Schiedsrichterlegende Bruno Galler im Interview«Junge Menschen brauchen Leitlinien, ohne erdrückt zu werden»
Bruno Galler pfiff das schlimmste Foul der Schweizer Fussballgeschichte nicht. Heute redet der 79-Jährige lieber über das Leben und verrät das Geheimnis für seine 55 Jahre lange Ehe.

Bruno Galler war einer der besten Schiedsrichter, die die Schweiz je hatte. Seine Karriere endete mit dem Höhepunkt: 1992 pfiff Galler den EM-Final, als Dänemark sensationell Europameister wurde.
Heute ist Galler 79 Jahre alt und lebt in Untersiggenthal, Kanton Aargau. Er erinnert sich an seine Karriere, an das schlimmste Foul der Schweizer Fussballgeschichte, vor allem aber führt er ein Leben, das mit Fussball kaum mehr etwas zu tun hat. Den Einstieg in dieses Interview übernimmt er gleich selbst.
Bruno Galler: Warum haben Sie mich um dieses Gespräch gebeten?
Weil sie vor genau 35 Jahren der erste ausländische Schiedsrichter in der Bundesliga waren.
Das ist falsch.
Mehrere Quellen sagen das. Das Magazin «11 Freunde» nannte Sie die «erste ausländische Pfeife». Warum sollen alle falschliegen?
Alle haben die gleiche Falschmeldung übernommen. Der Erste war Ruedi Affolter. (Stuttgart gegen Dortmund, 1981, d. Red.)
Lassen Sie uns dieses Interview trotzdem nicht gleich abbrechen. Sie pfiffen am 30. März 1990 also Dortmund gegen Mannheim. Woran erinnern Sie sich?
An einen Foulpfiff, bei dem ich drei Meter neben dem Stürmer stand. Nach dem Spiel ass ich im Stadionrestaurant. Auf dem Grossbildschirm lief die «Sportschau» mit dieser Szene. Der Reporter sagte: «Da sieht man wieder, wie wichtig es ist, dass ein Schiedsrichter auf der Höhe der Aktion ist.» Dann bildete sich eine Traube Menschen um mich herum und ich wurde fast rot.
Das war gegen Ende Ihrer Karriere, in der Sie nie Profi waren.
Darüber war ich immer froh. Ich wollte unabhängig sein. Mit vier Kindern graute mir davor, plötzlich ausgemustert zu werden. Also blieb ich immer Lehrer in der Oberstufe. 1992 fragten mich zwei Schüler, Fabio und Claudio, ob ich ihnen Tickets für den Uefa-Cup-Halbfinal zwischen Torino und Real Madrid besorgen könne. Konnte ich. Nach dem Spiel durften sie in die Spielerkabine. Sie hatten Tränen in den Augen.
Als Lehrer brachten Sie jüngeren Menschen etwas bei. Als Schiedsrichter setzten Sie bei jüngeren Menschen Regeln durch. Ist das ein Zufall?
Ich machte ständig Projekte, reiste mit Schülern mit dem Velo und dem Zelt durch die Schweiz. Ich sagte: «So lernt ihr mich kennen und ich euch.» Ich habe nie um Respekt kämpfen müssen, auch weil mich die Schüler am Sonntag im Fernsehen gesehen haben. Junge Menschen fragen sich: Wer bin ich eigentlich? In der Zeit dieser Frage brauchen sie Leitlinien, ohne erdrückt zu werden.
Was meinen Sie mit erdrücken?
Als unser Sohn klein war, zeichnete er Szenen aus dem Leben. Immer mit Schwarz. Dann sagte ihm die Kindergärtnerin: «Du kannst gut zeichnen. Aber es ist nicht schön, wenn alles schwarz ist.» Danach hat er zwei Jahre lang nicht mehr gemalt.
Also Leitlinien setzen, aber in Massen?
Genau. Diese Leitlinien konnte ich den Schülern geben. Und den Fussballern auch. Das konnte ich. Das konnte ich wirklich.

