Studie zum VerkehrWo Bern, Basel und Winterthur an der Stadt Zürich vorbeiziehen
Die Zürcher Bevölkerung liebt den ÖV, lässt das Velo häufig stehen und ärgert sich über fehlende Parkplätze. Die Verkehrspsyche im Städtevergleich.

Bernerinnen sind zufriedener, Winterthurer fahren mehr Velo, und die Baslerinnen sind günstiger unterwegs. Die neue Vergleichsstudie der Städtekonferenz Mobilität zeigt, wie die Schweizer Städte verkehrstechnisch ticken. Zürich ist dabei selten Spitze und auch mal widersprüchlich.
Sechs Punkte, die auffallen – und was Tiefbauvorsteherin Simone Brander dazu sagt.
Zürich liebt Tram, Bus und Zug
In keiner anderen Stadt in der Schweiz sind die Menschen so oft mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs wie in Zürich. 69 Prozent fahren mit Tram, Bus oder Zug zur Arbeit, in der Freizeit sind sogar 76 Prozent regelmässig mit dem ÖV unterwegs.
Zum Vergleich: Bern hat ebenfalls einen hohen Wert, 65 Prozent, in Winterthur sind es nur noch 58 Prozent und in Basel 47. Schlusslicht in dieser Statistik ist Sitten mit 33 Prozent.
Und die Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher haben noch nicht genug von ihrem ÖV. 39 Prozent wollen, dass die Stadt mehr Geld in den Ausbau investiert als bisher, das ist deutlich mehr als im Durchschnitt aller Grossstädte (30 Prozent).
Das Zürcher Veloherz schlägt zögerlich
Zürich ist beim Velobesitz zwar weit oben im Städtevergleich, aber beim alltäglichen Velofahren nur Mittelmass. Nur 34 Prozent fahren mindestens zweimal in der Woche mit dem Velo zur Arbeit. In Basel sind es 55 Prozent, in Bern 48 und in Winterthur 47. Auch in der Freizeit verzichten die Zürcherinnen und Zürcher häufiger aufs Velo als andere Städter.
Von jenen, die aufs Velofahren verzichten, geben 28 Prozent an, ihnen sei das Velofahren in der Stadt zu gefährlich. 44 Prozent bevorzugen allerdings schlicht ein anderes Verkehrsmittel.
Was im Verkehr nervt
Zürich hat ein Aufräumbedürfnis. Das in Zürich deutlich am häufigsten genannte Verkehrsärgernis sind falsch abgestellte Velos und Trottinette. Mehr als die Hälfte der Befragten empfindet diese als störend. Dieser Anteil ist deutlich höher als im Durchschnitt aller Grossstädte.
Was auch noch im Verkehr nervt
Nun wird es etwas widersprüchlich. Verkehrsärgernis Nummer zwei und drei sind Verkehrsbehinderungen und Parkplatzmangel. Auf der Wunschliste von Stadtzürcher Befragten sucht man aber lange nach mehr Parkplätzen.
Ganz oben steht: mehr Grünflächen entlang der Strassen (51 Prozent), Ausbau der Veloinfrastruktur (49), mehr Stadtraum, in dem man sich wohlfühlt (46), und eine Umnutzung von Autospuren für ÖV oder Velo auf dem bestehenden Hauptstrassennetz.
Mehr Abstellflächen für Motorfahrzeuge wünschen sich nur 22 Prozent. Der Ärger über fehlende Parkplätze scheint also gross, der Wunsch nach einem Ausbau ist hingegen klein, hier sehnt sich Zürich offenbar mehr nach einer anderen Stadtgestaltung.
Zufrieden mit dem Verkehr – ausser in der Rushhour
Knapp ein Drittel der Stadtzürcher ist mit der Verkehrssituation unzufrieden, zwei Drittel geben sich insgesamt zufrieden. Damit liegt die Zufriedenheit in Zürich etwas unter dem Durchschnitt der befragten Städte (72 Prozent). In Bern, Zug, aber auch in Winterthur sind rund drei von vier Personen zufrieden. Zürich ist aber auch kein Luzern. Dort stänkert mehr als die Hälfte über die generelle Verkehrslage.
Während der Stosszeiten kippt die Stimmung allerdings. In Zürich, aber auch in anderen Städten. Nur noch 46 Prozent geben an, mit der Rushhour-Situation zufrieden zu sein.
