Lesende fragen Peter SchneiderVerhindern mehr Bildung und Erziehung Gewalt?
Wie lassen sich Kriege und Konflikte aus der Welt schaffen? Einfache Rezepte gebe es nicht, argumentiert unser Kolumnist.

Weltweit gibt es derzeit viele Konflikte und Kriege. Seit der Steinzeit schlagen sich Menschen die Köpfe ein. Lange Zeit glaubte man, durch Bildung und gute Erziehung nehme die Gewalt weltweit ab. War das eine Fehlannahme? E.W.
Lieber Herr W.
Alle Theorien, wie man die Menschheit nur durch das Drehen einer oder zweier Stellschrauben retten kann, sind Fehlannahmen. Oder Tautologien: Wenn alle Menschen erst einmal bei sich anfangen würden und jeder für sich in seinem Alltag friedfertig und freundlich wäre, dann gäbe es weltweit auch keine Kriege mehr. Dass solche Verheissungen naiver Blödsinn sind, spricht aber nicht gegen Friedfertigkeit und Freundlichkeit an sich.
Gewisse Formen von jugendlicher Kriminalität (wie z.B. Raub) korrelieren tatsächlich deutlich mit einem niedrigen Bildungsniveau der Jugendlichen und deren Eltern. Damit aber auch mit einem niedrigen Einkommen der Familien. Was ist nun das Huhn und was das Ei?
Vor einigen Jahren veröffentlichten die Soziologen Diego Gambetta und Steffen Hertog eine Studie unter dem Titel «Engineers of Jihad. The Curious Connection between Violent Extremism and Education», in dem sie die Bildungsprofile von 4000 radikalen Islamisten untersucht haben. Etwa die Hälfte von diesen hatte einen Hochschulabschluss, die Hälfte davon waren Ingenieure.
Der Göttinger Bildungsforscher Alex Assmann wiederum macht in seinem Aufsatz «Bildung und radikale Gewalt» den sehr plausiblen Vorschlag, die ideologische Radikalisierung selbst als einen Bildungsprozess zu verstehen.
Wie kommt es zu solchen Fehlannahmen?
Was wiederum eine «gute» Erziehung ist, darüber gehen die Ansichten ziemlich weit auseinander, selbst innerhalb einigermassen friedlicher Gesellschaften. Wenn man für Bildungsförderung plädiert und sich Gedanken macht, wie eine gute Erziehung aussehen müsste, sollte man dies nicht vor allem unter der Prämisse der Gewaltprävention tun.
Die Frage ist nun: Wie kommt es zu solchen Fehlannahmen wie der von Ihnen beschriebenen? Sie entsteht aus der Hoffnung, dass Gewalt lediglich etwas Sekundäres ist, das durch ein Zuviel an X (etwa Videospiele) oder ein Zuwenig an Y (beispielsweise elterlicher Autorität) erzeugt wird. Demzufolge denkt man sich mögliche Gegengifte gegen Gewalt aus: In den 1960ern und 1970ern war es zum Beispiel der Sex, der – in der Nachfolge des linken Psychoanalytikers Wilhelm Reichs – als Antidot zu Gewalt und Krieg vermarktet wurde und Pornografie den Charme des Progressiven verlieh.
Es ist offenbar nicht einfach, sich von der Vorstellung zu verabschieden, dass Gewalt erstens in sich sehr heterogen ist und zweitens etwas, das auch in dem nisten kann, das man zu ihrer Bekämpfung ins Feld führen möchte: wie etwa Sex, Bildung oder Erziehung.
Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tamedia.ch.
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