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Geschichte der organisierten Kriminalität
Die eiserne Hand – wie El Salvador die Gangs besiegte

Massenverhaftung im Februar 2023: Häftlinge aus den Gangs «MS-13» und «18» werden ins neue Izalco-Hochsicherheitsgefängnis gebracht, das Platz für 40’000 Gefangene hat.
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5000 Soldaten marschierten Ende März in den Norden von El Salvador ein. Es war keine Invasionsarmee, im Gegenteil: Die Regierung des kleinen zentralamerikanischen Landes hatte sie selbst geschickt. Nicht, um irgendwelche Aufständischen zu bekämpfen, und es ging auch nicht um Hilfe nach einer Naturkatastrophe.

Der Grund für den Einsatz war ein Mord: ein 21-Jähriger, erschossen auf dem Nachhauseweg von einem Abschlussball. Die Tatverdächtigen waren dabei längst gefasst: zwei Männer, die nicht nur die vermutliche Mordwaffe mit sich trugen, eine abgesägte Schrotflinte, sondern dazu auch mutmasslich noch Mitglieder von «Barrio 18» waren, einer der berüchtigtsten Gangs des Landes.

In El Salvador herrschte jahrzehntelang Bandenterror

Über drei Jahrzehnte hinweg haben sie und andere kriminelle Gruppen El Salvador mit teils bestialischem Terror überzogen. In manchen Jahren gab es statistisch gesehen fast stündlich einen Mord. Doch das alles ist Vergangenheit. Morde sind so selten, dass sie, wie nun im Fall des getöteten 21-Jährigen, Aufmerksamkeit erregen und riesige Polizei- und Militäreinsätze bewirken.

Dass diese wie Feldzüge wirken, ist kein Zufall: Vor zwei Jahren hat die Regierung von El Salvador den Banden buchstäblich den Krieg erklärt. Zehntausende mutmassliche Mitglieder wurden seitdem verhaftet, nirgendwo gibt es heute prozentual zur Bevölkerung so viele Häftlinge wie in El Salvador.

Doch war das Land bis vor ein paar Jahren noch traurige Spitze in den globalen Mordstatistiken, steht es nun auf einer Stufe mit Kanada oder Litauen: 2,4 Morde pro 100’000 Einwohner – und dieses Jahr, verspricht Nayib Bukele, der junge Präsident des Landes, würden es sogar noch weniger werden.

Ungeheuer populär: El Salvadors Präsident Nayib Bukele.

«Terroristen», nennt der Staatschef die Banden, und in seinen Netzwerken verbreitet er martialische Fotos und Videos: Von Häftlingen, halb nackt und zusammengepfercht, oder, wie nach dem Mord an dem 21-Jährigen, von Soldaten und Polizisten, schwer bewaffnet. Vor ihnen: zwei Männer, die beiden Tatverdächtigen, kniend und gefesselt, hinter ihnen die aufmarschierten Truppen. «Wir hören nicht auf, bis wir den letzten Rest der Banden beseitigt haben», verspricht Bukele. Gut möglich, dass ihm das sogar gelingt.

Für Lateinamerika wäre das ein Novum. Denn auch viele andere Länder leiden unter Banden der organisierten Kriminalität, Argentinien genauso wie Brasilien, Venezuela, Ecuador oder Mexiko. Überall versprechen Politiker nun, das «Modell Bukele» zu kopieren. Doch Kritiker warnen, dass der Preis für den Frieden hoch ist und die Erfolge auch nicht einfach reproduzierbar sind. Denn die Gangs in El Salvador haben eine ganz eigene Geschichte.

Wie die Gangs in El Salvador entstanden

El Salvador lebte lange vor allem von Indigo und Kaffee, ein prächtiges Geschäft, an dem aber nur reiche Grossgrundbesitzer verdienten. Immer wieder kam es zu Aufständen, Anfang der 1980er-Jahre dann zum Bürgerkrieg. Linke Guerillas kämpften gegen eine von den USA gestützte Militärdiktatur. Mehr als eine Million Menschen flohen nach Guatemala, Honduras, Nicaragua oder Costa Rica, aber auch in die USA, ganz besonders nach Los Angeles.

Im Buch «Man nannte ihn El Niño de Hollywood» schildern die Journalisten Oscar Martinez und Juan José Martinez das Leben der damaligen Einwanderer: Kaum jemand hatte eine Aufenthaltserlaubnis oder sprach auch nur Englisch. Die Eltern arbeiteten von früh bis spät, in Fabriken, Restaurants oder als Putzkräfte, die Kinder mussten alleine klarkommen. Ein grosses Problem für sie waren etablierte Gangs, oft von Afroamerikanern, aber auch Mexikanern.

Zeichen der Gewalt: Die Sicherheitskräfte haben wenig Mühe, Gangmitglieder zu finden – diese haben durch ihre rituellen Tätowierungen selbst dafür gesorgt.

In ihrer Verzweiflung suchten junge El Salvadorianer nach Zuflucht und Auswegen – und sie fanden sie zuerst im Heavy Metal, einer Musikrichtung, hart und radikal, mit Songtexten, die von Zerstörung, Krieg, Chaos und vom Satan handeln. Bald liessen sich viele El Salvadorianer in Los Angeles die Haare wachsen, sie trugen Ketten und Lederstiefel. Und man liess sich nicht mehr von anderen Gangs schikanieren, schlug zurück, auch wenn Blut floss.

Immer wieder landeten junge El Salvadorianer darum im Jugendknast, und dort erlangten sie das, was Maria Micaela Sviatschi «kriminelles Kapital» nennt: «Obwohl diese Banden anfangs nicht extrem gewalttätig waren, erwarben die Mitglieder nach ihrer Zeit in US-Gefängnissen Fähigkeiten in Bezug auf Erpressung und Gewalt», schreibt die Wirtschaftsprofessorin von der Princeton-Universität in ihrer Studie über die Banden der El Salvadorianer in den USA und wie diese ihr kriminelles Kapital exportiert haben.

