Architekturbüros besetzt. An der Demo sei sie auch, weil sie sich hier mit anderen betroffenen Mietenden vernetzen könne. «Solche Momente sind wichtig, um sich nicht zu alleine zu fühlen”», sagt Raffaela.
Linke Kritik an der rot-grünen Stadt

An der Demo wird auch Historisches zum Besten gegeben. In der Nähe war in den frühen 1980er-Jahren das Autonome Jugendzentrum (AJZ), wie eine Rednerin anmerkte. Es wurde abgerissen. Der Slogan «Wo-Wo-Wonige» stamme aus dieser Zeit, sagte sie. Doch auch danach habe es die rot-grüne Stadt nicht geschafft, mehr «unkommerziellen Raum» für junge Leute einzurichten. «Ich will auch mal irgendwo einen Sirup trinken, der nicht 5 Stutz kostet», sagte sie.
Die rot-grüne Stadt werde das Wohnungsproblem nicht selber lösen können, fuhr die Rednerin fort. «Es braucht auch uns.» Die Stadtregierung sage immer, es seien ihr die Hände gebunden, man habe keine Hebel gegenüber den privaten Hausbesitzern. «Aber das stimmt nicht, es fehlt auch am politischen Willen.»
Angst: «Die Stadt macht das Falsche.»

«Wir bringen das akuteste Problem in der Stadt und in der Region auf die Strasse», sagte Walter Angst, Sprecher des Zürcher Mieterinnen- und Mieterverbands und Ex-AL-Politiker. Auf die Frage, ob die Stadt zu wenig macht, antwortete er: «Sie macht das Falsche.»
In den vergangenen 30 Jahren habe es raumplanerische Fehlentscheide gegeben. «Man hat überall aufgezont, ohne Vorgaben zu machen», kritisierte er. Und jetzt gebe es einen «komischen Richtplan». Man wolle die Stadt dort entwickeln, wo die Menschen mit wenig Geld wohnten, sagte Angst und erwähnte die Überlandstrasse und Altstetten. «Die letzten Gebiete werden den Investoren auf dem Silbertablett präsentiert.» Das müsse man ändern, man könne nicht warten, bis der Stadtrat etwas tue.
«SBB enteignen»

Als der Demonstrationszug in Richtung Limmatplatz marschiert, sagt eine Rednerin an der Spitze, die Schweiz sei stolz auf die SBB. Aber auch die SBB sei in die Wohnkrise involviert. «Sie baut hier in Zürich völlig überteuerte Wohntürme und Büros an der Europaallee», sagt sie. Und wo sie das nicht dürfe, weil die Stimmbevölkerung Nein gesagt hat wie bei der Neugasse, dann drohten die SBB einfach, gar keine Wohnungen zu bauen, kritisiert die Rednerin. Es ertönen Buhrufe, einige rufen: «SBB enteignen». Die SBB gehören zu 100 Prozent dem Bund.
Badran kritisiert Anti-Polizei-Spruch

Auch SP-Nationalrätin Jacqueline Badran ist anwesend. Als eine Demonstrantin ins Megaphon schreit: «Oisi Strasse, oisi Quartier, weg mit de Yuppies, weg mit de Schmier», ruft Badran zurück: «Was hät jetz das mit de Schmier z’tue?» Näheres will die Politikerin auf Nachfrage nicht sagen.
Auch auf der Rudolf-Brun-Brücke werden Rauchpetarden gezündet. Bei der Walche ernten die Demonstrierenden ein wütendes Hupkonzert der blockierten Autofahrer. «Wohnraum für alle, sonst gibt’s Krawalle», ist einer der weiteren Sprüche, die skandiert werden.
Feuerwerk auf dem Lindenhof

Auf dem Lindenhof wird Feuerwerk gezündet, es bildet sich roter Rauch. Die mit einem FCZ-Grafito verunstaltete Hofmauer wurde mit Figuren und den Slogans «Oisi Strasse» und «Oisi Quartier» überhangen.
«Sugus ist kein Einzelfall»

Jascha Harke, auszubildende Fachperson Betreuung, ist mit der Delegation aus der Sugus-Siedlung unterwegs. Er habe selbst mit dem Vater da gelebt, sagt er. Heute sei er ausgezogen und lebe allein in Friesenberg, sagt das Mitglied der Geschäftsleitung der städtischen SP. Sein Vater aber kämpfe weiter in den Sugus--Häusern. «Es ist wichtig zu zeigen, dass die Sugus-Häuser kein Einzelfall sind», sagte Harke. Es mache viel Hoffnung, so viele Leute hier zu sehen.

Tausende marschieren los

Inzwischen hat sich der Demonstrationszug auf dem Limmatquai in Bewegung gesetzt. Es sind wohl mehrere tausend Personen anwesend.
Samuel ist solidarisch

Samuel Renggli (37) von der Rietlisiedlung ist auch hier, mit dem Rietliverein. In den 1970er-Jahren und in den 80ern hat eine Gruppe einen erfolgreichen Kampf geführt für bezahlbaren Wohnraum, wie Renggli berichtet. Daraus sei der Verein entstanden. Es war zuerst ein Siedlungsverein, und jetzt will dieser politischer werden. «Wir wohnen zu sehr privilegierten Preisen und wollen Solidarität zeigen mit denen, für die das nicht so ist».
Im Hintergrund wird Klezmer-Musik gespielt. Und es gibt einen Demosong:
Loris ist «hässig»

Inzwischen füllt sich die Brücke mit Menschen. Es kommen viele junge Leute, aber auch ältere Menschen, es ist heiss. Auch viele Touristen beäugen das Geschehen.
Loris (25), der ein Schild mit der Aufschrift «Hässig» trägt, sagt trocken: «Es ist eigentlich fast selbsterklärend, wieso wir hier sind». Er wohnt im Langstrassenquartier: «Ich habe vier Tage die Woche die ganze Nacht Bässe um die Ohren und zahle trotzdem 2300 Franken», sagt er. «Immer mehr haben Angst vor Kündigungen, das geht ins Existentielle», sagt Deby (26), die neben Loris auf der Brückenmauer sitzt. ihr Schild besagt in bester Englisch-Deutsch-Fusion: «Time to smash some Kapitalismus».
«Mehr Wohnungen, weniger Google»

Der Rentner Chrigel Fischer hat sich auf der Rathausbrücke eingefunden. Er fordert «Mehr Wohnungen, weniger Google» – die gut bezahlten Expats, die auch beim amerikanischen Tech-Riesen arbeiten, werden für die Preisexplosion bei den Mieten mitverantwortlich gemacht. Fischer sagt, er sei schon vor 40 Jahren für mehr Wohnungen auf die Strasse gegangen. «Das ist ja das Traurige», fügt er an. Und es werde nicht besser «weil stets abgegriffen wird wie jetzt zum Beispiel wieder bei den Sugus-Wohnungen», wie er sagt.
Letzte Vorbereitungen

Auf der Rathausbrücke und in der Umgebung finden die letzten Vorbereitungen statt, Plakate werden schon einmal ausgestellt.

Welche ist die Route?
Der Protestlauf startet auf der Rathausbrücke (oder «Gemüsebrücke») beim alten Rathaus und führt über die Rudolf-Brun-Brücke weiter zum Landesmuseum und via Limmatstrasse zum Limmatplatz. Dann geht es weiter über die Langstrasse, Lagerstrasse, Kanonengasse, Militärstrasse, Kasernenstrasse, Müllerstrasse und Ankerstrasse bis zum Helvetiaplatz.
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