Wie Tempo 30 wirken soll
Sehr politisch sind die Fragen nach mehr Tempo 30 in der Umfrage.
Voraussichtlich stimmt der Kanton Zürich im Herbst über die Mobilitätsinitiative ab. Diese würde die Städte Zürich und Winterthur entmachten. Heute können die beiden Städte auf Strassen von überkommunaler Bedeutung Tempo 30 anordnen. Das tun sie auch, was einer knappen Mehrheit im Kantonsrat nicht passt. Am Montag befürwortete er die Initiative, welche die Entscheidungsmacht dem Kanton übergeben will.
Gemäss Umfrage wird in Zürich Tempo 30 vor allem als Massnahme für mehr Sicherheit und Lebensqualität wahrgenommen – aber nicht als verkehrstechnischer Vorteil. Gleichzeitig empfinden 45 Prozent der Befragten aus Zürich, die an einer Tempo-50-Strasse wohnen, das Tempolimit als zu hoch – ein Höchstwert unter allen Städten.
Fünf Fragen an Tiefbauvorsteherin Simone Brander

Velomuffel und Parkplatzsorgen bringen Tiefbauvorsteherin Simone Brander (SP) nicht aus der Ruhe. Seit März ist sie Vizepräsidentin der Städtekonferenz Mobilität. Das sagt sie zu den Resultaten der Studie.
Die Leute wollen gemäss der Studie mehr Platz für Velos, ÖV und Aufenthaltsqualität – aber trotzdem beschweren sich viele über Staus und Parkplätze. Was tun?
Die Zielkonflikte sind Teil unserer täglichen Arbeit. Bei jedem Projekt müssen wir die verschiedenen Ansprüche gegeneinander abwägen. Unsere Prioritäten sind durch mehrere Volksabstimmungen gegeben, sie liegen auf dem ÖV, dem Fuss- und Veloverkehr und mehr Grün.
Der ÖV ist den Zürcher Bevölkerung besonders wichtig. Dieser wird aber durch Tempo 30 ausgebremst. Verkalkulieren Sie sich?
Wir brauchen einen zuverlässigen und flüssig verkehrenden ÖV. Das ist auch mit Tempo 30 möglich. Mit einer stärkeren Priorisierung von Tram und Bus in der Verkehrssteuerung können wir sie weiter beschleunigen. Wie es uns zum Beispiel mit der virtuellen Busspur auf der Hohlstrasse gelungen ist. Zudem gab es jüngst viele schwere Tramunfälle, in mehreren Quartieren wünscht sich die Bevölkerung aus Sicherheitsgründen Tempo 30 fürs Tram.
Der Kantonsrat hat soeben die Mobilitätsinitiative gutgeheissen, die Städte Zürich und Winterthur drohen ihr Tempo-30-Anordnungs-Privileg zu verlieren. Was sagen Sie dazu?
Gegen diese Entmachtung müssen wir uns vehement wehren. Wir haben gute Gründe, wieso wir Tempo 30 anordnen, und sind aufgrund von Bundesgesetzen auch dazu verpflichtet. Stichwort: Lärmschutz der Anwohnenden.
Auch fehlende Parkplätze sind ein Verkehrsärgernis …
Zürich hat dem Verkehrsrichtplan zugestimmt, dieser sieht einen Parkplatzabbau in der blauen Zone vor. Wir entfernen nicht auf Vorrat, sondern nur dort, wo es Sinn ergibt und mehr Platz für Grünraum, Velos sowie die Menschen gewonnen werden kann.
Zürich ist beim Velobesitz top im Städtevergleich, aber beim Velofahren nur Mittelmass. Wie erklären Sie sich das?
Das überrascht mich nicht. Wir arbeiten an einer besseren Veloinfrastruktur, vielerorts ist diese aber wegen Parkplatzstreitigkeiten blockiert. Wenn diese dereinst gebaut sein wird, wird auch die Zahl der Velofahrenden steigen, weil das Sicherheitsgefühl und der Komfort steigen werden. Das zeigen die Ergebnisse auf der ersten Velovorzugsroute auf der Baslerstrasse, wo seit der Eröffnung 40 Prozent mehr Velos verkehren.
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