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Meinung

Abschied von der männlichen Chefkultur
Die Jungen fordern uns heraus. Recht so!

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Meine erste richtige Arbeitsstelle trat ich 2007 an. Ich war Substitutin, das ist wie ein juristisches Praktikum zur Vorbereitung auf die Anwaltsprüfung. Ich arbeitete bei einer Wirtschaftskanzlei. Es gab Gratiskaffee, Äpfel und Anwälte, die mir abends um acht, als ich nach Hause ging, zuriefen: «Gehst du Mittagessen?»

Haha, sehr witzig, dachte ich, doch bald arbeitete auch ich manchmal bis nach Mitternacht. Die Arbeitskultur war militärisch. Frauen gab es wenige, und in der Kanzlei gab es nur eine Partnerin, die Kinder hatte. Überstunden wurden nie notiert oder kompensiert – obwohl es seit der Einführung des Arbeitsgesetzes 1966 eine Dokumentationspflicht gibt. Diese Pflicht wurde aber fast überall missachtet. Die kantonalen Arbeitsinspektoren schauten weg, und wir am unteren Ende der Hierarchie trauten uns nicht, etwas zu sagen. Als 2016 einige Parlamentarier die Regeln für die Arbeitszeiterfassung für Kader und Fachkräfte lockern wollten (was auf dieser Stufe auch Sinn machte), kam das Thema Arbeitszeitdokumentation zurück in die gesellschaftliche Wahrnehmung – und die Zeit des geduldeten Gesetzesbruchs war vorbei. Gut so!

Heute bin ich selber Arbeitgeberin, und selbstverständlich dokumentieren wir die Arbeitszeiten. Ich habe mir als junge Arbeitnehmerin geschworen, dass ich anders mit Mitarbeitenden umgehen möchte, sollte ich eines Tages die Möglichkeit dazu haben. Nicht nur bei der Arbeitszeit, sondern auch bei der Kultur. Mit Gratiskaffee und Äpfeln lassen sich heute keine Arbeitskräfte mehr gewinnen: Die Gen Z hat andere Ansprüche.

Wer wie ich in den 2000er-Jahren in einer männlichen Chefkultur sozialisiert wurde, muss heute umdenken, was den Umgang mit jüngeren Arbeitnehmenden betrifft. Was wir damals an Druck, Einschüchterung und Arbeitslast erfuhren, wäre heute undenkbar. Die Gen Z achtet auf Überstunden, fordert Lohnerhöhungen, will offene Feedbackrunden, Weiterbildungen und vor allem: ein wertschätzendes Arbeitsumfeld.

Warum auch nicht? Kein Betrieb funktioniert ohne Arbeitskräfte. Ich beneide aber manchmal diese Selbstverständlichkeit, mit der die Gen Z für sich einsteht – wobei ich aber nicht in die Litanei einstimme, dass diese Generation per se faul oder unmotiviert sei. Im Gegenteil: Ich erlebe starke Leistungsträgerinnen, die oft eine hohe Sozialkompetenz haben und achtsamer und bewusster durchs Leben schreiten als wir damals.

Nur manchmal würde ich meine jüngeren Arbeitnehmenden gern in eine Zeitkapsel setzen, damit sie verstehen, was wir damals erlebt haben (und von welcher Kultur wir uns emanzipieren mussten). Ich glaube, meine Generation leistet gerade eine nicht zu unterschätzende Anpassung der Leadershipkultur – und wird hoffentlich zu den Vorbildern, die wir damals nicht hatten.