Zunahme von StaatskreditenSchuldenbomben ohne Ende: Droht eine «Todesspirale»?
Die weltweite Verschuldung steigt auf den Rekordwert von 318 Billionen Dollar – auch wegen steigender Rüstungsausgaben in Europa. Experten warnen vor den Folgen einer grenzenlosen Schuldenpolitik.

- Die weltweite Verschuldung erreichte mit 318 Billionen Dollar einen historischen Höchststand.
- Deutschland ermöglicht durch eine Grundgesetzänderung unbegrenzte Kredite für Verteidigungsausgaben.
- Die EU plant ein kreditfinanziertes Rüstungsprogramm über 800 Milliarden Euro.
- Experten wie Joe Ackermann warnen vor möglichen Verwerfungen durch steigende Staatsverschuldung im Anleihenmarkt.
Es sind schwindelerregende Zahlen. Die weltweite Verschuldung ist 2024 nach Angaben des Washingtoner Institute of International Finance (IIF) um satte 7 Billionen US-Dollar gestiegen und erreichte mit insgesamt 318 Billionen Dollar einen neuen Rekordwert. Mehr als zwei Drittel der staatlichen Neuverschuldung stammten aus Schwellenländern wie China, Indien, Saudiarabien und der Türkei. In den Industriestaaten lag die Schuldenkonzentration bei den USA, Grossbritannien, Kanada und Schweden.
Mindestens so dürfte es weitergehen: Für 2025 erwartet die Ratingagentur S & P Global eine Zunahme neuer Staatskredite von 12,3 Billionen Dollar, auch wegen steigender Rüstungsausgaben in Europa. Bei erwarteten 3 Prozent an zusätzlichen Staatsanleihen aus 138 Ländern dürfte die Schuldenlast 70 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erreichen.
Deutschland schnürt Billionenpaket
Die am Dienstag vom Deutschen Bundestag beschlossene historische Grundgesetzänderung erlaubt der künftigen Regierung ein Massnahmenpaket von 1 Billion Euro oder mehr – abseits der Schuldenregeln.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung mit Sitz in Berlin sagt für 2026 ein Wachstum von 2,1 Prozent voraus. Aber: Alle Staatsausgaben, die über 1 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 44 Milliarden Euro liegen, sind von der Schuldenbremse ausgenommen.
Das gilt für sämtliche Projekte für Verteidigung, Bevölkerungsschutz, Nachrichtendienste, Cybersicherheit oder Militärhilfen für andere Staaten im Krisenfall. Im Klartext: Unbegrenzte Kredite sind möglich. 1 Billion Schulden bedeutet nach Angaben des Bundesrechnungshofs zusätzliche Kreditzinsen von rund 37 Milliarden Euro.
Es droht eine Anleihenschwemme
Auch die EU plant ein kreditfinanziertes 800-Milliarden-Euro-Rüstungsprogramm. Damit droht eine globale Anleihenschwemme aus Brüssel, einzelnen EU-Staaten, Grossbritannien, USA, China, Indien und Brasilien. Das Washingtoner Institut IIF geht von mindestens 5 Billionen Dollar in diesem Jahr aus.
Die Summen sind enorm, denn: Steigen die Verteidigungsausgaben von derzeit knapp 2 Prozent des BIP auf 5 Prozent im Jahr 2025, wären bei gleichbleibendem Refinanzierungsbedarf und einem nominalen BIP-Wachstum von 2 Prozent jährliche Neuemissionen von 2,5 Billionen Euro in der EU und 2 Billionen Euro in der Eurozone erforderlich. So schreibt es das Flossbach-von-Storch-Institut in einer Studie.
Demnach würde die Nettoneuverschuldung dann auf 1,3 Billionen Euro in der EU und 962 Milliarden Euro in der Eurozone steigen. Es handelt sich um Summen in völlig neuen Dimensionen, die Investoren bereitstellen müssten.
Droht eine «Todespirale»?
Aber was sind die Folgen? Der amerikanische Hedgefonds-Manager Ray Dalio warnte Ende Februar im Sender CNBC angesichts der US-Rekordverschuldung vor einer «Todesspirale». Gemeint ist ein Zyklus, bei dem ein Staat immer schneller Geld borgen muss, um seine Kreditzinsen aufbringen zu können.
Dalio beklagt, dass die USA schon heute 1 Billion Dollar zur Bedienung der Zinslast benötigen. Das US-Haushaltsdefizit lag 2024 bei 1,8 Billionen, Tendenz steigend. Er befürchtet keine Insolvenz der USA, da die US-Notenbank Fed unbegrenzt Dollar drucken und die eigenen Staatsanleihen kaufen kann.
Doch eine Abwertung des Dollar wäre möglich. Auch der Investmentriese Pimco kündigte im Dezember 2024 an, sein Anleihenportfolio zu reduzieren, wegen Fragen zur Tragfähigkeit des US-Schuldenniveaus.
Ex-Spitzenbanker Joe Ackermann ist skeptisch
Angesichts unbegrenzter Kreditaufnahme Deutschlands dürften auch andere EU-Länder zwecks Rüstungsausgaben ihre Schulden erhöhen und verstärkt den Kapitalmarkt anzapfen. Ob der Anleihenmarkt das verkraftet? «Wenn es einen Investorenstreik gibt, bleiben nur zwei Varianten», sagt der Ex-Deutsche-Bank-CEO Joe Ackermann gegenüber dieser Redaktion. «Entweder kauft die Europäische Zentralbank alles auf, was verheerend – weil inflationsfördernd – wäre, oder man muss ernsthaft sparen.»
Sollten ungehemmte Kreditaufnahmen zu einer dauerhaften Vergemeinschaftung der EU-Schulden führen, drohe «Deutschland noch stärker in diese Schuldenproblematik hineingezogen zu werden», sagt Ackermann. «Das wäre für Deutschland und den Euro schlecht.»
Reformen werden unabdingbar
Eine grenzenlose Schuldenpolitik ohne Strukturreformen wäre gefährlich, sie kann neue Unruhe am Anleihenmarkt schüren. Kommt es zu einer Revolte der Investoren wie beim Steuerpaket der britischen Kurzzeit-Premierministerin Liz Truss, löst dies gewaltige Schockwellen aus. Auch der Bond-Ausverkauf in der Clinton-Ära 1994 sorgte für Verwerfungen.
Die Friedensdividende hat in Europa zu einem massiven Ausbau des Wohlfahrtsstaats geführt. Schmerzhafte Kürzungen werden notwendig sein, um extreme Haushaltsdefizite zu vermeiden.
Schon der frühere EZB-Präsident Mario Draghi forderte vor Jahren Strukturreformen. Doch sein Ruf verhallte ungehört. Milliardenprogramme verführen dazu, den Status quo zu belassen.
In Deutschland steht die neue Bundesregierung vor einer Bewährungsprobe. Sie muss ihr Ausgabenprogramm «mit Sparübungen und einer sehr restriktiven Fiskalpolitik in anderen Bereichen kombinieren», betont Joe Ackermann. Reformen seien «eine Conditio sine qua non», also eine unabdingbare Voraussetzung. Nötig seien sie bei Deregulierung, Entbürokratisierung und Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit.
Die Schweiz bleibt mit der Einhaltung der Schuldenbremse nicht nur ein international vorbildlicher Musterknabe, sondern behält zu Recht ein Triple-A-Rating seiner Staatsanleihen. Das wird so bleiben, wenn der Bundesrat wie bisher die Ausgaben zurechtstutzt oder schlicht kürzt.
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