Familien unter DruckRezepte für eine familienfreundliche Gesellschaft
Care-Arbeit gilt als «unproduktiv». Der Einsatz für Kinder, Enkel und Angehörige gehört endlich angemessen honoriert.

Familien in der Schweiz stehen unter Druck, so lautet die jüngste Erkenntnis des «Familienbarometers». Bekannt ist auch, dass Eltern, vor allem Mütter, erschöpft sind. Die meisten Frauen bekommen neben ihrer Erwerbsarbeit Kinder und ziehen sie gross. Diese Leistung hat in unserem Wirtschaftssystem jedoch keinen «Wert». Der Fokus liegt auf der Erwerbsarbeit. Wichtig ist, dass das Bruttoinlandprodukt (BIP) wächst, dass die Schweiz im globalen Wettbewerb mithalten kann.
Dafür zählt ausschliesslich Arbeit, die Geld einbringt. Diese Wirtschaftstheorie ist der Grund dafür, dass mehr geschätzt wird, wenn Menschen Waffen herstellen und damit Geld verdienen – und Frauen dafür (unter anderem mit Altersarmut) bestraft werden, dass sie Kinder auf die Welt bringen und sich um sie kümmern. Auch der Umsatz mit Zigaretten, Alkohol und Pestiziden fliesst ins BIP ein – ebenso Finanztransaktionen und Prostitution.
«Unsichtbare» Tätigkeiten für die Wirtschaft
Obschon sich viele dieser Güter und Dienstleistungen negativ auf ein Menschenleben auswirken, ist es ein unternehmerisches Anliegen, immer mehr davon zu produzieren, um sie mit einem noch grösseren Profit zu verkaufen. Solange die «marktwirtschaftliche Wertschöpfung» wächst, gibt es keinen Grund, den zerstörerischen Aspekt dieser Erzeugnisse zu hinterfragen.
Die Sorgearbeit (oder wie es heute heisst: Care-Arbeit) ist in dieser Sichtweise keine Arbeit. Eine Frau, die nicht erwerbstätig ist, aber ihre Kinder betreut oder sich um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmert, gilt als «unproduktiv» oder als «unterbeschäftigt». Unbezahlte Arbeit, die in sämtlichen Haushalten geleistet wird, bleibt in diesem Wirtschaftssystem unsichtbar – obwohl sie unheimlich viele Stunden verschlingt.
Mütter kleiner Kinder arbeiten rund 60 Stunden pro Woche gratis zu Hause, Väter 34 Stunden. Landesweit leistet die Bevölkerung pro Jahr 9,8 Milliarden Stunden unbezahlte Arbeit, im bezahlten Sektor sind es 7,6 Milliarden Stunden. Zwei Drittel der unbezahlten Arbeit bewältigen Frauen, zwei Drittel der entlöhnten Arbeit Männer. Beide Geschlechter arbeiten etwa gleich viele Stunden, die meisten Frauen jedoch gratis.
Der Staat muss Verantwortung übernehmen
Heute gehen hierzulande vier von fünf Frauen zusätzlich einer Erwerbstätigkeit nach. Das nützt vor allem der Wirtschaft. Sie konnte ihr Arsenal an Arbeitskräften mit hoch motivierten Frauen verdoppeln. Gleichzeitig sinkt der Ernährerlohn: Unternehmen müssen nicht mehr genug bezahlen, damit ein Gehalt für die ganze Familie reicht. Verdienen sowohl Männer wie Frauen, kann man bei beiden Salären sparen, weil es in der Summe immer noch mehr als 100 Prozent ergibt. Kein Wunder, sind Eltern heute gestresster, kein Wunder, werden immer weniger Kinder geboren.
Eine neue Familienpolitik könnte hier einsetzen: beim Grossziehen von Kindern und Enkeln, beim sich Kümmern um kranke Angehörige. Menschen, die füreinander sorgen, müssen in unserer Gesellschaft getragen werden, und nicht, wie es heute der Fall ist, dem finanziellen Ruin ausgesetzt werden. Der Staat muss endlich Verantwortung übernehmen.
Eine Möglichkeit wären höhere Gewinnsteuern, etwa in Form einer Care-Steuer. So würden auch Unternehmen zahlen, die ja genauso davon profitieren, dass Kinder geboren und von Eltern (zu «Fachkräften») grossgezogen werden. Die Kinderzulagen, die es heute bereits gibt, könnten erhöht werden. Der wirtschaftliche Druck wäre nicht mehr allgegenwärtig und Eltern sowie Sorgende hätten mehr Spielraum – finanziell und zeitlich, um das Familienleben selbstbestimmt zu gestalten.
Sibylle Stillhart ist Journalistin und Buchautorin.
Fehler gefunden?Jetzt melden.