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Flexible Kinderbetreuung in Zürich
Streit um Kinderhüeti – Eltern gehen auf die Barrikaden

Eltern protestieren gegen die Schliessung des Babysitter-Dienstes von Tamar Gross in Zürich. Eine Gruppe von Erwachsenen und Kindern versammelt sich mit bunten Luftballons vor einem Gebäude.
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In Kürze:
  • Die Stadt Zürich schliesst einen flexiblen Babysitterdienst nach jahrelangem Rechtsstreit.
  • Das Sozialdepartement fordert eine Krippenbewilligung oder die Anpassung des Geschäftsmodells.
  • Tamar Gross betreute während über dreissig Jahren spontan Kinder ohne fixe Verträge und Zeiten.
  • Eltern kritisieren den Mangel an spontanen Betreuungsangeboten für ihre Kinder.

Ein dringender Arzttermin, ein unerwarteter Call oder kurz zum Coiffeur am Papitag: Für eine spontane Kinderbetreuung gab es bis jetzt Tamar Gross in Zürich. So heisst die Frau, die seit 1993 einen flexiblen Babysitterdienst im Seefeld anbietet. Oder angeboten hat. Denn seit Ende Februar sind die Türen zu ihrem Hütedienst zu. Die Stadt war nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten vom Bezirksrat angewiesen worden, die amtliche Schliessung zu vollziehen, wie die NZZ berichtete.

Tamar Gross sitzt in ihrer bunten Wohnung an der Heinrichstrasse im Zürcher Kreis 5. Die Wände sind voller Bilder, in der Stube stehen alte Holzmöbel mit farbigen Kissen. Sie hat toupierte Haare, wie Amy Winehouse, und eine herzliche Ausstrahlung. «Die Stadt will nicht verstehen, dass ich keine Kita habe, sondern ein Babysitter-Center», sagt sie. Eine Kita ist mit Auflagen verbunden, wie zum Beispiel fixen Verträgen, festen Präsenzzeiten, höheren Tarifen, ausgebildeten Fachkräften. 

Tamar Gross steht in einem schwarzen Oberteil und Jeans lächelnd an einem Geländer in Zürich, März 2025.

Tammy, wie sie genannt wird, will diese Auflagen aber nicht erfüllen. Sie stehen im Widerspruch zu ihrem Geschäftsmodell. So schliesst sie keine Verträge mit den Eltern ab, sie können ihr Kind vorbeibringen, wann immer sie mögen und so lange, wie sie wollen. Eine Stunde kostet 25 Franken, geöffnet hat sie sogar an Weihnachten. Während eine Kita eine feste Gruppe von Kindern über einen bestimmten Zeitraum betreut, bietet Gross eine spontane, individuelle Betreuung an. Und sie sagt: «Für mich ist das kein technokratischer Job. Ich schenke den Kindern Liebe, Zeit und Aufmerksamkeit.»

Das sagen auch Eltern, die ihren Nachwuchs von Gross betreuen lassen. Diese Redaktion hat mit sieben Eltern gesprochen. Unter ihnen sind Alleinstehende, Selbstständige und Expats, die kein grosses Unterstützungsnetz in der Schweiz haben. Sie alle sagen, dass ihre Kinder «ganz verrückt» seien nach Tammy.

«Ein echtes Problem in Zürich», sagt eine Mutter

Die Mutter Eleonore Jackson-Shone lebt seit 2016 in Zürich. Sie hat hier ein eigenes Unternehmen aufgebaut, als ihre Kinder klein waren. Sie sagt: «Tammys Fall deckt ein echtes Problem in Zürich auf, nämlich die Diskrepanz zwischen dem Arbeitsleben von Familien (insbesondere von Expat-Eltern, die hier keine Familie haben) und den in der Stadt angebotenen Lösungen für die Kinderbetreuung.» Es brauche «Möglichkeiten, die den flexiblen Bedürfnissen berufstätiger Eltern gerecht werden», so Jackson. Tammy habe diese Lücke «auf fürsorgliche und pädagogische Art» geschlossen. Ihr Angebot sei eine «wichtige Ergänzung zu den bestehenden Kitas».

Tamar Gross hält die Hand eines Kindes, während sie in einer Zürcher Strasse mit mehreren kleinen Kindern spazieren geht, von denen einige Ballons halten.

Auch Jubaira Bachmann, Fernsehmoderatorin und ehemalige Chefin von MTV Schweiz, liess ihren Sohn von Tamar Gross betreuen. Dies, nachdem sie und ihr Mann zahlreiche Kitas für ihr Kind ausprobiert hätten. «Tammy ist die einzige Betreuungsstätte, die die Bedürfnisse unseres Kindes erfüllt», schreibt sie in einem Beschwerdebrief an das Sozialdepartement, der dieser Redaktion vorliegt.

Grosse Nachfrage nach flexibler Betreuung

Ist die Stadt Zürich zu kleinlich und zu bürokratisch? Könnte sie nicht ein Auge zudrücken bei einem Angebot, das seit 32 Jahren bei Eltern und Kindern beliebt ist? Nein, sagt Heike Isselhorst, Sprecherin des Sozialdepartements. «Für eine gewerbliche Betreuung von Kindern braucht es eine Bewilligung.» Man habe in zahlreichen Gesprächen versucht, Tamar Gross zu überzeugen, sich um eine Bewilligung zu kümmern. Erfolglos.

