ÖV-Grossprojekt in ZürichRettungsaktion für Tram Affoltern spaltet Rot-Grün
Um das Tramprojekt zu beschleunigen, soll es die Stadt Zürich mit 325 Millionen Franken vorfinanzieren. Dies hat der Gemeinderat beschlossen. SP und Grüne waren für einmal uneins.

- Der Zürcher Gemeinderat unterstützt die städtische Vorfinanzierung des Tram-Projekts Affoltern.
- Die Stadt soll dem Kanton 325 Millionen Franken für das Grossprojekt vorstrecken.
- Grüne Politiker kritisieren das Projekt.
Mit 66 zu 51 Stimmen hat das Zürcher Stadtparlament am Mittwoch eine Motion von SP, FDP und Mitte an die Stadtregierung überwiesen. Sie verlangt, dass die Stadt für das geplante Tram Affoltern nicht nur den eigenen Anteil von 22 Millionen Franken bezahlt, sondern auch den Anteil des Kantons von 325 Millionen Franken vorfinanziert, um einen Baubeginn vor 2028 zu ermöglichen. Eine Verzögerung droht, weil der Kanton diverse Bauprojekte aus finanziellen Gründen nach hinten verschoben hat, darunter auch das Tram Affoltern.
Vorgehen wie bei Durchmesserlinie
Die Stadt soll die 325 Millionen später vom Kanton wieder zurückerhalten. Eine ähnliche Vorfinanzierung gab es 2008 beim Bau der SBB-Durchmesserlinie. Damals war es der Kanton Zürich, der dem Bund 500 Millionen Franken vorschoss, was einen schnellen Bau des unterirdischen Bahnhofs ermöglichte.
Insgesamt soll das Tram Affoltern 450 Millionen Franken kosten, der Bund hat 100 Millionen zugesichert – sofern die Bauarbeiten bis spätestens März 2029 begonnen haben.
Projekt kommt nur schleppend voran
Das ÖV-Grossprojekt in Zürich-Nord kommt nur schleppend voran. Ursprünglich war der Baustart für die rund vier Kilometer lange Tramlinie zwischen Brunnenhof und Holzerhurd für 2026 geplant, die ersten Trams sollten 2030 fahren.
Doch dieser Zeitplan wird immer unrealistischer – wegen der Sparrunde des Kantons und mehr als hundert Einsprachen. Eine davon stammt vom grünen Verkehrs-Club der Schweiz (VCS), der einen Ausbau der Kapazitäten fürs Auto, eine «Verkehrsmaschine» sowie ein «Baum-Massaker» an der Wehntalerstrasse befürchtet.
Im Gemeinderat entzündete sich eine ausgedehnte Debatte über das Tram Affoltern. Speziell: Für einmal war die links-grüne Ratsseite bei einem verkehrspolitischen Thema völlig uneins.
Grüne: «Städtebaulich falsch»
Julia Hofstetter (Grüne) forderte eine Überarbeitung des Tramprojekts. Es sei nicht ersichtlich, warum dieses nicht im vorhandenen Strassenraum realisiert werden könne. Die Grünen seien nicht gegen das Tram nach Affoltern, aber das jetzige Projekt bedeute einen Ausbau des Autoverkehrs und die Fällung von 600 Bäumen.
Markus Knauss (Grüne), Co-Geschäftsführer des VCS Zürich, warnte davor, dass die Stadt die 325 Millionen am Schluss selber berappen müsse. Zudem sei das Tram-Affoltern-Projekt «städtebaulich falsch», wie schon das Rosengarten-Projekt, das die Stimmbevölkerung 2020 ablehnte.
Christian Häberli (AL) wollte das «verunglückte Projekt» so redimensionieren, dass es auf einen Kapazitätsausbau für den motorisierten Individualverkehr verzichtet, Bäume grösstmöglich erhalten bleiben und eine gute Velo-Infrastruktur entsteht. Eine entsprechende Textänderung der Motion fand allerdings keine Mehrheit.
Sven Sobernheim (GLP) stellte sich ebenfalls gegen die Vorfinanzierung. Auch er warnte, es könne nicht fest damit gerechnet werden, dass die Stadt das Geld vom Kanton wieder zurückerhalte. Zudem soll die Stadt nach Ansicht der GLP nicht noch mehr kantonale Aufgaben finanzieren.
Johann Widmer (SVP) hielt es für verfehlt, dass die Stadt auf eigene Kosten eine Tramlinie baut, das gehöre in die Hoheit des Kantons. Dass Affoltern das Tram etwas später erhalte, wenn der Kanton wieder genug Geld habe, sei verkraftbar.
«Es gab schon zu viele Verzögerungen»
Die SP war für die Vorfinanzierung. Es habe schon so viele Verzögerungen gegeben, eine weitere liege nicht mehr drin, sagte Anjushka Früh. Affoltern brauche das Tram dringend, und eigentlich müsste es schon längst fahren. Jede Verzögerung verteuere das Projekt. Früh zeigte sich zuversichtlich, dass Stadt und Kanton eine verlässliche Lösung für die Vorfinanzierung finden werden. Mit Blick auf das Nein der Grünen sprach die SP-Politikerin von «angeblichen Grünen».

«Wir wollen das Tram jetzt, nicht erst 2050»
Benedikt Gerth (Mitte) betonte, das Quartier brauche das Tram dringend, die S-Bahnen und Busse Richtung Stadtzentrum seien zu den Stosszeiten bereits heute überlastet. Affoltern werde in den nächsten Jahren stark wachsen, und damit auch das ÖV-Problem. Dieses lasse sich nur mit dem Tram beheben. Wichtig sei, dass mit dem Bau vor 2028 begonnen werde. Sonst gebe es ein Problem mit dem Bund, der nur bezahle, wenn mit dem Bau bis Ende März 2029 begonnen wird. «Wir wollen das Tram jetzt und nicht erst 2050», sagte Gerth.
Für Thomas Hofstetter (FDP) handelt es sich um ein «gutes und ausgewogenes Projekt». Auch er zeigte sich irritiert über den «Seitenwechsel» der Grünen, die sonst jeweils Millionen um Millionen in ÖV-Projekte investieren wollten.
Baumer: «Gespräche mit Kanton laufen»
Stadtrat Michael Baumer (FDP) betonte die Bedeutung des Trams Affoltern. Es handle sich um eine dringend notwendige Infrastruktur für das stark wachsende Quartier. Der Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe räumte ein, dass es sich um ein «grosses Projekt» handle und es auch kritische Punkte gebe. Er wehrte sich aber gegen den Vergleich mit dem Rosengartenprojekt – «das sind alternative Fakten», meinte er an die Adresse von Markus Knauss.
Eine Neuprojektierung des Trams Affoltern würde weitere zehn Jahre in Anspruch nehmen, sagte Baumer. Ob es sehr viel anders herauskäme, sei fraglich. Punkto Vorfinanzierung seien Gespräche mit dem Kanton in Gang. Es gehe darum, eine Sicherheit zu erhalten, dass der vorfinanzierte Betrag auch wieder zur Stadt zurückfliesse. Weitere Angaben zum Stand der Gespräche machte Baumer nicht. Auch er wies darauf hin, dass es mit der Projektierung rasch vorwärtsgehen müsse, um noch in den Genuss der Bundesbeiträge zu kommen.
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