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Meinung

Gender und Armee
Dienstpflicht für Frauen? Erst muss mehr Geschlechter­gerechtigkeit herrschen

Soldatin der FDA trägt eine Camouflage-Uniform und Helm 04 mit Nachtsichtgerät in einem bewaldeten Gebiet.
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In der Schweiz wird der Wehrdienst für Frauen ein Thema. So will der Bundesrat für sie einen obligatorischen Orientierungstag beim Militär einführen; bis Ende 2025 soll dafür eine Vernehmlassungsvorlage erstellt sein. Als Ziel eines Obligatoriums nennt der Bundesrat mehr Chancengleichheit und mehr freiwilligen Dienst durch Frauen. Allerdings bräuchte es selbst für diesen einzigen Pflichttag eine Verfassungsänderung und dafür wiederum eine Volksabstimmung.

In Skandinavien ist man da schon weiter. Dänemark hat jetzt, nach Schweden und Norwegen, die «vollständige Gleichstellung bei der Wehrpflicht» eingeführt, sprich: Für Frauen gelten ab 2026 exakt die gleichen Regeln wie für Männer. Kein Wunder: Erstens nehmen die skandinavischen Länder seit je die Sache mit der Gleichberechtigung deutlich ernster als wir. Zweitens ist ihre Lage angesichts des expansionsdurstigen Russlands aus geografischen wie historischen Gründen viel bedrohlicher.

Wäre es langfristig, gerade mit Blick auf das wackelnde Nato-Verteidigungsbündnis, auch für die Schweiz sinnvoll, Frauen zum regulären Militärdienst zu verpflichten?

Gemischte Teams sind oft erfolgreicher

Befürworter betonen hier das Gleichstellungsprinzip: Gleiche Rechte und gleiche Pflichten für alle, bei der Rente, der Scheidung, wieso nicht auch beim Militär? Zumal die Armee derzeit vor einem massiven Unterbestand warnt (ein Gefahrenbild, das Armee-Gegner allerdings schlicht als Mär und Rechentrick bezeichnen).

Doch selbst wenn es nicht um Zahlen ginge, täte die reguläre Aufnahme von Frauen der Armee gut. Denn so könnte sie die Gesellschaft, die sie schützt, besser widerspiegeln. Auch sind gemischte Teams häufig konstruktiver und erfolgreicher unterwegs. Nicht zuletzt hätten Frauen mit Militärerfahrung bisweilen später mehr Chancen im zivilen Berufsleben, weil zumindest bei manchen Kaderstellen alte Militärseilschaften noch immer eine Rolle spielen.

Frauen haben keine Bringschuld

Aber ist es wirklich die Aufgabe von Frauen, für solche gewachsenen Schieflagen in Armee und Gesellschaft – in der sie lang diskriminiert wurden – den Notnagel zu geben? Klar, weibliche Inputs würden die Militärkultur auffrischen. Doch vielleicht sollte sich die Armee erst einmal selbst transformieren, dann wäre das derzeit von grobem Sexismus geplagte Militär auch attraktiver.

Und wieso sollen ausgerechnet die Frauen noch einen weiteren Beitrag leisten zum Funktionieren unserer Gesellschaft? Sie stehen bis heute bei Lohn, Renten und Karriere ohnehin schlechter da als die Männer, weil sie sich überproportional um Kinder und kranke Angehörige kümmern und auch im Haushalt oft die Hauptlast tragen. Ihr Einsatz für die Vulnerablen ist meist nicht bloss unbezahlt, nein, er kostet sie oft das eigene Fortkommen und die finanzielle Sicherheit im Alter. Kurz: Frauen haben gesellschaftlich fürwahr keine Bringschuld.

Hinzu kommt: Gerade weil sie derart ins System Familie eingebunden sind, wäre zumindest das Konzept des Wiederholungskurses (WK) für viele Frauen undenkbar. Ausserdem: Verschöbe sich ihr Studium oder Berufsweg durch eine Rekrutenschule nach hinten, würde sich wohl auch die Familiengründungsphase weiter nach hinten verschieben. Bereits jetzt wird über gesunkene Geburtenraten geklagt und auch über zu alte Mütter-in-spe, bei denen nicht selten Empfängnisprobleme auftreten.

Wehrdienst für alle ist wirtschaftlich und militärisch unsinnig

Abgesehen von den Bedürfnissen der Frauen: Wäre es denn im Sinn der Schweizer Wirtschaft – deren Anforderungen oft als das Mass gesellschaftlichen Nutzens herhalten –, wenn nicht nur die jungen Männer regelmässig ausfallen, sondern alle? Bereits die Einführung eines längeren Mutterschaftsurlaubs wurde als Belastung für die Wirtschaft, gerade die KMU, gegeisselt.

Und ob ein Zustrom an weiblichem Personal in der Armee wirklich etwas bringen würde, «wenn der Russ’ kommt», ist eine offene Frage. Vielleicht brauchts eher eine bessere, technisch aufgerüstete Armee.

Dass schliesslich eine Gesetzesvorlage, die Frauen vorderhand zum Dienst an der Waffe verpflichtet und zugleich der Wirtschaft schadet, vor dem Stimmvolk Gnade fände, ist zumindest zweifelhaft. Vom rechtskonservativen Familienpatriarch bis zur linksfeministischen Pazifistin wäre eine Nein-Allianz denkbar.

Besser den Zivildienst in der Schweiz stärken

Tatsächlich wandern auch die Männer zunehmend in den Zivildienst ab (wogegen der Bundesrat im Februar einige Massnahmen präsentiert hat, obwohl Zivildienstleistende von Caritas und Co. sehr gefragt sind). Genau hier läge eine Möglichkeit für eine geschlechtsneutrale Dienstpflicht für alle!

Die ETH führt dazu immer wieder Befragungen durch. Könnten Männer und Frauen frei wählen, ob sie Militär-, Zivildienst oder einen Sozialdienst leisten, wird eine Verpflichtung für alle mehrheitlich begrüsst. «Stimme eher zu» oder «stimme sehr zu» sagten 67 Prozent im Jahr 2021; nur 40 Prozent dagegen befürworteten eine Wehrpflicht auch für Frauen.

Erst muss mehr Geschlechtergerechtigkeit herrschen. Doch sobald es regulär einen echten Nachteilsausgleich für jene Personen gibt, die wegen Kinder- und Angehörigenpflege im Berufsleben zurückstecken, ist ein allgemeiner Dienst für die Gesellschaft mit rund 18 Jahren – für den nicht erst eine militärische Musterung durchlaufen werden muss – eine richtig gute Idee.