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Hoffnung für bedrohte Vogelart
Rückkehr nach 400 Jahren – die Waldrappe sind wieder da

Waldrappe legen pro Stunde eine Strecke von 45 Kilo­metern zurück. Hier auf einem menschengeführten Flug 2021 auf dem Weg ins Winterquartier in Italien. Unter ihnen liegt Österreich.
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Dieser Artikel stammt aus der Schweizer Familie

Der Anfang war etwas unglücklich. Es lief – buchstäblich – verschissen. Eines Abends Ende April klebten auf den parkierten Autos vor einem Motorradgeschäft in Rümlang ZH weisse Kleckse. Es waren die Hinterlassenschaften von Vögeln, und sie kamen von oben, von einem Fenstersims des Gebäudes an der Riedgrabenstrasse 1.

Die Leute der Firma Bütikofer Harley-Davidson staunten nicht schlecht, als sie die Verursacher der weissen Kleckse entdeckten. «Waldrappe sind ja nicht ganz kleine Vögel», sagt Betriebsleiter Jannick Bardy, «die konnte man nicht übersehen.»

Jannick Bardy, 36, Betriebsleiter Firma Bütikofer Harley-Davidson.

Er erkannte sofort, dass diese Vögel etwas Spezielles sind, und nahm Kontakt auf mit der Vogelwarte Sempach. «Die schickten zwar jemanden von Birdlife Schweiz vorbei, aber der unternahm nicht viel», erzählt Jannick Bardy. Erst als sich Leute des europäischen Waldrappteams meldeten, kam das Ganze ins Rollen.

Die Natur war schneller

Das Waldrappteam unter Führung des österreichischen Biologen Johannes Fritz hat zum Ziel, eine wild lebende Waldrapp-Population aufzubauen, mit Brutkolonien in Süddeutschland, Österreich, Italien und der Schweiz. Dazu werden junge Vögel ausgesetzt.

Bisher war das für die Schweiz erst in Planung. Nun ist die Natur dem Projekt zuvorgekommen, was für Ornithologinnen und Ornithologen im deutschsprachigen Raum eine Sensation ist.

Der Waldrapp wurde hierzulande nicht etwa aus Abscheu ausgerottet, sondern aus Liebe.

Es ist das erste Mal seit über 400 Jahren, dass wieder Waldrappe in der Schweiz brüten. Die letzten frei lebenden Exemplare wurden Anfang des 17. Jahrhunderts bei Bad Ragaz SG geschossen. Zugegeben, den Schönheitspreis wird der Waldrapp nie gewinnen.

Mit seinem kahlen Kopf und den etwas zerzaust wirkenden Federn am Hinterhaupt sieht der hühnergrosse, auch Schopf-Ibis genannte Vogel ziemlich kauzig aus. Doch der Waldrapp wurde hierzulande nicht etwa aus Abscheu ausgerottet, sondern aus Liebe; genauer gesagt, aus kulinarischer Liebe zu seinem zarten Fleisch. Es galt als Delikatesse.

Der Zürcher Stadtarzt Conrad Gessner (1516–1565) schreibt in seinem berühmten Werk «Historia animalium»: «Ire jungen werden auch zur speyss gelobt und für einen schläck gehalten: denn sy haben ein lieblich fleisch und weich gebein.» Tatsächlich sind in alten Kochbüchern Rezepte für die Zubereitung von Waldrappen zu finden.

Schon der Zürcher Gelehrte Conrad Gessner (1516–1565) beschreibt den Waldrapp in seinem berühmten Werk «Historia animalium».

Ferner macht Gessner folgende Äusserungen zum dunklen, metallisch schillernden Vogel: Er nennt ihn «Wald-Rab», lateinisch Corvus sylvaticus. Der Waldrapp ist aber weder ein Rabenvogel, noch lebt er im Wald, trotzdem ist im Deutschen dieser Name geblieben. Vermutlich ist der Wandel von «Rabe» zu «Rappe» auf das schwarze Gefieder zurückzuführen, so wie schwarze Pferde auch Rappen genannt werden. Item, Gessner erwähnt, dass die Vögel «leichtlich aufferzogen und gezähmet werden» können.

Zwei Jahrhunderte später versah der schwedische Naturforscher Carl von Linné den Vogel mit einem neuen, noch heute gültigen wissenschaftlichen Namen: Geronticus eremita, zu Deutsch «greisenhafter Einsiedler». Der Name bezieht sich auf das Äussere des Vogels, wobei «greisenhaft» nicht schlecht passt, wohingegen «Einsiedler» überhaupt nicht zutrifft: Waldrappe sind gesellige Tiere, die meistens in Kolonien brüten.

