Reportage aus dem ZugBei der Billettkontrolle trifft sie auf notorische Schwarzfahrer, gestresste Rentner und müde Pendler
Schwarzfahren boomt: Mehr als eine Million Mal wurde der ÖV im letzten Jahr ohne Ticket benutzt. Wie ist das für jene, die die Regelbrecher identifizieren? Unterwegs mit Barbara Schellenberg.

- Schwarzfahren nimmt zu: Über eine Million Vorfälle wurden im Jahr 2024 registriert.
- Barbara Schellenberg kontrolliert Hunderte von Billetts für die Südostbahn (SOB).
- Die Kundenbegleiterin kennt alle Ausreden und erkennt Reisende ohne Ticket von weitem.
18.05 Uhr, Pendlerverkehr. Barbara Schellenberg ruft in den vollen Wagen des Interregio Richtung Bellinzona: «Grüezi mitenand, alle Billette vorweisen bitte.» Seit vier Jahren ist sie für die Südostbahn (SOB) unterwegs. Sie sagt, am Anfang habe es Mut gebraucht, sich so vor die Leute zu stellen. Man sei ständig unter Beobachtung. Durch den Job habe sie gelernt, selbstbewusst aufzutreten.
Schellenberger hat keinen leichten Job. Sie ist mit Lügen, Ausreden und schwierigen Diskussionen konfrontiert. Und das mehr denn je: Im letzten Jahr wurden mehr als eine Million Schwarzfahrer-Vorfälle im öffentlichen Verkehr registriert – ein Anstieg von zehn Prozent, wie Alliance Swiss Pass mitteilt. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein.
Die Arbeit beginnt in der ersten Klasse. Hier gebe es weniger Reisende ohne gültigem Billett, sagt Schellenberg. Doch könne vom Banker bis zum Bettler jeder erwischt werden. «Manchmal sehe ich schon von weitem, ob jemand ein Billett hat oder nicht», erzählt die Kundenbegleiterin. Leute, die ohne Billett unterwegs seien, würden sich auffällig nervös verhalten. Im Gespräch vermieden sie den Blickkontakt.
Fahrgäste lassen ihren Frust ab
«Hallo, grüezi, danke, danke.» – Blick ins Gesicht, aufs Ticket, zurück zum Gesicht. Die Fahrgäste wirken erschöpft vom langen Arbeitstag. Wortlos zücken sie die Smartphones und halten sie brav hin. Auf dem Einlesegerät von Schellenberg erscheint eine Fehlermeldung: Ein Touristenpärchen zeigt ein Ticket, das erst morgen gültig ist. Die Kundenbegleiterin schaut genau hin – das Paar ist aufgewühlt. Doch dann sieht Schellenberg das Flugticket, ebenfalls vom nächsten Tag, und drückt ein Auge zu.
Weiter gehts – zügig von Waggon zu Waggon. Ein älterer Mann fummelt nervös in seinem Portemonnaie, ungelenkig hält er gerade zwei Karten aufs Mal hin. Wegen der Magnete funktioniert das Einlesegerät nicht. «Das kann doch nicht sein!», flucht er, «verdammt noch mal!» Grimmig murmelt er weiter, eigentlich grundlos, denn sein Ticket war gültig.

Schellenberg ist sich ablehnende Reaktionen gewohnt. Sie sagt: «Zum Teil lassen die Leute einfach Dampf an uns ab. Es kommt auch vor, dass sie uns beleidigen – das kann anstrengend sein.» Darum zieht sie auch schnell weiter. Das Ziel sei, gesund aus dem Zug zu steigen. Das habe bis dahin immer geklappt. Schellenberg konzentriert sich lieber auf die positiven Erfahrungen. Denn grundsätzlich mag sie die Menschen und die Interaktionen mit ihnen.
Kuriose Ausrede: Das Ticket sei gültig, weil «Zug» draufsteht
Nach einer guten halben Stunde hat Schellenberg bereits über 200 Personen kontrolliert – mit Ausnahme des ausländischen Pärchens alle mit gültigem Fahrausweis. Die Kundenbegleiterin berichtet: «Manchmal sind zehn Personen pro Tag ohne Billett unterwegs, dann wieder drei Wochen keine einzige.»
Ausreden gebe es allerlei. Am häufigsten höre sie, das Portemonnaie sei verloren gegangen. Oft sei auch der Akku leer. Eine weitere Lieblingsausrede: defekte Billettautomaten. Viele hätten auch keine Zeit mehr gehabt, ein Ticket zu lösen. Zudem gebe es Diskussionen wegen der Easyride-Funktion. «Wenn das Ticket erst gelöst wird, wenn ich in den Wagen komme, geht das nicht», sagt Schellenberg.
Teils seien die Ausreden auch kreativ. «Einmal hat mir eine Reisende das Monatsabo für den ÖV im Kanton Zug gezeigt und behauptet, das Ticket sei gültig, weil ‹Zug› drauf steht – das war im Kanton Tessin. Ein andermal argumentierte eine Frau, dass sie doch das Halbtax-Abo des Bruders ausleihen und mit diesem fahren kann», sagt Schellenberg lachend.
Wiederholungstäter zeigen direkt den Ausweis
Weitere Schwarzfahrer-Strategien: sich verstecken oder weglaufen. Manche würden sich auch in der Toilette einschliessen. «Andere steigen schon am Bahnhof wieder aus, wenn sie mich sehen – das sind eigentlich die Dankbarsten.»
Im letzten Jahr wurden 47 Prozent der Schwarzfahrer mindestens dreimal ohne Ticket erwischt. Schellenberger kennt solche Wiederholungstäter. «Es gibt einen Mann, den treffe ich regelmässig ohne gültigen Fahrausweis an.» Inzwischen kenne er das Prozedere und zeige direkt den amtlichen Ausweis.
Plötzlich klingelt das Telefon: Anruf aus der Transportleitstelle. Aufgrund eines Streckenunterbruchs gibt es eine Planänderung, Barbara Schellenberg muss in Arth-Goldau einen neuen Zug übernehmen.
Am Bahnhof wird sie von einer Passantin angehalten. Wo der nächste Zug nach Zürich abfahre, will die Frau wissen. Fragen dieser Art zu beantworten, sei Teil des Jobs. Doch manche glaubten, dass sie wegen der Uniform alles wisse. «Es fühlt sich so an, als ob ‹Info› auf meinem Kopf steht. Einmal wurde ich gefragt, wo in Zürich der neu eröffnete Elektronikladen ist.»

Inzwischen ist es 20.40 Uhr, der Zug rattert durch den Kanton Schwyz. Es sei wichtig, mit den Kontrollen die Einnahmen der SOB zu sichern, betont Schellenberg. Die Fahrgäste nähmen eine Dienstleistung in Anspruch, die es zu begleichen gelte. Man gehe ja auch nicht in den Coop und laufe mit einem Sack voller Lebensmittel wieder aus dem Laden, ohne zu zahlen.
Gekonnt bewegt sich Schellenberg auf dem wackeligen Untergrund weiter. Bis zu 15’000 Schritte macht sie so pro Arbeitstag. Kurz vor der Endhaltestelle lässt sie sich müde in den Kabinensessel sinken. Sie greift nach dem Mikrofon und holt tief Luft: «Geschätzte Fahrgäste, wir treffen in Zürich Hauptbahnhof ein. Das Team der SOB verabschiedet sich – uf Wiederluege.»
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