Notfallnummer 145Dem nationalen Giftnotruf droht das Aus
Die Infostelle bei Verdacht auf Vergiftungen braucht dringend Geld. Falls der Bund nicht rasch einspringt, kann der 24-Stunden-Betrieb nicht aufrechterhalten werden.

- Tox Info Suisse bietet rund um die Uhr Hilfe bei Vergiftungen an.
- Finanzierung der Giftnotrufnummer ist wegen rückläufiger Beiträge gefährdet.
- Ohne zusätzliche Bundeshilfe könnte der Betrieb ab nächstem Jahr enden.
Das vierjährige Kind hat rote Beeren der giftigen Eibe gegessen, und die Eltern geraten in Panik. Oder ein Mann hat irrtümlicherweise die Medikamente seiner Partnerin eingenommen und befürchtet nun schwere Nebenwirkungen. Mit solchen Fragen beschäftigt sich die offizielle Informationsstelle für Fragen um Vergiftungen (Tox Info Suisse). Über die Telefonnummer 145 oder die Tox-Info-App sind Expertinnen und Experten rund um die Uhr während 365 Tagen erreichbar.
42’000 Anrufe gingen im letzten Jahr beim nationalen Giftnotruf in Zürich ein. Allerdings ist dieser Dienst akut gefährdet, weil wichtige Geldgeber abgesprungen sind. Zurzeit deckt die Stiftung, die hinter der Hotline steht, das jährliche Defizit von einer Million Franken aus ihrem Eigenkapital. Doch dieses ist bald aufgebraucht. Nun gelangt der Stiftungsrat mit einem Brief an Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider. Ohne zusätzliche Beiträge der öffentlichen Hand könne der Betrieb von Tox Info ab nächstem Jahr nicht mehr weitergeführt werden.
Der Bund bestellt, zahlt aber nicht
Denn obwohl der Betrieb der Informationsstelle gesetzlich vom Bund vorgeschrieben sei, trage dieser heute zum notwendigen Budget von 5,5 Millionen Franken nur 550’000 Franken bei, sagt Josef Widler, Präsident des Stiftungsrats. Private Geldgeber wie der Schweizerische Apothekerverband (Pharmasuisse) und der Wirtschaftsverband Scienceindustries hätten ihre Finanzierungsbeiträge drastisch reduziert mit der Begründung, dass es sich bei Tox Info um einen Service public handle.
Tatsächlich verlangt das Chemikaliengesetz des Bundes den Betrieb einer Auskunftsstelle für Vergiftungen. Für Widler ist deshalb klar, dass der Bund auch die Finanzierung sicherstellen muss. Im Brief an Baume-Schneider wird darauf verwiesen, dass Tox Info mehrmals von externen und internen Stellen auf ein allfälliges Sparpotenzial überprüft worden sei. Dabei habe sich immer bestätigt, dass die Informationsstelle bereits mit einem Minimum an Ressourcen arbeite.
Der Bund ist über die prekäre finanzielle Situation bei Tox Info im Bild. In der Fragestunde des Nationalrats sagte Bundesrätin Baume-Schneider im September auf eine Intervention von Mitte-Nationalrat Nicolo Paganini, der Bundesrat bedaure den finanziellen Rückzug der Trägerorganisationen. Und betonte den wichtigen Auftrag: «Es gibt derzeit keine andere Institution in der Schweiz, die anstelle von Tox Info Suisse den Betrieb einer Auskunftsstelle in adäquater Weise sicherstellen könnte», sagte Baume-Schneider. Ohne Tox Info würde ein wichtiges Element der medizinischen Grundversorgung fehlen. Die Belastung der Notfallstationen dürfte zunehmen, was mit Mehrkosten für das Gesundheitssystem verbunden wäre.
Geschehen sei aber seit diesen Äusserungen der Gesundheitsministerin nichts, sagt Widler. Den 24-Stunden-Dienst bei Tox Info Suisse halten zurzeit 50 Mitarbeitende aufrecht. Dabei handelt es sich meistens um Assistenzärztinnen und -ärzte. Zudem muss immer ein Oberarzt erreichbar sein für Rückfragen. Wegen der knappen Finanzen zahlt die Informationsstelle bereits heute den angestellten Ärztinnen und -ärzten einen um 15 Prozent tieferen Lohn, als der Berufsverband der Assistenz- und Oberärzte empfiehlt. Und schon jetzt seien nicht mehr alle Stellen besetzt.
Als Erstes wird der Nachtdienst eingestellt
Falls nicht rasch zusätzliche Gelder kommen, müsse als Erstes die Nachtschicht eingestellt werden, warnt Widler. Davon betroffen wären vor allem Spitäler, die nachts bei Vergiftungsfällen auf das Expertenwissen von Tox Info angewiesen seien.
Aber auch tagsüber entlastet die Auskunftsstelle die Spitäler und Permanencen. Denn bei den Anfragen aus der Bevölkerung könne die Informationsstelle in 90 Prozent der Fälle Entwarnung geben. Ohne diese Auskünfte würden die Betroffenen den Notfall aufsuchen oder ihren Arzt anrufen, sagt Widler, der in Zürich selber an einer Hausarztpraxis beteiligt ist.

Zum Weiterbetrieb brauche Tox Info Suisse vom Bund zusätzlich rund zwei Millionen Franken. Zusammen mit den heutigen Beiträgen der Kantone von insgesamt 1,6 Millionen Franken wäre der heutige Betrieb gesichert. Falls die Informationsstelle vom Bund bis im Herbst keine entsprechenden Finanzierungszusagen erhalte, müsse die Stiftung im kommenden Jahr aufgelöst werden, sagt Widler. Die Auskunftsstelle nahm 1966 unter dem Namen Toxikologisches Informationszentrum den Betrieb auf.
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