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Palästinenser im Westjordanland
Die Vertreibung der Vertriebenen: Für Israel sind die Flüchtlingslager «Zentren des Terrorismus»

Israelische Soldaten sprechen mit einer palästinensischen Frau, die während eines Armeeeinsatzes im Nur Shams Flüchtlingslager im Westjordanland am 11. Februar 2025 ihr Zuhause verlässt.
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In Kürze:
  • Das israelische Militär zerstört systematisch Flüchtlingslager im Westjordanland.
  • Nazmi Turkman lebt mit 25 Geflüchteten in einer Blindenschule in Jenin.
  • Sair Turkman hat seit dem Militäreinsatz alles verloren, auch sein Auto.
  • Die Palästinenser betonen das Recht auf Rückkehr und Widerstand gegen Besatzung.

Wenn Nazmi Turkman aus dem Fenster schaut, sieht er den Spielplatz, die Rutsche, die quietschbunten Schaukeln. «Wenigstens die Kinder kommen auf ihre Kosten. Solch einen schönen Spielplatz haben wir im Lager nicht.» Das war es dann aber auch an Gutem, was der 53-jährige Palästinenser über sein neues Zuhause sagen kann: Turkman lebt mit seiner Grossfamilie seit mehr als drei Wochen in der Blindenschule von Jenin, 25 Personen in zwei Zimmern, und das ohne jede Perspektive: «Irgendwann werden sie uns wegschicken», sagt er. «Wir können hier ja nicht ewig bleiben.»

Wohin der Hirte soll, weiss er nicht: Seinen Heimatort, das Flüchtlingslager von Jenin, hat die israelische Arme besetzt. Das Lager ist abgeriegelt für seine Bewohner, das Haus der Grossfamilie ausgebrannt, die meisten seiner Ziegen und Schafe sind verkauft oder verhungert, die Familie lebte bisher vom Verkauf der Milch im Lager: «Die Soldaten haben uns zwei Stunden gegeben, unsere Sachen zu packen.»

Flüchtlingselend im Westjordanland. Zu Turkmans Familie gehört auch der jüngere Bruder Sair, der mit verkrüppelten Beinen zur Welt gekommen ist und die Blindenschule nicht allein verlassen kann: Er muss in seinem Rollstuhl die steile Treppe des Heims heruntergetragen werden. Gelebt hat der 36-Jährige bisher davon, Zigaretten von Hand zu stopfen.

Der Bruder steht vor den Trümmern seines Lebens

Der jüngere Turkman fuhr in seinem Elektro-Rollstuhl durch das Lager, im Spezialauto in die Stadt, verkaufte die Zigaretten billig an der Strasse. «Ich habe für mich selbst gesorgt», sagt Sair Turkman. «Ich hatte eine eigene Wohnung.» Auto und Rollstuhl hatte er von einer NGO, nach dem israelischen Militäreinsatz steht er vor den Trümmern seines kleinen Lebens: «Alles kaputt, auch mein Auto.»

Israels Militär geht seit Wochen mit aller Härte gegen Militante in den Flüchtlingscamps des nördlichen Westjordanlands vor, räuchert die Kämpfer aus, zerstört die Camps in weiten Teilen. Rund 40’000 von der Armee aus dem Lager von Jenin und zwei anderen grossen Lagern vertriebene Männer, Frauen und Kinder hausen nun in Schulen, Sporthallen oder bei Verwandten.

Nazmi Turkman, 53, posiert für ein Porträt in einem Raum eines Gemeinschaftszentrums in Jenin, Westjordanland, am 26. Februar 2025.

Familien wohnen in kahlen Klassenzimmern, teilen die Räume mit Decken und Tüchern in Abteile für Frauen und Männer, Kinder schlafen auf dem Boden, leben von Almosen. Aber fast alle sagen dennoch das, was Nazmi Turkman zweimal wiederholt: «Und wenn wir im Zelt leben müssen, ich will zurück ins Camp.»

Nach mehreren Terroranschlägen hat Israels Premier Benjamin Netanyahu einen weiteren «intensiven Einsatz gegen die Zentren des Terrorismus» angekündigt, Panzer nach Jenin geschickt und seine Soldaten im besetzten Lager von Tulkarem besucht. «Wir dringen in die Hochburgen der Terroristen vor, räumen die von ihnen kontrollierten Strassenzüge, ihre Häuser. Wir vernichten die Terroristen samt ihren Kommandanten.»

Es war eine Demonstration der Stärke, obwohl schon seit fast drei Monaten gekämpft wird in den Lagern. Erst versuchte die Palästinensische Autonomiebehörde (PA), der sogenannten Jenin-Armee im Lager der Stadt Herr zu werden – sie scheiterte kläglich. Dann kamen israelische Soldaten.

Ein Fahrzeug des palästinensischen Roten Halbmonds evakuiert Bewohner auf zerstörten Strassen im Flüchtlingslager Jenin während einer Offensive im besetzten Westjordanland, Februar 2025.

Die Camps sind im Laufe der Jahrzehnte zwar zu richtigen Stadtvierteln geworden, mit Wohnhäusern, Geschäften, Moscheen. Sie sind aber auch Hochburgen der Militanten. Die Jenin-Armee gilt als gefährlichste Gruppe, eine vor allem von jungen Kämpfern der Generation Z getragene Miliz.

Die hatten sich in den verwinkelten Gassen des Jenin-Camps verschanzt, die Israelis aus dem Hinterhalt beschossen, Bomben gezündet, mit Drohnen angegriffen. Weshalb Netanyahus Armee das Lager ebenso wie die Camps in den nahen Städten Tulkarem und Tubas besetzte, Dutzende Militante tötete oder festnahm, die Luftwaffe einsetzte. Heimlich gedrehte Videos zeigen zerstörte Fassaden und Bagger, die Häuser einreissen.

