Miniatur des AlltagsPing-Pong auch im Kopf
In dieser Miniatur erzählt ZSZ-Redaktor Nicola Ryser, warum es nicht so einfach ist, in den normalen Alltag zurückzukehren.
Endlich. Nach sechs Wochen – gefühlt waren es doppelt so viele, Zeit ist ja relativ – hat der Lockdown ein Ende. Erste Lockerungen sollen uns den Weg zurück in den normalen Alltag weisen. Doch während viele am Montag vor dem Baumarkt Schlange standen oder ihre Löwenmähne entfernen liessen, habe ich mich am Tag 1 n. L. (nach Lockdown) für einen eigenen Meilenstein entschieden: Ich spielte wieder eine Partie Tischtennis. Und zwar mit einem Kollegen, den ich lange nicht mehr gesehen hatte.
Ja, ich rede hier von Meilenstein. Schliesslich habe ich Social Distancing bisher ernst genommen, Freunde und Verwandte wurden nur per Video kontaktiert. Doch an diesem schönen Tag wollte ich mir etwas gönnen. Und so trafen wir uns auf dem Schulgelände. Gegrüsst wurde – das ist neue Mode – per Ellenbogen. Und nach einem kurzen Schwatz ging es gleich los. Es ertönte das vertraute Ping-Pong – ach, habe ich das Geräusch vermisst.
Doch etwas störte meine Konzentration, meinen Fokus auf den Ball. Es war nicht meine fehlende Spielpraxis oder der hartnäckige Wind. Vielmehr war es ein Gedankenspiel in meinem Kopf, das mich nicht losliess. Es kamen Fragen auf: Sollen wir den Ball alle fünf Minuten desinifizieren? Darf ich eigentlich den Tisch berühren? Gibt es einen Seitenwechsel? Ist der Tisch überhaupt zwei Meter lang? Habe ich so genug Abstand zu meinem Kollegen?
Das ganze Spiel hindurch beschäftigten mich diese Fragen, dann war Schluss. Natürlich hatte ich verloren. Mein Kollege, der sich wohl diese Gedanken nicht gemacht hatte, fragte noch, ob wir bald wieder Tischtennis spielen gehen würden. «Wir werden sehen», sagte ich. Und auf dem Rückweg musste ich feststellen: Ich bin mit meinem Kopf noch nicht im Alltag angekommen. Denn dort ging es immer noch hin und her; soll ich oder soll ich nicht; Ping-Pong.
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