Allerdings sind flexible Betreuungslösungen ein Bedürfnis in Zürich. Was macht man mit den Kindern bei einem Notfall, bei unregelmässigen Arbeitszeiten oder bei einem Kurzaufenthalt in Zürich? Wäre es nicht angebracht, über neue Möglichkeiten nachzudenken? Sprecherin Isselhorst sagt: «Verschiedene Einkaufszentren, Sportstätten sowie Co-Working-Spaces bieten in der Stadt Zürich stundenweise Betreuung von Kindern an.» Zudem existierten in den Quartieren diverse Babysitting-Vermittlungsstellen, bei denen ebenfalls kurzfristige Hütedienste in Anspruch genommen werden könnten. 

Vater schwärmt: «Tamar Gross ist eine Institution»

Das sieht Niko Gerlich anders. Er arbeitet bei einer internationalen Firma in Zürich und hat seine beiden Kinder oft zu Gross gebracht. Er sagt: «Tammy ist eine Institution, viele Eltern zählen auf sie und ihren grossen Erfahrungsschatz.» Wer nicht auf Grosseltern oder Freunde zurückgreifen könne, brauche einen Ort, wie ihn Tammy anbiete. Das städtische Babysitterangebot komme für ihn nicht infrage. «Diese Personen wechseln ständig, das möchte ich meinen Kindern nicht zumuten.» Tammy hingegen sei «beständig und immer für uns da».

So sieht es auch Natali Sussman, die vor einigen Jahren aus Argentinien nach Zürich gekommen ist. Sie erscheint mit einem Baby auf dem Arm zum Onlinevideogespräch und sagt: «Ich möchte meine Kinder nicht regelmässig in eine Kita geben, bin aber darauf angewiesen, sie manchmal stundenweise abgeben zu können – sie haben keine Grosseltern in der Schweiz, die zum Hüten vorbeikommen können.» Sie findet klare Worte: «Wenn die Schweiz nur so wenig Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub gewährt, muss sie bei der Kinderbetreuung flexibler sein.» Sussman erzählt, dass nun ihre Mutter von Argentinien in die Schweiz gekommen sei, um sie zu unterstützen. «Wenn Tammy nicht bald wieder öffnet, muss meine Mutter länger hierbleiben – sonst schaffen wir das nicht.»

Sozialdepartement: Ohne Bewilligung keine Kinderhüeti

Eine Wiedereröffnung des Betriebs von Tamar Gross steht derzeit nicht zur Debatte. Gemäss Isselhorst vom Sozialdepartement gibt es zwei Optionen: Entweder reicht Gross die erforderlichen Unterlagen und Nachweise ein, um eine Krippenbewilligung zu erhalten. Oder sie passt das Angebot nachweislich so an, dass es nicht mehr bewilligungspflichtig ist. «Entscheidend ist, dass ein rechtmässiger Zustand erreicht wird.»

Im Jahr 2006 vertrat das Zürcher Sozialdepartements die Ansicht, dass der Hütedienst keine Bewilligung brauche, solange nicht mehr als fünf Kinder regelmässig betreut würden. Und es sei rechtens, wenn Gross daneben ein Angebot betreibe, bei dem die Kinder stundenweise abgegeben werden könnten.

Für Tamar Gross sind die Vorgaben der Stadt lediglich Schikane, wie sie sagt. Sie habe seit 2012 diverse Anpassungen vorgenommen. So sei sie dem Entscheid des Bezirksrats gefolgt, der die Möglichkeit für ein zweiteiliges Angebot angeführt habe. Dies, weil Hütedienste möglich sind, wenn sie an einen anderen Betrieb angeschlossen sind (so wie das etwa Fitnesscenter machen). 

Eine Person liest einer Gruppe von Kindern in einem gemütlichen Raum eine Geschichte vor. Im Hintergrund sind Regale und spielerische Dekorationen sichtbar.

Gross hat also im Seefeld zwei Wohnungen gemietet, die räumlich miteinander verbunden sind. Theoretisch werden in der ersten Wohnung jene Kinder betreut, die regelmässig da sind, und in der zweiten Wohnung jene Kinder, die stundenweise abgegeben werden. In der Praxis komme es aber vor, dass die Kinder gemeinsam in beiden Wohnungen herumtobten, sagt sie.

Die Stadt lässt das nicht gelten. Die Unterscheidung zwischen fix und spontan betreuten Kindern sei nicht umsetzbar. Das ganze Modell sei bewilligungspflichtig. 

Wer hat recht? Die einen sehen in diesem Fall ein Beispiel für Amtsschimmel und Engstirnigkeit, die ein einzigartiges Angebot verunmöglichen. Die anderen pochen darauf, dass die gewerbliche Kinderbetreuung rechtlichen Vorgaben folgen muss. 

Tamar Gross will weiterkämpfen, wie sie sagt. Die Türen zu ihrem Hütedienst bleiben vorerst geschlossen.