Hype um «Minecraft»Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal einen Gamer lieben würde
Der «Minecraft»-Film startet in den Schweizer Kinos. Wegen des gleichnamigen Computerspiels hatte unsere Autorin Angst davor, mit ihrem Freund zusammenzuziehen.

Wegen «Minecraft» hatte ich Angst davor, mit meinem Freund zusammenzuziehen. Denn ich wusste genau: Ich werde ihn gamen sehen. Die Vorstellung fand ich nicht schön. Es ist eines, wenn dir dein Freund erzählt, dass er gestern Abend gezockt hat. Das kannst du verdrängen. Aber wenn du ihm dabei zuschauen musst, dann ist es wahr: Mein Freund ist ein Gamer.
Manche Erwachsene sagen: Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Politikerin werden oder dass ich einmal polyamor leben würde. Ich sage: Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass ich einen Gamer lieben würde.
Gamen ist unattraktiv
Denn ich fand Gamen immer unattraktiv, dämlich, langweilig. Schon als meine Schwestern in den 2000ern unseren einzigen iMac besetzt hielten, weil sie süchtig nach dem Computerspiel «Age of Empires» waren, hat mich das genervt. Später, als ich mich von ihnen dazu hinreissen liess, auf ihrem Gameboy «Super Mario» auszuprobieren, verlor ich den Spass daran, sobald es schwieriger wurde. Ich kann nicht gamen. Und will es auch nicht.
Jetzt ist es so: Während ich irgendwelche Haushaltsschubladen neu sortiere und mir dazu einen Podcast über die Entführung und Ermordung einer Frau anhöre, baut mein Freund am Computer architektonisch abgefahrene Gebäude aus Würfeln, die er zuvor in Minen abgebaut hat. Während ich in einer Bar mit einer Freundin über Mental Load philosophiere, reist er in den Nether, die Unterwelt von «Minecraft». Während ich in der Badewanne mein medizinisches Shampoo einwirken lasse, schlachtet er ein digitales Schwein für Nahrung.
Warum ist mein Freund so brutal?
Manchmal, wenn ich dann in unser Arbeitszimmer komme, füttert er einem Baby-Schweinchen eine Karotte – weil ich das so süss finde. Oder er führt mich durch die rosaroten Kirschbaumalleen, die er und seine Freunde gepflanzt haben.
Manchmal zeigt er mir aber auch die Dorfbewohner, die er in einen Kerker gesperrt hat, um so an verzauberte Bücher zu gelangen. Dann frage ich mich: Warum ist er so brutal?, und mache meinen True-Crime-Podcast wieder an.

Seit wir zusammenwohnen, habe ich oft darüber nachgedacht, wieso er lieber online ganze Welten baut, statt ein paar Nägel in die lottrige Leiste an unsere Türschwelle zu hämmern. Oder wieso diese Kirschbäume eigentlich nicht auf unserem Dach wachsen. Oder wieso er, statt in den Nether, nicht mit mir nach Berlin reisen will.
Fairerweise muss man sagen, die Leiste ist inzwischen wieder befestigt (nicht von mir), auf dem Dach erblüht ein Garten (nicht meinetwegen), und in Berlin waren wir auch schon.
Dopa-Mine
Der Punkt ist: Ich will alles immer sofort erledigen und planen. So komme ich an mein Dopamin. Er hingegen holt sich seine Glückshormone bei «Minecraft», in einer imaginären Welt.
Und je länger ich ihm dabei zusehe, desto neidischer werde ich. Ich will hier nichts schönreden, ich kann immer noch nicht viel mit Computerspielen anfangen. Aber mittlerweile bewundere ich meinen Freund dafür, dass ihm ein Spiel ohne unmittelbaren Zweck – meine Meinung, er sagt Hirntraining – so viel Spass macht. Ich bewundere ihn dafür, dass er es schafft, aus den Minen von «Minecraft» Dopamin zu gewinnen.
Und ich frage mich ernsthaft, wie es so weit kommen konnte, dass mich ausgerechnet Effizienz glücklich macht. Mein Gott, ist das traurig. Wenigstens habe ich daraus jetzt etwas Produktives geschaffen.
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