Psychische Gesundheit«Nicht die Migration an sich, sondern das Leben hier macht krank»
Migrantinnen und Migranten sind psychisch deutlich stärker belastet als Schweizer. Besonders Diskriminierungserfahrungen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Zwei Betroffene erzählen.

- Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: Menschen mit anderer Staatsangehörigkeit sind psychisch stärker belastet. Migrierte Frauen leiden am meisten.
- Diskriminierung, Schwierigkeiten bei der beruflichen Integration und der Wegfall des sozialen Umfelds sind unter anderem Gründe dafür.
- Dazu stossen Migranten auf zusätzliche Hindernisse, wenn es darum geht, in Therapie zu gehen.
Menschen, die in die Schweiz einwandern, geht es psychisch schlechter als Schweizerinnen und Schweizern. Zahlen zeigen das, und psychiatrische Kliniken reagieren.
Lydie-Paule Küderli weiss, welche psychischen Belastungen mit Migration verbunden sind. Vor fast 30 Jahren ist sie von Kamerun in die Schweiz gezogen. Schon lange leidet die 49-Jährige unter anderem an einer Autoimmunkrankheit und erhoffte sich hier bessere medizinische Unterstützung. Ihr Asylgesuch wurde zunächst abgelehnt, ihr psychischer Zustand verschlechterte sich in der Folge stark, worauf sie vorläufig aufgenommen wurde. Später lernte sie einen Schweizer kennen, den sie heiratete.
Schwierig wurde es, als sie sich beruflich integrieren wollte – Lydie-Paules Diplome aus Kamerun wurden nicht anerkannt. Daneben erlebte sie immer wieder Diskriminierung bei Bewerbungsprozessen. Etwa als sie sich bei einem Nagelstudio bewarb: Der Chef des Studios lobte ihre Arbeit und rief an, um einen Termin für ein Treffen zu vereinbaren. «Plötzlich fragte er mich, woher ich komme. Als ich antwortete, schwieg er. Dann meinte er, er suche jemanden mit fünf Jahren Erfahrung – obwohl wir schon dabei waren, einen Termin auszumachen.»
Diskriminierung bei Wohnungs- und Jobsuche
Auch die Wohnungssuche erwies sich als schwierig: «Als ich mit meinem damaligen Mann, einem Deutschen, und meinem Sohn zu einer Besichtigung kam, schien der Verwalter auf jemand anderes als mich zu warten. Dann sagte er: ‹Jetzt fehlt nur noch Frau Küderli.›» Die Wohnung hätten sie nicht erhalten, obwohl sie die einzigen vorgeschlagenen Nachmieter gewesen seien – plötzlich hätten alle möglichen Unterlagen gefehlt.
In der Schule hätten gewisse Eltern ihren Kindern verboten, mit ihrem Sohn zu spielen, erzählt Lydie-Paule Küderli. Und bei ihrer Ausbildung war sie die Einzige, die den Abschluss nicht pünktlich machte, da sie lange kein Praktikum fand – auch kein unbezahltes. «Ich habe damals klare Zeichen erhalten, dass diese Schwierigkeit mit meiner Herkunft zu tun hat.»
Diskriminiert fühlte sie sich auch, als eine Zeitung in einem Artikel, in dem sie vorkam, ihren richtigen Namen ersetzte, ihre afrikanische Herkunft wegliess und das Bild einer weissen Frau verwendete – ohne sie zu informieren. Dabei hatte sie ausdrücklich darum gebeten, authentisch und mit echtem Namen vertreten zu sein. Man habe sie schützen wollen, heisst es auf Anfrage bei der Zeitung.
Immer wieder Ablehnung zu erfahren, nage an der Psyche, sagt sie. «Ich muss immer mehr leisten als andere – ich muss so gut sein, dass sie gar keine Wahl haben, jemand anderem die Stelle zu geben.» Ständig kämpfen zu müssen, sei anstrengend. «Die Isolation und die Ausgrenzung haben meine Depressionen verstärkt.»
«Frustrierend, dass man zum Aussenseiter gemacht wird»
Ammar J. (23) kam mit drei Jahren aus Mazedonien in die Schweiz. Aufgewachsen ist er in St. Moritz, wo er früh die Erfahrung machte, nicht immer dazuzugehören. «Dort gab es nicht viele Menschen aus dem Balkan. Ich wurde oft abschätzig behandelt.»
Erst kürzlich erlebte Ammar «Racial Profiling», also dass man aufgrund der ethnischen Herkunft polizeilich verdächtigt wird. Er war mit einem Schweizer Kollegen im Auto unterwegs, als Polizisten sie anhielten und die ID verlangten. «Mein Kollege bekam seine gleich zurück – ich nicht, obwohl ich nur Beifahrer war.» Zehn Minuten später sei der Polizist gekommen und habe gewollt, dass Ammar aussteige, habe ihn abgetastet und seine Tasche kontrolliert. «Man gibt sich Mühe, etwas zu erreichen, und wird trotzdem auf seinen ethnischen Hintergrund reduziert», sagt er. Seit er drei Jahre alt sei, lebe er in der Schweiz. «Die Schweiz ist meine Heimat. Dass gewisse Menschen mich trotzdem zum Aussenseiter machen, ist sehr frustrierend.»