Gehts jetzt über die Grenze nach Jordanien?

Die Lager dürften nicht länger Festungen von Militanten sein, erklären israelische Sicherheitsexperten. Die Regierung hat erklärt, die Lagerbewohner dürften «vorerst» nicht zurück in die Camps. Was es bedeuten könnte, wenn aus vorerst ein «nie wieder» wird, ist der Albtraum jedes Palästinensers: die Vertreibung der Vertriebenen – erst aus den Camps und später vielleicht aus dem Westjordanland, über die Grenze nach Jordanien. Davon träumen die Rechtsextremen in der israelischen Regierung schon lange.

Der Bürgermeister von Jenin hat jüngst behauptet, ein israelischer Offizier habe ihm angekündigt, dass das Camp am Ende ganz abgerissen würde. Man werde dafür sorgen, dass ein neues Stadtviertel mit breiten, für das Militär übersichtlichen Strassen erbaut würde. Gern von israelischen Firmen, bezahlt aber mit palästinensischem Steuergeld.

Am Eingang des Krankenhauses von Jenin steht ein Denkmal. Eine Glasplatte mit einem Betonsockel, dahinter das Porträt eines Mannes: «Doktor Abdallah, gestorben am 14.10.2023, gefallen im Kampf». Der «Märtyrer» arbeitete tagsüber als Mediziner in der Klinik – und schoss nachts aus dem Hinterhalt auf israelische Soldaten.

Der kurz nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober getötete Arzt und sein Bekenntnis zu dem, was Palästinenser nur «Widerstand» im Kampf gegen Israel nennen, ist kein Einzelfall. Nicht jeder greift zur Waffe. Aber so gut wie alle Bewohner der Flüchtlingslager klagen Israel wegen der sechs Jahrzehnte dauernden, völkerrechtswidrigen Besatzung an. Sie fordern ihr Land zurück, unterstützen die Militanten.

«Die Menschen in Gaza werden bleiben»

An den Strassen und an den Häuserfassaden in Jenin hängen Porträts gefallener Kämpfer. Selbst im Stationszimmer des Krankenhauses finden sich Fotos der Militanten an den Wänden. Die Idee vom Widerstand ist felsenfest verankert in der DNA der Palästinenser im Westjordanland.

Ein hochgewachsener Mann, der neben dem Denkmal am Klinikeingang herumsteht, sagt: «Wir lassen uns nicht vertreiben. Auch die Menschen in Gaza werden nicht weggehen, sie werden bleiben – Donald Trump hin oder her.» Seinen Namen will der Bauarbeiter nicht nennen. «Ich war selbst im Widerstand. Ich sass fünf Jahre in israelischer Haft, während der zweiten Intifada.» Eines aber weiss er sicher: «Wir geben nicht auf.»

Vertriebene Kinder spielen in einem Gemeindezentrum in der besetzten Westbank-Stadt Jenin während einer laufenden israelischen Militäroperation am 26. Februar 2025.

Weitgehend unbeachtet von der Welt haben die «48er» keine Hilfe zu erwarten. Die «48er» sind die Nachfahren der von Israel bei der Staatsgründung von 1948 aus dem Gebiet des heutigen jüdischen Staats Vertriebenen. Was ist mit der UNRWA, der für die palästinensischen Flüchtlinge zuständigen UNO-Organisation? Fehlanzeige. Sie darf in Israel seit dem 7.-Oktober-Massaker nicht mehr arbeiten, in den besetzten Gebieten ist ihr Einsatz kaum noch möglich.

Auch die Palästinensische Autonomiebehörde (PA), die von vielen Politikern im Westen als so etwas wie eine funktionierende Palästinenserregierung missverstanden wird, kann den Lagerbewohnern kaum helfen: kein Geld, keine Rechte, keinen Rückhalt bei der eigenen Bevölkerung. Für die meisten hat die PA die Menschen schlicht an die Israelis verraten.

Auf der Zugangsstrasse gerate jeder in den Fokus

Die Camps mögen Hochburgen der Kämpfer sein, sind aber auch Heimat und Wohnort Zehntausender. Der Bauarbeiter am Eingang des Hospitals, der vor dem Denkmal für Doktor Abdallah steht, will seit Tagen ins Lager, um nach seinem Haus zu sehen. Er weiss nicht einmal, ob es noch steht. Ins Lager hinein kommt er aber nicht: Angeblich feuert die Armee auf jeden, der sich auf die Zugangsstrasse wagt.

Schuld an dem Desaster tragen in den Augen des Bauarbeiters und vieler anderer allein die Israelis. Der Widerstand habe «die Schlacht um Jenin verloren. Aber die jungen Männer haben wenigstens versucht, uns zu verteidigen gegen die Israelis». Ob in Jenin oder Tulkarem – die Palästinenser aus den Camps sagen alle dasselbe: Es lebe der «Widerstand», das Recht auf Rückkehr. Das ganze Land «vom Fluss bis zum Meer» sei schliesslich palästinensisch.

Für einen Staat Israel ist in den Augen der meisten kein Platz. «Ich lehre meinen Sohn, dass wir aus Haifa stammen, 1948 vertrieben wurden», sagt der Bauarbeiter. «Und ich sage ihm, dass wir mit den Steinen unseres zerstörten Hauses im Jenin-Camp eines Tages in Haifa unser neues Haus bauen werden. Und wenn es nicht mein Sohn ist, der dieses Haus baut, dann ist es mein Enkel.»