Doch gibt es Ausnahmen, wie das Pärchen in Rümlang zeigt. Rupert und Enea, wie die beiden heissen, stammen ursprünglich aus der Kolonie in Überlingen am deutschen Ufer des Bodensees. «Nach der Überwinterung in der Toskana kehrte das Paar im Frühjahr zuerst in sein angestammtes Brutgebiet in Überlingen zurück», sagt Severin Dressen, Direktor des Zoos Zürich. «Von dort flogen die Vögel aber wieder ab, um in rund 60 Kilometern Entfernung in Rümlang zu brüten.»

Severin Dressen, 35, Direktor Zoo Zürich, gibt junge Waldrappe zur Auswilderung ab.

Offensichtlich sind Rupert und Enea daran, eine neue Kolonie zu gründen und so die Ausbreitung der Vogelart zu beschleunigen. Damit überholt das Brutpaar quasi die Planung des Waldrapp-Projekts, welche vorsieht, in den nächsten Jahren in Goldau SZ erstmals auf Schweizer Boden eine Auswilderung von jungen Waldrappen durchzuführen.

Für die Auswilderung stellen seit 2007 verschiedene europäische Zoos – in der Schweiz sind dies der Zoo Basel, der Natur- und Tierpark Goldau und der Zoo Zürich – Jungvögel zur Verfügung, welche an den Auswilderungsorten mit viel Aufwand von menschlichen Zieheltern aufgezogen werden. Das ist nötig, weil die heranwachsenden Vögel erst lernen müssen, im Herbst in den Süden zu ziehen. Und das schauen sie ihren menschlichen Zieheltern ab, die mit einem Ultraleichtflugzeug der Vogelschar vorausfliegen und dieser den Weg über die Alpen zeigen.

Ziehmutter ­Corinna Esterer vom Waldrappteam begleitete ihre Schützlinge mit einem ­Ultraleichtflugzeug auf ihrem ersten Flug über die Alpen.

Waldrappe waren Anfang des 20. Jahrhunderts weltweit praktisch ausgestorben, es gab in freier Wildbahn nur noch eine einzige Population an der Atlantikküste Marokkos mit ein paar hundert Individuen. Und die waren sesshaft. Es gab unter den Waldrappen keine Zugvögel mehr, die im Frühling nach Norden ziehen und im Herbst wieder südwärts.

Nahrung im Winter rar

Die in den letzten Jahren ausgesetzten Tiere haben dank ihren Zieheltern gelernt, im Herbst in die Toskana zu fliegen, um dort zu überwintern. Nördlich der Alpen würden die Waldrappe verhungern, weil ihre Nahrung – Würmer, Schnecken, Insekten und kleine Wirbeltiere, die sie mit dem pinzettenähnlichen Schnabel am Boden erbeuten – im Winter rar ist.

Rupert und Enea, das Pärchen von Rümlang, hat die Sache mit dem Vogelzug begriffen, die beiden kehrten im Frühling selbständig zurück.

Bis heute wurden insgesamt 277 Jungvögel ausgewildert: Einige in Spanien, wo es das ganze Jahr über genügend Nahrung gibt und daher ein Vogelzug nicht nötig ist – die Mehrzahl aber in Deutschland und Österreich. Und von diesen Vögeln haben die meisten das Zugverhalten kapiert. Doch ein paar wenige, wie etwa das in der Innerschweiz herumirrende und dadurch berühmt gewordene Weibchen Shorty, checken es nicht und werden deshalb im Herbst per Auto in die Toskana verfrachtet.

Rupert und Enea, das Pärchen von Rümlang, hat die Sache mit dem Vogelzug begriffen, die beiden kehrten im Frühling selbständig zurück. Rupert ist übrigens das Weibchen, Enea das Männchen.

«Das Waldrappteam vergibt die Namen beim Erhalt der Küken», erklärt Severin Dressen die kurios anmutende Namenswahl, «die Geschlechtsbestimmung erfolgt erst später, wenn die Vögel geeignete Federn für die genetische Bestimmung entwickelt haben. Um kein Durcheinander in der Datenbank zu bekommen, werden die Namen danach nicht mehr geändert.» So besteht bei der Namensvergabe eine 50-Prozent-Chance für das richtige Geschlecht.

Dank Kamera nah dabei

Zu Beginn gab es kurz Zweifel, ob es gut kommt mit dem Nest auf dem Rümlanger Fenstersims. Mit einem zusätzlich angebrachten Brett wurden fortan nicht nur Autos vor weissen Spritzern geschützt, sondern auch das Nest gesichert. «Die Vögel gehörten schon bald zu unserem Team», sagt Betriebsleiter Jannick Bardy aus Rümlang, «am Morgen schauten wir kurz, wie es ihnen geht, und am Abend schauten wir erneut vorbei.»

Auf dem Fenstersims einer Harley-Davidson-Nieder­lassung in Rümlang ZH brüteten erstmals nach 400 Jahren wieder Waldrappe in der Schweiz.