Migrierte sind psychisch stärker belastet
Laut dem Bundesamt für Statistik litten 2022 19,7 Prozent der Schweizerinnen an einer mittleren oder hohen psychischen Belastung, bei den Männern waren es 13,1 Prozent. Die Zahlen für Menschen mit anderer Staatsangehörigkeit sind durchgehend höher. Migrierte Frauen leiden am meisten. Am höchsten ist der Wert für Frauen aus Südwesteuropa (zum Beispiel Italien oder Portugal): Fast jede dritte Frau gab an, eine hohe oder mittlere psychische Belastung zu haben. Bei den Männern sind Ost- und Südosteuropäer (etwa Albanien oder Griechenland) mit 22,5 Prozent am meisten betroffen.
Überraschend ist, dass Männer von ausserhalb Europas weniger psychisch belastet sind als Schweizer. Doch Amina Trevisan, Soziologin und Medizinethnologin, sieht die Daten kritisch: «Migrierte Männer aus Drittstaaten sind nicht weniger betroffen, sie suchen nur weniger oft therapeutische Hilfe auf. Die Statistik trügt somit.»
Trevisan ist Geschäftsleiterin von Prosalute, einem Verein, der sich für gesundheitliche Chancengleichheit einsetzt, und hat ihre Doktorarbeit zu Depressionen im Migrationskontext geschrieben. Erlebnisse, wie Lydie-Paule und Ammar sie gehabt haben, seien Gründe, warum Migrierte mehr unter psychischen Erkrankungen litten, so die Expertin: «Keine Arbeit zu finden, finanzielle Sorgen und das fehlende soziale Umfeld sind Faktoren, die stark belasten.» Dazu kämen Rassismuserfahrungen: Die ständig ungleiche Behandlung und das Gefühl, nicht angenommen zu werden, trügen stark dazu bei, dass Migrierte in chronische Belastungssituationen gerieten, sagt sie. Es sei nicht die Migration per se, die krank mache, sondern die belastende Lebenssituation in der Schweiz. Das sei unter anderem ein Auslöser für Depressionen. Diese seien bei Migrierten nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich zu verorten.
Hürden im Therapiezimmer
Auch Ammar leidet seit seiner Jugend unter Depressionen. Er und auch Lydie-Paule haben sich therapeutische Hilfe gesucht. «Meine Eltern haben mich immer unterstützt», erzählt Ammar. Schwieriger sei es bei Verwandten, die in Nordmazedonien leben. «Dort denkt man, wenn eine Person zur Therapie geht, stimmt etwas grundlegend nicht mit ihr.»

Je nach Herkunftsland sei es Menschen oft fremd, sich in Therapie zu begeben, erklärt Amina Trevisan. «Nur schon über das Leiden zu sprechen, ist oft schambehaftet», sagt sie. Unwissen über psychische Erkrankungen und über Behandlungsmöglichkeiten sowie Angst vor Stigmatisierung stellten Hürden dar, in Therapie zu gehen. Dazu kämen finanzielle und sprachliche Hindernisse, weshalb Erkrankte oft spät professionelle Hilfe einholten, so Trevisan.
Transkulturelle Therapie in St. Gallen
Aus Trevisans Studie geht hervor, dass seelische Erkrankungen bei Migrierten von Fachpersonen oft falsch oder nicht erkannt werden. Daraus ist das Angebot der transkulturellen Therapie entstanden. Im Zentrum stehe ein kultursensibler Umgang mit den Patienten, erklärt Stephan Egger, Chefarzt der Psychiatrie St. Gallen. «Dabei werden kulturelle Anteile der Identität als Ressource oder auch als Konflikt identifiziert.» Besonders dann, wenn sie mit dem eigenen Lebensentwurf nicht übereinstimmten. Beispielsweise wenn Eltern verlangten, dass ein Kind jemanden derselben Religion oder Herkunft heirate, obwohl das nicht gewünscht sei.
Besonders wichtig ist in dieser Therapieform die Kommunikation. «Einer psychisch kranken Person fällt es ohnehin schon schwer, sich auszudrücken, durch eine Sprachbarriere ist es noch schwieriger», erklärt Egger. Mit Dolmetschenden bestehe zudem die Gefahr, dass Feinheiten in der Übersetzung verloren gingen. «Dazu kommt, dass zu einer weiteren Person Vertrauen gefasst werden muss.» Wenn Kommunikation über Sprache nicht gelinge, dann zum Beispiel über Kunst, Bilder, Musik oder Filme. «Wenn der Patient malt, findet man einen neuen Zugang zu den Gefühlen, oder er kann sich einen Film oder ein Lied in der eigenen Sprache aussuchen und dann ausdrücken, mit welchem Charakter oder Gefühl er sich identifiziert und warum.»
Lydie-Paule Küderli wünscht sich, dass sie die sogenannte Chancengleichheit noch erlebe, wie sie sagt. «Ich möchte einfach nur gesehen werden für die Fähigkeiten, die ich habe, und für den Menschen, der ich bin.» Ihre schwierigen Erlebnisse sieht sie heute aber als Ressource. «Mit meinen Erfahrungen würde ich anderen Menschen in ähnlichen Situationen in einer Anstellung gern weiterhelfen.»
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