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Wahl in Indonesien
Mit Tiktok an die Spitze der drittgrössten Demokratie

epa11130340 Indonesian presidential candidate Prabowo Subianto greets supporters during a campaign rally in Denpasar, Bali, Indonesia, 06 February 2024. Indonesia is scheduled to hold the presidential and general elections on 14 February.  EPA/MADE NAGI
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Es war sicher eine der ungewöhnlichsten Wahlen der Welt, die am Mittwoch in Indonesien abgehalten wurde. Die drittgrösste Demokratie und die wichtigste südostasiatische Volkswirtschaft nach China stimmte über ihren künftigen Präsidenten ab. Ein teilweise rückständiger, gleichzeitig aber aufstrebender, hypermoderner Staat, der sich in wenigen Jahren vom Schwellenland zu einer der wichtigsten Industrienationen mausern könnte. Im globalen Norden bisher übersehen, im Süden bereits eine Macht.

Mehr als 200 Millionen Frauen und Männer, die auf Tausende Inseln verteilt leben, waren wahlberechtigt. Sehr viele junge Menschen gaben ihre Stimme einem relativ alten Mann: Prabowo Subianto (72) ist «ein Ex-General mit einer erschreckenden Menschenrechtsbilanz», wie der britische «Economist» kürzlich schrieb. Schon kurz nach Wahlschluss warteten viele dieser jungen Menschen in hellblauen Fan-T-Shirts bei grosser Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit über Stunden vor dem grossen Istora-Senayan-Sportstadion in Zentral-Jakarta auf den mutmasslich zukünftigen Präsidenten. Am späten Mittwoch gibt es die ersten inoffiziellen Auszählungen der Stimmen. Endgültig wird das Ergebnis erst in 35 Tagen bekannt gegeben, bis dahin können alle Parteien Protest einlegen.

Mindestalter für Kandidaten extra heruntergesetzt

Die Schnellauszählungen ergeben bereits eine Mehrheit von 58 Prozent für Prabowo. Das würde einen zweiten Wahlgang überflüssig machen. Prabowo trat zusammen mit dem Sohn des scheidenden Präsidenten Joko Widodo zur Wahl an. Damit Widodos 36-jähriger Sohn als Vize kandidieren durfte, wurde sogar das Mindestalter für Kandidaten heruntergesetzt. Praktischerweise ist der Vorsitzende des Gerichts, das die Altersgrenze nach unten setzte, Widodos Schwager. Der künftige Präsident Prabowo war wiederum der Schwiegersohn von Präsident Suharto, der das Land von 1967 bis 1998 wie ein Diktator regierte. Ihm werden aus dieser Zeit die Verschleppung von protestierenden Studenten und Menschenrechtsverletzungen in Papua und Osttimor vorgeworfen.

Doch die Opposition konnte im Wahlkampf wenig daraus machen. Ganz im Gegenteil: Dass Gibran Rakabuming Raka, der Widodo-Sohn, erst 36 Jahre alt ist, wurde in den sozialen Netzwerken als Vorteil vermarktet. Und die düstere Vergangenheit von Prabowo überspielt. Die jungen Wähler, die ausgerechnet Prabowo mit seinem ausgeklügelten Social-Media-Wahlkampf am besten erreichen konnte, sind die entscheidende Wählergruppe in Indonesien. Das Durchschnittsalter liegt bei 29,9 Jahren, die tägliche Verweildauer vor Bildschirmen bei fast acht Stunden. Auf Tiktok seien Clips von Prabowo ausgespielt worden, die ihn beim Tanzen zeigten und ihn als «netten Onkel darstellen», erklärt John Muhammad. Er ist Sprecher der indonesischen Grünen.

Das Wahlsystem ändert sich von Wahl zu Wahl

Eigentlich sollten die Grünen eine Macht sein in Indonesien, vor allem bei den Jungen. Das Land ist massiv vom Klimawandel betroffen, aber dagegen unternommen wird wenig. Ihr Wahlprogramm haben die Grünen in 35 Sprachen übersetzt, um die vielen Ethnien im Land zu erreichen. Doch die Partei selbst konnte schon zweimal nicht zur Wahl antreten, da sie am hochkomplizierten Zulassungssystem des Inselreichs scheiterte. Das System wird von Wahl zu Wahl geändert und erschwert so den Zugang für neue Parteien. Das lasten die Grünen Widodo an.

Die grösste Hoffnung der Grünen war bis zuletzt, dass man verhindern könnte, dass Prabowo und der Präsidentensohn im ersten Wahlgang mehr als die Hälfte der Stimmen gewinnen. Dann wäre im Juni ein zweiter Gang nötig, um zwischen dem erst- und zweitplatzierten Kandidatenduo zu wählen. Die grüne Partei Indonesiens hätte sich dann geschlossen hinter den Gegenkandidaten Prabowos gestellt.

Die indonesische Hauptstadt hat sich – wie das gesamte Land – in den zehn Jahren unter Joko Widodo massiv verändert. Der scheidende Präsident brachte mit einer klugen Infrastrukturpolitik vieles voran, er liess Flughäfen und Bahnverbindungen bauen. In der Megacity Jakarta kann man heute auf die Bahn ausweichen, wenn man nicht im Stau ersticken will. Indonesien hat sich in einem doppelten Salto vorwärts von einem reinen Rohstofflieferanten zu einer hypermodernen Digitalwirtschaft entwickelt und als alternativen Produktionsstandort zu China positioniert.

Das wichtigste Projekt ist der Bau einer neuen Hauptstadt

Die Grundstimmung vor der Wahl war so, dass man mit Prabowo und dem Sohn des Präsidenten nichts falsch macht. Die beiden sollen Widodos Linie weiterführen und auch sein wichtigstes Projekt, den Bau einer neuen Hauptstadt, vorantreiben.

John Muhammad von den Grünen erkennt die Verdienste des Präsidenten an, der noch bis Oktober im Amt bleiben wird, bedeutender aber findet er dessen Verfehlungen. Zwar sei das Bruttosozialprodukt gestiegen, aber reicher seien eigentlich nur die ohnehin schon Reichen geworden. Es gibt mehr Arbeitsplätze, Indonesien verarbeitet mehr Rohstoffe und verkauft nicht nur alles an China. Doch die Grünen haben noch andere Ziele als wirtschaftlichen Aufschwung. Gleichberechtigung etwa. In Teilen des grössten muslimischen Landes der Welt gilt noch die Regel, dass eine Frau das Haus nicht ohne ihren Mann verlassen darf. Oder Umweltschutz: Jakarta ist besonders vom Klimawandel betroffen, weil der Meeresspiegel steigt und die Stadt absackt – deshalb der Bau einer neuen Hauptstadt. Ausserdem: LGBTQ-Rechte. Ehe für alle ist in Indonesien nicht erlaubt.

Prabowo, der gegen Abend im Sportstadion auftritt, sagt dort, «andere Mächte sind neidisch auf ein Land, das so gross und reich ist wie Indonesien». Er fügt hinzu: «Lasst uns den Frieden bewahren, während wir auf das offizielle Ergebnis warten.»