Phänomen «Grexting»Der letzte Ort, wo man online noch ein echtes Gespräch führen kann
Social Media war einmal, Gruppenchats regieren die Welt. Was das über unsere Kommunikation verrät.

Neue Social-Media-Plattformen wie Bluesky, das sich in der vergangenen Woche nun auch der breiten Masse geöffnet hat, glänzen vor allem dadurch, was man auf ihnen alles nicht machen kann. Keine algorithmische Sortierung von Inhalten, keine Videos oder privaten Nachrichten, vor allem aber keine biblische Flut von KI-erstellten Posts. Das ist zwar alles schön und gut – aber man entscheidet sich ja gemeinhin nicht für ein Produkt, weil es sehr viele Dinge nicht kann. Was bleibt da noch?
Gruppenchats regieren die Welt, titelte unlängst die «New York Times», sie seien der «letzte Ort, an dem man online noch ein echtes Gespräch führen kann». In der abkürzungswütigen Onlinewelt gibt es inzwischen ein eigenes Kofferwort für den Gruppentext: Grexting.
Auch andere Publikationen sind sich sicher, dass gerade die Generation Z klassische Social-Media-Plattformen zugunsten von privateren Gemeinschaften aufgibt. Man unterhält natürlich immer noch Konten bei den grossen Netzwerken. Das ist aber eher das zeitgemässe Äquivalent des Telefonbucheintrags.
Der Performancezwang entfällt
Die Menge und die Beziehung der Chatteilnehmer sind dabei so gut wie beliebig, Gruppenchats können Kernfamilien genauso umfassen wie weiträumige Nachbarschaften, haben fünf Teilnehmer oder fünftausend. Manche bestehen nur aus den Eltern der Schulklasse 2a, andere aus Eliten. Aber vielleicht gibt es da ja sogar Überschneidungen. Hier plant man Geburtstagspartys oder Parteitagsblockaden.
Auch die Art und Weise der Konversationen ändert sich. Während die Beziehung auf den grossen Plattformen immer mehr einem 1:n-Modell ähnelt, in dem populäre Influencer ihre Botschaften an die Masse ihrer Followerinnen und Follower aussenden, ist der Gruppenchat sehr viel dynamischer.
Der Gruppenchat imitiert die Zwanglosigkeit einer Offlinekonversation mit mehreren Teilnehmern. Ein Hin und Her, in das man sich einschalten kann – und das man wieder verlassen kann. Selbst wenn man allein ist, ist man nicht allein. Was ebenfalls wegfällt: der Performancezwang. Anders als auf der grossen Bühne der sozialen Medien muss in der semiöffentlichen Umgebung der Chaträume nicht jede Einlassung der ultimative Geistesblitz sein. Die Sprache stattdessen: lockerer. Sie besitzt ihre eigenen Codes, Insiderwitze und Memes.
Ein befreiendes Gefühl
In den Gruppen werden die banalsten Dinge diskutiert, die oft genug ja unsere privatesten Gedanken sind. Ohne sich dessen bewusst zu sein, bauen die Teilnehmer gemeinsam etwas auf – eine Gemeinschaft, die auf gemeinsamen Werten, Interessen und Hobbys basiert und täglich durch kleine Nichtigkeiten bestätigt wird.
Nun könnte man freilich einwerfen, dass dies einfach die Art und Weise ist, wie Menschen schon immer miteinander kommuniziert haben. Dass es sich für viele Nutzerinnen und Nutzer trotzdem neu und befreiend anfühlt, ist nur ein weiterer Beweis dafür, wie weit wir uns nach knapp zwei Jahrzehnten Social-Media-Exposition davon entfremdet haben.
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