Ihr Browser ist veraltet. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser auf die neueste Version, oder wechseln Sie auf einen anderen Browser wie ChromeSafariFirefox oder Edge um Sicherheitslücken zu vermeiden und eine bestmögliche Performance zu gewährleisten.

Zum Hauptinhalt springen

Zwischen Aufbruch und Abhängigkeiten
Afrikas Elektro-Revolution

Ein Fahrer auf einem orangefarbenen E-Motorrad Roam Air steht vor einer farbenfrohen, gemusterten Wand.
Jetzt abonnieren und von der Vorlesefunktion profitieren.
BotTalk

Die Debatte um Verkehrswende und Elektromobilität spaltet die Menschen in Europa. Doch während in unseren Breitengraden über den Sinn eines Verbrennerverbots weiter gestritten wird, scheint man in einigen Regionen Afrikas schon weiter zu sein – mit Chancen, die weit über eine wirtschaftlich und ökologisch nachhaltige Verkehrswende hinausreichen. Elektrifizierte Fahrzeuge könnten individuelle Mobilität und öffentliche Verkehrssysteme in Afrika wirtschaftlicher und demokratischer machen. Längerfristig könnte sich dabei sogar eine eigene Fahrzeugindustrie entwickeln. Die neue Mobilität bietet zudem Chancen, den Klimaschutz voranzutreiben und die Abhängigkeit von teuren Ölimporten zu verringern. Doch es gibt noch viele Hürden.

Äthiopien prescht vor

Einer der spannendsten Märkte für Elektromobilität dürfte in den kommenden Jahren Äthiopien werden. Das Land mit fast 130 Millionen Einwohnern hat Anfang 2024 ein Importverbot für Verbrennerautos verhängt. Die Regierung in Addis Abeba hat handfeste wirtschaftliche Gründe für diesen Schritt: Das Land ist auf kostspielige Treibstoffimporte angewiesen, die sich 2023 auf über sechs Milliarden Dollar summierten – eine schwere Belastung für die knappen Devisenreserven. Deshalb investiert Äthiopien massiv in erneuerbare Energien, insbesondere in Wasserkraft.

Ein blauer E-Bus von Roam fährt auf einer Autobahn in Afrika, umgeben von anderen Fahrzeugen und einer Stadtansicht im Hintergrund.

Doch die Antriebswende kommt mit Hürden. Öffentliche Ladestationen sind rar, Stromausfälle häufig. Viele E-Auto-Besitzer müssen zu Hause laden, was angesichts der instabilen Energieversorgung eine Herausforderung ist. Auch bei Wartung und Ersatzteilen hakt es. Eine Reportage der Nachrichtenagentur AP aus Addis Abeba zeigt: Die wachsende Community der E-Auto-Fahrer ist keineswegs nur begeistert.

Dennoch hält die Regierung an ihrem Kurs fest, wie die französische Tageszeitung «Le Monde» berichtete. Importeure von E-Autos lockt die Regierung zudem mit grosszügigen Steueranreizen. Laut der US-amerikanischen Kommission für internationalen Handel (USITC) beträgt der Einfuhrzoll auf E-Autos in Äthiopien nur noch 15 Prozent, während auf Verbrenner-PW 15 Prozent Mehrwertsteuer, bis zu 100 Prozent Verbrauchssteuer, 10 Prozent Zusatzsteuer und 3 Prozent Quellensteuer kommen. E-Autos sind damit die günstigere Alternative. Die Rechnung scheint aufzugehen: Die Regierung prognostizierte ursprünglich 148’000 E-Autos bis 2032. Doch bereits im Sommer 2024 waren es rund 100’000 – die Prognose wurde mittlerweile auf 439’000 Fahrzeuge bis 2030 angehoben. Damit wäre in einigen Jahren ein Drittel der PW im Land elektrisch. Laut USITC gibt es aktuell lediglich 1,2 Millionen Autos in Äthiopien.

Solarstrom bietet Chancen für E-Mobilität

In Kenia, dem südlichen Nachbar Äthiopiens, boomt die E-Mobilität ebenfalls. Allerdings nicht aufgrund staatlicher Verbote, sondern vielmehr als Folge pragmatischer Lösungen. Das Land erzeugt bereits heute über 90 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen. Photovoltaik spielt dabei eine zunehmend wichtige Rolle. In der Hauptstadt Nairobi gibt es mittlerweile eine Community von Solaranlagen-Betreibern, die sich mit immer besseren Installationen überbieten, wie Joseph Gakuru, Chef der Firma Qtron, in einem Interview mit dem Youtube-Kanal «The China-Global South Project» berichtet. Die zunehmende Eigenversorgung mit Sonnenstrom eröffnet Chancen für die E-Mobilität, trotz fehlender Ladeinfrastruktur.

Reihe von Roam Air E-Motorrädern aus Kenia in Fabrikhalle, erstes E-Motorrad für den afrikanischen Massenmarkt.

Unternehmen wie Qtron haben das erkannt und setzen auf Elektro-Umbauten: Alte Land Rover Defender, betagte Mercedes-Modelle oder ein VW-Bus wurden bereits auf Elektroantrieb umgerüstet. Der Kunde kann wählen, ob die Umrüsttechnik aus Deutschland, China oder von Tesla kommt. Besonders gefragt sind chinesische Komponenten – sie sind erschwinglich, zuverlässig und schnell verfügbar. Die Preise für eine Umrüstung variieren stark: Ein aufwendiges Premium-Projekt kann bis zu 40’000 Dollar kosten. Trotzdem ist das oft günstiger als ein importierter Neuwagen, denn Kenia erhebt hohe Steuern auf neue E-Autos, bei denen sich der Endpreis verdoppeln kann.

E-Busse aus Kenia

Das kenianische Unternehmen Roam geht noch einen Schritt weiter. 2017 begann es ebenfalls mit der Elektrifizierung von Toyota Land Cruisern, heute produziert es eigene E-Motorräder und Elektrobusse. Das erste Modell, das E-Moped Air, wurde in Kenia entwickelt und kostet rund 2200 Dollar. Es wurde speziell für den afrikanischen Markt konzipiert: einfach, robust und vielseitig nutzbar. Das Moped fährt bis zu 90 km/h schnell und hat eine Reichweite von 140 Kilometern. Laden lässt es sich an jeder Steckdose. Roam betreibt mittlerweile ausserdem mobile Batterietauschstationen in umgebauten Schiffscontainern mit Solarpanelen.

Das Unternehmen will jedoch nicht nur Motorräder elektrifizieren, sondern auch den Nahverkehr revolutionieren. Die Roam-Busse, die bis zu 90 Passagiere befördern und eine Reichweite von 360 Kilometern haben, sollen Dieselbusse ersetzen. Bis 2026 plant Roam die Produktion von 200 E-Bussen. Die Rechnung ist einfach: Niedrigere Betriebskosten machen Elektrobusse langfristig wirtschaftlicher als Dieselmodelle.

Afrikas Elektromobilitäts-Revolution ist zumindest in einigen Ländern also in vollem Gange – mit unterschiedlichen Ansätzen. Während Äthiopien mit staatlichen Vorgaben den Wandel erzwingt, entsteht in Kenia ganz von selbst ein florierender Markt für E-Mobilität. Denn Kenia hat das, was es dafür braucht: viel Sonne, eine wachsende Unternehmerkultur – und den Willen, sich technologisch zu emanzipieren.