Denn als immer mehr Einwanderer aus Zentralamerika straffällig wurden, begannen die Vereinigten Staaten massiv damit, diese zurück in ihre alte Heimat zu schicken – darunter auch immer mehr Kriminelle. In El Salvador herrschte damals zwar Frieden, das Land aber lag in Trümmern. Ohne Ausbildung oder oft auch nur Schulabschluss hatten die Heimkehrer keine Chance auf Jobs. Und so taten sie das, was sie schon in den USA getan hatten: Sie suchten Gleichgesinnte und bildeten abermals kriminelle Banden.

Frauen und Kinder zwischen den Fronten

Die Bevölkerung geriet immer mehr zwischen die Fronten. Manchmal wurden Schulkinder oder Marktfrauen bei Schiessereien von verirrten Kugeln getroffen, immer öfter aber gab es auch gezielte Hinrichtungen und demonstrativen Terror. Das unterscheidet die Gangs in El Salvador von anderen kriminellen Banden in Lateinamerika: Während die Kartelle in Kolumbien oder in Mexiko ihr Geld vor allem mit Drogenhandel verdienen und darum versuchen, diese Geschäfte nicht durch übermässige Gewalt zu stören, war die Hauptgeldquelle von Gangs wie «Barrio 18» die Schutzgelderpressung.

Angesichts von horrenden Mordstatistiken und den Kosten, die die Gangs verursachten, sah sich die Politik gezwungen zu handeln. Anfang der Nullerjahre versprach die konservative Regierung eine Mano Dura, eine harte Hand. Innerhalb eines Jahres gab es rund 20’000 Verhaftungen. Doch auch wenn die Kriminalität zurückging, so war der Effekt nur von kurzer Dauer. Manche Studien gehen sogar von einem negativen Effekt aus, weil sich die Banden angesichts von Verfolgung besser organisiert und sich inhaftierte Mitglieder in den Gefängnissen noch weiter professionalisiert hätten.

Als auch eine Politik der Súper Mano Dura, der extra harten Hand, keine bleibenden Erfolge erzielte und die konservative Regierung in Korruptionsskandalen versank, kam es 2009 zum Machtwechsel. Die FMLN, hervorgegangen aus der linken Guerilla im Land, übernahm die Macht.

Ihre Regierung setzte erst auf Sozialprogramme, dann auf geheime Deals: Bosse bekamen Hafterleichterungen, dafür sorgten sie dafür, dass die Gewalt auf der Strasse abnahm. Auch hier war der Effekt nicht von langer Dauer: Die Banden wollten immer mehr Vergünstigungen, von Drogen über Prostituierte bis hin zu Geld. Wenn sie nicht bekamen, was sie wollten, setzten sie wieder auf Gewalt. Von 2013 an stieg die Mordrate wieder, in immer schwindelerregendere Höhen.

Viele Menschen hatten zwischen der gescheiterten Politik der harten Hand und den geheimen Deals mit den Banden ihren Glauben in die etablierten Parteien verloren. Und so gaben sie bei den Wahlen 2019 einem jungen Aussenseiter ihre Stimme: Nayib Bukele, Spross einer reichen Unternehmerfamilie und Ex-Werber, der versprach, die Gewalt im Land endlich in den Griff zu bekommen.

Bukele rief den «Plan Control Territorial» aus, ein Programm, nicht unähnlich der Mano-Dura- und Súper-Mano-Dura-Politik – allerdings weit radikaler. Die Polizei wurde massiv aufgerüstet, es häuften sich Razzien. Der Präsident brüstete sich im Netz mit immer neuen Zahlen von Verhafteten: Tausende, dann Zehntausende, dazu Bilder von gefesselten Gangmitgliedern. Ein neues Hochsicherheitsgefängnis wurde eingeweiht, mit Platz für 40’000 Insassen.

Häftlinge in Tecoluca: El Salvador hat dem organisierten Verbrechen den Krieg erklärt – und Erfolg damit. Doch Menschenrechtsorganisationen warnen, der Preis könne zu hoch sein.

Viele Menschen in El Salvador jubelten: endlich Schluss mit den Banden! Keine Angst mehr, keine Schutzgeldzahlungen, vor allem keine Morde. Kein Land in Lateinamerika ist statistisch gesehen so sicher wie El Salvador. Bei den Wahlen im Februar wurde Bukele mit rund drei Viertel der Stimmen wiedergewählt.

Viele Unschuldige in Haft

Selbst Kritiker geben heute zu, dass die mächtigen Gangs, so wie es sie noch vor kurzem in El Salvador gegeben hat, nicht mehr im Land existieren. Doch der Preis, sagen Menschenrechtsverbände, sei hoch: Viele der Inhaftierten seien Unschuldige. Und in den Gefängnissen, befürchten Beobachter, könnten sich die Gangs neu formieren, neue Mitglieder rekrutieren und dann am Ende sogar gestärkt werden – so wie das in der Vergangenheit immer wieder der Fall war.

Auch wenn Bukele die Gangs zerschlagen hat und ein Grossteil ihrer ehemaligen Mitglieder im Knast sitzt, wurden die grundsätzlichen Probleme, die dazu geführt hatten, dass junge Menschen sich den Banden anschlossen, nicht gelöst: strukturelle Ungleichheit, Armut, Arbeitslosigkeit.

Und so bleibt die Frage, ob der Krieg wirklich gewonnen ist – oder ob die Ruhe und die gesunkenen Mordzahlen eigentlich nur eine kurze Feuerpause sind.