Gartenkolumne «Nachgehackt»Warum der Garten für mich Glück bedeutet
In ihrem letzten «Nachgehackt» blickt unsere Gartenkolumnistin zurück – und hält ein Plädoyer für die Gartenarbeit.
Als wir vor fast neun Jahren aufs Land gezogen sind, ein Baby im Schlepptau, hatten wir grosse Pläne: Nichts Geringeres als Selbstversorger wollten wir werden. Unsere Freunde in der Stadt schüttelten den Kopf, waren aber trotzdem beeindruckt.
Auf dem Land war es in jenem Frühling sehr nass, an Umgraben war nicht zu denken. Der Nachbar meinte, er empfehle uns, zunächst nur die Hälfte des geplanten Gartens zu beackern. Ausbauen könnten wir immer noch. Dabei blickte er auf das Baby und unsere sauberen Turnschuhe. Die Fakten sprachen für ihn. Aber er stiess auf kein Gehör. Wofür war ich denn aufs Land gezogen? Einzig und allein für den Garten!
Ich kam mir ziemlich erfahren vor
Zuvor hatte ich tageweise bei einem Gemüsebauern gearbeitet, während zwei Sommern ein Beet in unserem WG-Garten betreut und einige Gartenbücher gelesen. Ich kam mir ziemlich erfahren vor, merkte aber, dass ich doch fast nichts wusste. Und dass der Traum vom eigenen Gemüsegarten in der Stadt zwar beeindrucken mochte, in der Realität aber hart erarbeitet werden musste.
Der alte Nachbar war sein Leben lang Selbstversorger, er war aber auch jeden Tag im Garten. Es war eine Notwendigkeit für ihn, eine Selbstverständlichkeit auch. Im April, wenn der Spinat erntereif war, ass er die letzten Randen aus dem Keller.
Dank ihm fiel uns unser Garteneinstieg ein bisschen leichter. Wir kopierten ihn einfach. Wenn er Bohnen steckte, machten wir es auch, wenn er Zuckerhut säte, taten wir es ihm nach. Nur beim Jäten kamen wir auf keinen grünen Zweig. Der Ertrag in jenem Jahr liess sich trotzdem sehen, kiloweise eigene Tomaten, das Baby ass nur Brei, der Rest war für uns. Und ab und zu legte der Nachbar uns einen zusätzlichen Salat vor die Tür.
Für den Garten bin ich aufs Land gezogen
In den Jahren danach bauten wir kontinuierlich aus: Mal legten wir ein Frühbeet an, mal setzten wir junge Bäume, mal gruben wir ein neues Feld um. Seit sechs Jahren halten wir Bienen, seit drei haben wir Hühner. Und die Faszination bleibt. Für den Garten bin ich aufs Land gezogen, und der Garten gibt mir das, wonach ich suche. Es ist körperliche Arbeit, ganz losgelöst von den ermüdenden Problemen der Welt.
Über die Jahre lernte ich die Pflanzen besser kennen, den Kreislauf der Natur. Ich erkenne Unkräuter schon im Zweiblattstadium, bleibe ruhig, wenn die Blattläuse kommen, weil ich darauf vertraue, dass bald darauf auch die Marienkäfer folgen, ihre natürlichen Fressfeinde. Jedes Jahr probiere ich neue Sachen aus. Manchmal gelingen sie – und manchmal nicht.
Mittlerweile essen vier hungrige Mäuler von unserem Gemüse. Von Juni bis Dezember gibt der Garten genug dafür her. Aber irgendwann im Winter, so um Weihnachten wie jetzt, gehen die Vorräte langsam aus. Nein, Selbstversorger sind wir nicht geworden. Für den Garten aufs Land gezogen zu sein, habe ich aber noch nie bereut.
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