Und so durften die Harley-Davidson-Leute die Namen für die beiden erfolgreich geschlüpften Küken aussuchen: Die zwei jungen Waldrappe heissen jetzt ganz offiziell Knuckle und Panhead – benannt nach zwei Töffmotoren.

Im Juni montierte der Zoo Zürich eine Kamera, die es ermöglichte, auf der Website rund um die Uhr das Heranwachsen der jungen Waldrappe zu verfolgen. Das taten vor Ort auch begeisterte Hobby-Ornithologen mit ihren Fotoapparaten und Teleobjektiven, allen voran Heinz Zumbühl aus Embrach ZH. Der pensionierte Aussendienstmitarbeiter verbrachte viele Stunden auf der anderen Strassenseite vis-à-vis dem Nest, machte spektakuläre Aufnahmen und konnte spannende Dinge beobachten.

In ihrem Nest in Rümlang wechselten sich die Elternvögel Enea und Rupert bei der Betreuung ihrer beiden Jungen ab.

Männchen und Weibchen wechseln sich ab bei der Futtersuche und dem Behüten der Jungen. «Es waren sehr gute Eltern», blickt Heinz Zumbühl zurück, «sie begrüssten einander jeweils lautstark, wenn einer von der Futtersuche zum Nest zurückkehrte.»

Heinz Zumbühl, 71, Hobby-Ornithologe und Fotograf der Waldrapp-Familie in Rümlang.

Inzwischen ist die Waldrapp-Familie fort. «Das eine Jungtier war zwei Tage älter, machte Flugübungen und verliess am 27. Juli erstmals das Nest», erzählt der Hobby-Ornithologe. «Das jüngere Geschwister getraute sich erst zwei Tage später. Es brauchte also genau die Zeit länger, um die es später aus dem Ei geschlüpft war.»

Erste Toskana-Reise steht bevor

Die Waldrapp-Familie wurde in den letzten Tagen regelmässig in der Umgebung gesichtet, so etwa in Kloten oder in Oberglatt. Bald werden sie wohl aufbrechen Richtung Süden.

Die Jungen, die noch keine Ahnung haben, wohin sie fliegen sollen, werden ihren Eltern folgen, die den Weg in die Toskana ja bereits kennen. Dabei werden sie verschiedenen Gefahren ausgesetzt sein. Etwa illegalen Vogeljägern in Italien oder ungesicherten Strommasten in der Schweiz. Waldrappe benutzen Mittelspannungsmasten gerne als Sitzplatz.

«Todesfälle durch Stromschlag machen 45 Prozent aller Verluste aus.»

Corinna Esterer, 36, Waldrapp-Forscherin

Corinna Esterer vom Waldrappteam war die Ziehmutter von Enea und hat diesen als Jungvogel durch die Lüfte in den Süden geführt. Sie macht sich Sorgen. «Todesfälle durch Stromschlag auf ungesicherten Mittelspannungsmasten machen 45 Prozent aller Verluste aus», sagt die Bird-Managerin.

Die ausgewilderten ­Waldrappe ziehen im Herbst von ihren Brutplätzen in Österreich und Süddeutschland über die Alpen in die Toskana (lila Pfeile). 2023 zeigte das ­Waldrappteam den ­Jungvögeln eine neue Vogelzugroute nach Andalusien in Spanien (oranger Pfeil).

In der Schweiz liegt ein Gesetzesentwurf vor, der ähnlich dem Vorbild in Deutschland eine flächendeckende Nachsicherung der Mittelspannungsmasten vorsieht. «Aus Sicht des Artenschutzes eine überfällige und höchst wirksame Massnahme», sagt Corinna Esterer, «doch leider wurde das Gesetz auf Druck der Stromnetzbetreiber zurückgestellt.» Die Forscherin hofft im Interesse der Waldrappe auf ein rasches Inkrafttreten des Gesetzes. Und dass ihre Schützlinge heil am Ziel ankommen.

Beim Motorradgeschäft in Rümlang ist es ruhig geworden. Ob die Waldrappe nächstes Jahr wieder kommen? «Wer weiss», sagt Betriebsleiter Jannick Bardy, «jetzt werden wir dann wohl mal putzen und die Fassade neu streichen.»

Weitere Infos und Bilder

Das europäische Waldrapp-Projekt: waldrapp.eu

Dokumentation der Rümlanger Brut von Heinz Zumbühl tinyurl.com/sfwaldrapp

Wo Sie in der Schweiz Waldrappe sehen können: Zoo Basel zoobasel.ch

Zoo Zürich zoo.ch

Natur- und Tierpark Goldau tierpark.ch

Ornithologischer Verein der Stadt Zug voliere-zug.ch

Wildpark von La Garenne VD lagarenne.ch