Der neue GC-HoffnungsträgerEr spielte barfuss im Flüchtlingscamp – jetzt tanzt er in der Super League
Awer Mabil schiesst die Grasshoppers mit zwei Toren zum zweiten Saisonsieg. Der Weg nach Zürich aber war lang und voller Hindernisse.

Als Awer Mabil nach der GC-Niederlage gegen die Young Boys vom vergangenen Samstag die Treppe zu den Kabinen im Letzigrund hochlief, hielt er ein Plakat in den Händen. Er hatte es gerade bekommen von einem jungen GC-Fan, sein Name stand drauf, dazu das GC-Logo und ein Bild des Tasmanischen Teufels. Die Comicfigur aus den «Looney Tunes» mit dem Namen Taz, nicht das Säugetier.
«Das bin wohl ich», sagte Mabil, zeigte auf Taz und lächelte zufrieden. Das Plakat nahm er mit nach Hause, er hatte es gegen sein Trikot eingetauscht. Die Partie gegen die Young Boys war seine fünfte als GC-Spieler, es gab weder Sieg noch Tor, aber bei den Kleinen war Mabil, der flinke rechte Flügel, offenbar schon angekommen.
Nun, eine Woche später, spielt GC am Samstagabend in Yverdon. Die Lage vor der Partie ist kritisch, sechsmal in Folge haben die Zürcher nicht gewonnen, sie haben wenig Tore geschossen und sind auf Rang 11 der Tabelle abgerutscht. Sie befinden sich in einer Krise. Und Yverdon ist in Form, hat gerade den FC Basel und St. Gallen geschlagen.
Doch diesmal ist alles anders. Auch dank Awer Mabil. Tor zum 1:0, Tor zum 2:0, Assist zum 3:0. Der 28-Jährige ist bei seinem Debüt in der GC-Startformation die grosse Figur des Abends. Und er übernimmt, gemeinsam mit Giotto Morandi und Tsiy Ndenge, gleich die Führung in der internen Skorerliste.
Mabil sagt, er sei einfach nur froh, dass GC wieder einmal gewonnen habe, seine Mannschaft habe lange auf diesen Sieg hingearbeitet. Und das Wichtigste sei sowieso das «Clean Sheet», also kein Gegentor bekommen zu haben. Er selbst habe sich gut eingelebt, sagte er bereits nach der Partie gegen YB, die Menschen in der Schweiz seien wunderbar und GC sei ein fantastischer Club.
Er kam fern von seiner Heimat zur Welt
Im Fussball geht es zuweilen schnell mit neuen Hoffnungsträgern, gerade bei Krisenteams. Aber vielleicht kommt dieser Mabil bei GC ja wirklich an. Er musste in seiner Karriere weit reisen, um hier zu landen. Australien, Dänemark, Portugal, Türkei, Spanien, Tschechien, er war schon überall, um Fussball zu spielen. Das passt zu seinem Leben.
«Wenn du einen kleinen Ball haben willst, holst du dir Plastiksäcke, drückst sie zusammen, brennst sie an, damit sie aneinanderkleben, und schon hast du einen.»
Mabil kam im September 1995 zur Welt, weit weg von seinem eigentlichen Zuhause. Seine Eltern mussten den Sudan verlassen, im Land tobte der zweite Bürgerkrieg, Norden gegen Süden, 22 Jahre lang. Mabil verbrachte die ersten Jahre seines Lebens im Flüchtlingscamp Kakuma im Norden Kenias. Bis zu 200’000 Menschen lebten dort phasenweise, die meisten stammten aus dem Südsudan, viele andere aus Äthiopien und Somalia.
Mabil und andere Kinder vertrieben sich ihre Zeit mit Fussball, barfuss, ohne Ball, sondern mit Utensilien, die sie eben in die Finger kriegten. In einem Interview erzählte er einmal: «Wenn du einen kleinen Ball haben willst, holst du dir Plastiksäcke, drückst sie zusammen, brennst sie an, damit sie aneinanderkleben, und schon hast du einen.» Er sagte auch: «Fussball war meine Rettung.»
Als Mabil zehn Jahre alt war, verliess er das Camp mit seiner Familie. Australien wurde zu seiner neuen Heimat, nicht Tasmanien, wie das Plakat des jungen GC-Fans vermuten lassen könnte, sondern Adelaide. Mabil sprach kein Englisch, aber der Fussball half ihm, Anschluss zu finden. Mit zwölf spielte er erstmals in einem Verein.
In Adelaide arbeitete er sich hoch, 2013 debütierte er für die erste Mannschaft, zwei Jahre später wurde er schon interessant für europäische Teams. Er ging nach Dänemark und schloss sich dem FC Midtjylland an. Immer wieder wurde er ausgeliehen, zuletzt gehörte er dem spanischen Verein Cádiz und nun den Grasshoppers.
In diesen Jahren wurde Mabil Australier und schliesslich auch australischer Nationalspieler. 31 Länderspiele hat er bereits bestritten. Im interkontinentalen WM-Playoff gegen Peru im Juni 2022 traf er im Penaltyschiessen und hatte damit seinen Anteil an der Qualifikation Australiens für das Turnier in Katar. Im Wüstenstaat kam Mabil zu zwei Einsätzen. Im Januar wurde er zum «jungen Australier des Jahres» gekürt.
Mabils Geschichte ist voller Hindernisse, aber auch eine wunderbare Geschichte des Erfolgs. 2014 flogen er und sein Bruder mit Koffern voller Kleider erstmals zurück nach Kakuma. Als sie sahen, dass die Kinder dort immer noch barfuss waren, sammelten sie die gebrauchten Schuhe von Mabils Teamkollegen ein und gründeten eine Hilfsorganisation, die sich für bessere Zustände in Flüchtlingscamps wie Kakuma einsetzt.
Auch wenn er viel gereist ist und nun in der Schweiz mit Fussball sein Geld verdient. Mabil will nicht vergessen, wo er herkommt.
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