Wirbel um Russlands HymneEin Liebeslied wird zum Politikum
Wegen der Doping-Sanktionen gegen seine Athleten wollte Russland tricksen. Das Sportgericht CAS stoppt nun den Plan, dass «Katjuscha» als Ersatz für die Nationalhymne erklingt.

Es ist ein Lied, das nach inniger Liebe und tiefer Sehnsucht klingt. In irgendeinem Dorf in den Weiten Russlands spielt es, die Apfel- und die Birnbäume blühen, und der Nebel liegt über dem Fluss, wie es in den beiden ersten Zeilen heisst. Eine junge Frau steigt aufs hohe Ufer und singt dort ihrem im Krieg befindlichen Geliebten ein kleines Lied, auf dass es der hellen Sonne hinterher zu ihm hinfliegen möge und ihm zugleich ihr Versprechen bringe, auf ihn zu warten. Katerina heisst die junge Frau, die dort so leidenschaftlich singt, der übliche Kosename für Katerina im Russischen ist Katjuscha – und genau so heisst dann auch dieses Lied: Katjuscha.
Vor 83 Jahren entstand dieses Lied, und es war nicht nur zu Zeiten der Sowjetunion extrem populär, sondern ist es in Russland bis heute – und jetzt in der Sportwelt ein Politikum. Denn weil Russland wegen des Staatsdoping-Skandals für grosse Veranstaltungen formal bis Ende 2022 gesperrt ist und dort die Nationalhymne nicht abgespielt werden darf, kam der Vorschlag auf, als Ersatz doch einfach «Katjuscha» zu nehmen.
Aber diesen Plan stoppte nun der Internationale Sportgerichtshof CAS. Denn das Verbot der Hymne gelte für «jedes Lied, das mit Russland in Verbindung steht», teilt er mit – «auch für Katjuscha».
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Dieser ungewöhnliche Vorgang resultiert daraus, dass der organisierte Sport mit Russlands Staatsdopern immer so nachsichtig umging. Denn trotz der Belege für einen jahrelangen systematischen Betrug und trotz der Manipulation von Datensätzen noch bis ins Jahr 2019 sprach der CAS im Dezember nur eine Zwei-Jahres-Sperre aus – die er zudem gewaltig aushöhlte. Russland darf trotz der formalen Sperre zu allen Wettbewerben eine Mannschaft entsenden. Faktisch sind nur der Name «Russland», die Flagge und die Hymne verboten.
Wie das in der Praxis konkret aussieht, zeigte sich etwa bei der Handball-WM der Männer, die als erster grosser Event nach der Verkündigung der Sperre stattfand: Da trat das offiziell gesperrte Russland als «Team der russischen Handball-Föderation» an, und das musikalische Problem wurde gelöst, indem die Hymne des internationalen Handballverbandes eingespielt wurde.
Sportler wären für «Katjuscha»
Aber zumindest für die sportlichen Höhepunkte der beiden nächsten Jahre, also die Olympischen Sommerspiele in Tokio im Juli/August sowie die Olympischen Winterspiele in Peking im Februar, will die russische Seite offenkundig noch mehr heimatliche Gefühle aufkommen lassen. Schon kurz nach dem Urteil im Dezember gab es in Russland viel Sympathie für den Katjuscha-Vorschlag. Im Januar verwies eine Athletenvertreterin auf eine Umfrage unter Sportlern, nach denen diese eine Präferenz für das Liebeslied hätten.
Formal ergibt sich aus dem Verdikt des Sportgerichtshofes, dass sich Russlands Olympia-Komitee (ROK) und das in der Affäre gegenüber Russland stets nachsichtige Internationale Olympische Komitee (IOK) in dieser Frage einigen müssen. Das ROK teilt mit, es habe beim IOK den Vorschlag eingebracht und warte noch auf eine offizielle Reaktion. Das IOK sagt, es habe sich zu dem Liedervorschlag aus Russland nie positioniert, es gebe noch kein Ergebnis. Der Sportgerichtshof CAS aber stellte schon mal klar, dass «Katjuscha» nicht geht.

Tatsächlich kann es noch lustig werden, zu klären, welche Stücke für den CAS unter die Formulierung «Lied, das mit Russland in Verbindung steht» und damit unter sein Verdikt fallen. Womöglich wird Moskau noch auf manche bemerkenswerte Idee kommen, aber der Fall «Katjuscha» sieht eindeutig aus. Denn neben schmachtender Lyrik und Melodie haben das Opus und der Begriff auch zweifelsohne eine politische Komponente. Im zweiten Weltkrieg war das Lied extrem populär, der neu entwickelte Mehrfachraketenwerfer wurde «Katjuscha» genannt. Bis heute gehören zum Bestand der russischen Armee Waffen, die so heissen. Nicht von ungefähr trug auch ein Radsport-Projekt eines Kreml-nahen Milliardärs den Namen «Katjuscha».
Aber am Ende könnte die offizielle Liedauswahl ohnehin nur sekundär sein, wie ein Beispiel der Winterspiele von Pyeongchang 2018 zeigt. Auch damals war Russland offiziell gesperrt (168 russische Sportler nahmen als «Olympische Athleten aus Russland» trotzdem teil), Nationalflagge und Nationalhymne waren offiziell tabu. Beim sportlichen und emotionalen Höhepunkt der Spiele, als Russland den Eishockey-Final nach Verlängerung 4:3 gegen Deutschland gewann, stellten sich jedoch nach dem Abpfiff die Athleten der Sbornaja auf dem Eis zusammen und sangen zusammen mit dem Publikum lautstark die russische Nationalhymne.
Das war ein klarer Verstoss gegen den offiziellen Kodex, von einer Strafe sah das IOK trotzdem ab. Man verstehe, dass dies die Aufregung von Athleten war, die gerade unter aussergewöhnlichen Umständen die Goldmedaille gewonnen hätten, teilte es mit. Da kämen ein paar liebliche Katjuscha-Klänge über blühende Apfelbäume und den Geliebten in der Ferne doch viel passender daher.
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