Wie viel Fussball steckt noch in Ihrem Leben?
Er ist praktisch verschwunden. Ich habe mit ihm noch zu tun, weil wir jetzt an diesem Tisch sitzen. Manchmal frage ich mich: Will ich solche Interviews geben? Sollte ich nicht abschliessen mit diesen Geschichten?
Wenn nicht der Fussball, was beschäftigt Sie heute?
Kunst und Literatur. Mit fast 80 Jahren führe ich Freunde durch Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Mir kommt gerade Fischli/Weiss in den Sinn.
Ihr Film «Der Lauf der Dinge»?
Nein, der Raum im Kunsthaus Zürich, in dem das Künstlerduo Alltagsgegenstände darstellt. Es gab fast nichts Schöneres für mich, als solche Kunst den Schülern näherzubringen.
Ich wollte einmal einen isländischen Fussballer des FC Basel interviewen, an einer Ausstellung, die Island zum Thema hatte. Leider kam das nie zustande.
Das wäre die Chance gewesen, diesen Fussballer für ein anderes Publikum zugänglich zu machen. Ich brauchte diese musische Ebene immer in meinem Leben. Mit den Schülern, meiner Familie, meinen Freunden. Und ich war ja auch zu kritisch, um nur Schiedsrichter zu sein oder um nach der Karriere irgendwo im Verband zu arbeiten.
Was meinen Sie mit kritisch?
Nach einem GC-Match betitelte mich das «Badener Tagblatt» als «Gauner Galler». Da wehrte ich mich. Und ich wehrte mich auch nach dem WM-Halbfinal 1982, als ich einen super Match machte.
Das war die «Nacht von Sevilla», als der deutsche Goalie Toni Schumacher den Franzosen Patrick Battiston ungeahndet niedermähte.
Ich stand als Linienrichter 70 Meter entfernt und konnte das nicht sehen.
Sie waren auch Schiedsrichter, als Gabet Chapuisat gegen Lucien Favre das gröbste Foul in der Schweizer Fussballgeschichte grätschte.
Es fühlte sich an, als hätte ich selbst Favre das Bein gebrochen. Aber mir war die Sicht verdeckt, ich konnte die Szene wirklich nicht sehen. Da hätte ich den VAR gerne gehabt.
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Was bedeutet es, dass Schiedsrichter für Fehler in Erinnerung bleiben?
Ich kann mir 50-mal anschauen, wie Schumacher Battiston anspringt oder Chapuisat Favre umgrätscht. Das tut mir weh. Ich habe Fehler gemacht. Aber wie ich danach dargestellt wurde, das geht einfach nicht.
Woher hatten Sie die dicke Haut, das alles auszuhalten?
Meine Tochter hat gerade bei uns übernachtet. Sie fragte mich gestern Abend: «Bist du nervös vor so einem Interview?» Ich antwortete: «Herr Waldis muss nervös sein. Ich kann schon liefern.» Diese Ruhe hatte ich immer, sie half mir in der Karriere. Jemand erzählte mir, wie er manchmal sagt: «Machen wir den Galler.» (Bruno Galler spreizt die Arme auf Brusthöhe ab und wippt mit den flachen Händen auf und ab) Für ihn sei das die Geste, die Ruhe bringe.
Welcher Schiedsrichter macht heute noch den Galler?
Da fällt mir niemand ein. Aber jetzt sind wir mittendrin.
Worin sind wir?
Wie es früher war und wie es heute ist. Heute stören mich zwei Sachen: Erstens entscheiden bei Abseits Zentimeter. Da beraubt sich der Fussball mit kalibrierten Linien seines Spektakels. Zweitens die Handsregel im Strafraum: Ein Spieler, der auf den Ball geht, kann seinen Körper kaum bewusst kontrollieren. Dafür sollte er nicht bestraft werden. Und dass der VAR derart viel Gewicht hat, macht die Schiedsrichter zu einer Art Marionetten des Fussballs. Ich habe Durst, Sie sicher auch.



Ich habe Bilder gefunden, wie Sie mit Michel Platini reden, mit Carlo Ancelotti, mit anderen grossen Namen. Bedeutet Ihnen das etwas?
Diese Halbgötter des Fussballs sind normale Menschen. Platini hat mir im Spielertunnel einmal gesagt: «Monsieur Galler, wenn Sie einen Penalty für mich pfeifen, gehen wir nachher am Bahnhofsbuffet eine Käseschnitte essen.» Oder Gianpietro Zappa vom FC Zürich sagte bei einem Freistoss: «Wenn ich den reinhaue, gehen wir Bier trinken.» Er traf.
Und dann gabs Bier?
Natürlich nicht. Aber solche Momente zwischen Schiedsrichter und Spieler brechen das Eis. Ich war übrigens mit ganz wenigen Spielern per Du, Andy Egli war eine der Ausnahmen. Vielleicht ist das altmodisch. Aber das Du war für mich immer die falsche Ebene, ich brauchte Distanz.
Heute sagen Spieler den Schiedsrichtern Du.
Und das ist okay. Das Leben verändert sich von Tag zu Tag. Manchmal drastisch.
Was war die grösste Wende in Ihrem Leben?
(überlegt) Das ist schwierig zu sagen. Ich bin seit 55 Jahren verheiratet.
Was ist das Geheimnis für eine lange Ehe?
Man muss die Ehe immer wieder infrage stellen. Kurz nach meiner Karriere, ich war 46 Jahre alt, fragte ich mich: Ist es das jetzt gewesen? Dann zog ich aus und lebte eineinhalb Jahre in einer WG mit fünf jungen Menschen. Heute lebe ich mit meiner Frau und vier anderen Paaren in der Orangerie.
Orangerie?
So heisst unser Haus hier. Wir haben es für das Wohnen im Alter gebaut. Im Sommer machen wir übrigens ein Public Viewing und zeigen die Frauen-EM. Wenn ich in solchen Momenten manchmal 70-jährige Männer sehe, wie sie über Schiedsrichter reden, denke ich: Mein Gott, wo stehst du im Leben? Ich möchte Ihnen noch etwas zeigen.
Bitte.
(Galler geht in den Raum hinter der Küche) Schauen Sie sich diese Steinplatten an. Der Farbforscher Stefan Muntwyler, ein Freund von mir, hat sie mit seinen Erdfarben lasiert. Bei ihm wurde Parkinson diagnostiziert. Ich habe ihn sechs Jahre lang begleitet, in die Therapie gefahren, zum Zahnarzt; ich half ihm aus dem Auto und setzte ihn in den Rollstuhl. Der Mann hat bis zu seinem letzten Tag einen wahnsinnigen Geist gehabt. Dann ist er friedlich eingeschlafen. Er hat mich zu den Erdfarben gebracht. Und dank ihm habe ich gelernt: Die Liebe zu dem, was man pflegt, die geht nicht weg. Wo erscheint dieses Interview eigentlich? Im Sportteil?
Ja.
(die Red.)
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