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Studie belegt Denkfehler
Ein einig Volk von schlechten Schätzern

Belebte Strasse in der Bundesstadt mit zahlreichen Touristen im Vordergrund und einem roten Tram im Hintergrund. Foto von Beat Mathys für Tamedia AG.
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In Kürze:
  • In Umfragen wird oft überschätzt, wie hoch der Anteil von Minderheiten in der Bevölkerung ist.
  • Bisher wurde angenommen, dass dahinter Ängste und Vorurteile stecken.
  • Eine neue Studie legt jedoch nahe: Es liegt in der menschlichen Natur, sich zu verschätzen. Nicht nur bei politisch verfänglichen Themen.

Wie hoch ist eigentlich der Anteil von Muslimen in der Schweiz? Und wie viel Prozent der US-Bevölkerung sind Schwarze, Latinos, jüdischen Glaubens, asiatischer Herkunft oder zählen sich zur LGBTQ-Gemeinschaft? Auf Fragen wie diese geben Teilnehmer von Umfragen oft stark verzerrte Antworten – und zwar quer durch verschiedene Länder. Als grundsätzliches Muster lässt sich dabei dieses festhalten: Der Anteil von Minderheiten in der Gesamtbevölkerung eines Staates – in den USA, der Schweiz, Deutschland, Frankreich oder anderswo – wird in aller Regel überschätzt, manchmal sogar stark. Meistens wird das als Beleg für kollektive Ignoranz oder grundsätzliche Vorbehalte gegen die jeweiligen Minderheiten interpretiert, um die es im konkreten Fall geht. Das könnte aber ein Trugschluss sein.

Warum Grosses unterschätzt und Kleines überschätzt wird

Wie Wissenschaftler um Brian Guay von der Stony Brook University im Bundesstaat New York in einer aktuellen Studie im Fachjournal PNAS berichten, lässt sich diese systematische Fehleinschätzung mit einem allgemeinen psychologischen Muster besser erklären. Unter Unsicherheit neigen Menschen demnach dazu, kleine Anteile an einer Gesamtheit zu überschätzen und grosse Proportionen zu unterschätzen – ganz egal, worum es dabei geht. Kurz gesagt: Menschen neigen in solchen Fällen schlicht dazu, schlecht zu schätzen.

Der Anteil von Muslimen an der Gesamtbevölkerung der Schweiz liegt bei ungefähr 6 Prozent. 2017 waren es 5,1 Prozent. In einer repräsentativen Tamedia-Studie bezifferten die Befragten damals den Anteil allerdings im Schnitt auf 17,2 Prozent – und verschätzten sich damit stark. Verzerrungen wie diese haben Wissenschaftler bislang meist mithilfe sozialpsychologischer Erklärungsansätze gedeutet. Eine Argumentationslinie lautet zum Beispiel, dass Minderheiten oft als Bedrohung wahrgenommen würden und Angehörige der jeweiligen Mehrheitsgruppen deren Anteil deswegen stark überschätzten. Der zweite populäre Erklärungsansatz verweist auf mangelnde soziale Kontakte, auf denen die verzerrten Schätzungen beruhten: Wer kaum persönliche Kontakte zu Angehörigen von Minderheiten habe, komme ebenfalls zu übertriebenen Schätzungen, wie gross der jeweilige Anteil dieser Gruppen an der Bevölkerung sei.

Selbst Angehörige von Minderheiten schätzen ihre Anzahl zu hoch ein

Diesen beiden Erklärungsmustern, schreiben die Wissenschaftler um Guay, widersprächen empirische Befunde. Zum Beispiel neigen auch Angehörige von ethnischen oder sexuellen Minderheiten in Befragungen dazu, ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung zu überschätzen. Dass sie sich selbst als Bedrohung wahrnehmen oder zu wenig Kontakt zu Gruppenangehörigen haben, ergibt jedoch keinen Sinn. Die aktuelle Studie argumentiert nun, dass es eine viel einfachere Erklärung gebe als die motivationalen Theorien aus der Sozialpsychologie, sagte der Psychologe Hans Alves von der Ruhr-Universität Bochum dem Science Media Center: «Sie liegt in der Art und Weise, wie Menschen ganz allgemein Häufigkeiten schätzen.» Das sei ein wichtiger Punkt, «denn sparsame Theorien sind immer besser». Eine einfache Erklärung besticht eben eher als eine, für die es viele Vorbedingungen und Annahmen braucht.

Das Team um Guay wertete einen Datensatz mit mehr als 100’000 Einzelschätzungen aus 22 Ländern aus. Zusätzlich analysierten sie Schätzungen, die sich auf politisch beziehungsweise sozial unverfängliche Themen bezogen, zum Beispiel die Frage, wie oft der Buchstabe «B» in einem vorgegebenen Text vorkommt, wie viele Menschen ein Apple-Produkt, einen Pass oder eine Waschmaschine besitzen. Auch in solchen Fällen stiessen die Wissenschaftler auf den Umstand, dass kleine Anteile systematisch über- und grosse unterschätzt werden. «Und diese kognitiven Fehler machen alle und scheinbar überall», äusserte der Konfliktforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld gegenüber dem SMC, «egal, ob es um Immigranten geht und wie viele sie sind, oder darum, wer ein Handy benutzt.»

Das Fazit also lautet, dass verzerrte Schätzungen über Minderheiten wenig über verbreitete Einstellungen gegenüber diesen aussagen, sondern vor allem etwas über den generellen menschlichen Umgang mit Häufigkeiten. Über Vorurteile – im Guten wie im Schlechten – lässt sich daraus jedoch kaum etwas ableiten.