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Rekrutierung im Gefängnis
Russland soll Häftlinge in den Krieg schicken

Ein russischer Soldat in der Donezk-Region: Gemäss Medienberichten sollen Söldnertruppen in russischen Gefängnissen Nachschub für die Front rekrutieren – sie locken mit Geldzahlungen und Aussicht auf Freiheit.
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Gemäss verschiedenen Medienberichten rekrutieren Söldnertruppen in russischen Gefängnissen neue Soldaten für den Fronteinsatz in der Ukraine. Dies berichten Angehörige, deren Männer das Angebot angenommen haben und daraufhin verschwanden. Neben Investigativportalen wie «Important Stories», «Gulagu» und «Bumaga» hat auch «Zeit Online» mit einer Frau gesprochen, deren Mann nun wohl im Donbass im Einsatz steht.

Die Gefangenen werden demnach mit Geld und der Aussicht auf Freiheit gelockt, dies berichten mehrere Angehörige übereinstimmend. 200’000 Rubel sollen sie für sechs Monate im Krieg erhalten, rund 3200 Franken. Im Todesfall erhält die Familie fünf Millionen Rubel, knapp 80’000 Franken. Das Problem dabei: Die Zahlungen sind nirgends schriftlich festgelegt, die Angehörigen haben keine Dokumente, keine Beweise in der Hand.

Nur wenige kehren zurück

Rekrutiert werden die Gefangenen offenbar von der Wagner-Truppe. Diese kämpft zuvorderst an der Front und dürfte die Soldaten aus den Gefängnissen wohl für die riskantesten Kampfhandlungen einsetzen. Den Männern wird gesagt, dass sie in der Ukraine «Nazis aufspüren» sollen. Der Job sei gefährlich, nur 20 Prozent kehrten zurück, erzählen die Rekrutierer. Womöglich auch weniger. Trotzdem schreiben sich in den Gefängnissen Dutzende, manchmal gar Hunderte freiwillig ein. Denn neben dem Geld wird ihnen auch die Freiheit versprochen, falls sie überleben. Und eine mögliche Weiterbeschäftigung.

Auch das alles wird allerdings nicht schriftlich festgehalten. Was wirklich passiert, wenn die Söldner aus dem Krieg lebend zurückkehren, ist unklar. Viele Männer machen trotzdem mit, in der Hoffnung, dass wenigstens ihre Familien Geld erhalten, wenn sie sterben sollten. Sie unterschreiben dafür ein «Verlegungspapier», die eigentlichen Einsatzdokumente sollen sie dann vor Ort erhalten, heisst es.

Ein russischer Soldat in der Ukraine: Die aus russischen Gefängnissen rekrutierten Söldner sollen gemäss Berichten für riskante Einsätze an der Front vorgesehen sein.

Die Männer würden dann unter Bewachung an die Grenze gebracht und erhielten ein kurzes Training, bevor sie in den Einsatz kämen. Einige willigen gemäss den Berichten nur einem Aufbaueinsatz im Donbass zu, um Infrastruktur zu bauen. Ob diese auch an die Front gebracht werden, ist unklar. Die Männer haben keine Kommunikationsmittel, die Angehörigen keine Möglichkeit, sie zu kontaktieren.

Die Gefangenen unterschreiben zudem offenbar Verschwiegenheitsverpflichtungen, sie dürfen demnach nicht über den Einsatz oder das Angebot sprechen. Investigativportale haben trotz mehrfachen Anfragen keine Auskunft über die genauen Bedingungen. Die russische Gefängnisbehörde streitet die Berichte ab und sagt, dass es keine solche Rekrutierungen in ihren Kolonien und Lagern gibt.

Zeichen grosser Verluste?

Die Söldnertruppen sind aber offenbar nicht nur in Gefängnissen unterwegs, auch aus ehemaligen Sowjetrepubliken wie Kirgistan gibt es Berichte, wonach Leute für Sicherheitseinsätze in der Ukraine gesucht werden. Bei Nachfragen stellt sich heraus, dass spezifisch Söldner gesucht werden, wie «Zeit Online» berichtet. Auch hier wird mit Geld und Entschädigungszahlungen gelockt.

Für Militärexperten sind die Rekrutierungsbemühungen ein Hinweis, dass die Verluste bei den Söldnertruppen an der Front gross sind. Und weil Russland eine generelle Mobilmachung verhindern will, werden sämtliche anderen Möglichkeiten ausgeschöpft, um Verstärkung in die Ukraine zu bringen. Die Russinnen und Russen sind vom Krieg bislang nicht direkt betroffen, heisst es. Eine generelle Mobilmachung könnte das ändern – und die Stimmung bei der Bevölkerung kippen lassen.