Kolumne «Heute vor»Lästige Motorboote und der Geist der Seeleute
Motorboote sorgen 1972 für Platzangst auf dem Zürichsee. Derweil glaubt ein Wädenswiler Professor das Naturell der «Seebuebe» erkannt zu haben.
«Der See wird übervölkert und verschmutzt, die Luft verunreinigt», steht im Juli 1972 im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee». «Der Zürichsee könnte eine Landschaft von sehr hohem Erholungswert sein. Dieser Wert wird aber durch die heutige Intensität des privaten Motorbootverkehrs stark beeinträchtigt», schreibt der Autor des Artikels. Er befürchtet, dass der Zürichsee als «bald letzte Oase des privaten Benzinmotorbootverkehrs entsprechend verstunken, verlärmt, verdreckt und verstopft» werde.
Der Hauptgrund liege darin, dass immer mehr Motorbootverbote auf österreichischen und deutschen Gewässern verhängt würden. Dies löse eine «Wanderbootwelle» aus. «Denn heute werden jene Boote, die vom Verbot betroffen sind, kurzerhand mittels Auto und Bootsanhänger mobilisiert und auf dem Zürichsee spazierengeführt», folgert der Verfasser des Artikels vor 50 Jahren.
Mit ihren Booten würde eine Minderheit der Bevölkerung für die grosse Mehrheit zusätzliche Nervenbelastung erzeugen. «Wie wenn nicht der berufliche Alltag schon genug davon brächte!», fügt der Autor an. Gleichzeitig würde der beliebte Lösungsvorschlag einer zahlenmässigen Bootsobergrenze willkürlich diejenigen bevorzugen, die zufällig früher Bootsbesitzer wurden. Unter Berücksichtigung rechtsgleicher Behandlung sei daher die einzige Lösung ein Totalverbot aller Explosionsmotoren.
Dieser aufrührerische Geist gegen die Übervölkerung des Sees liegt vielleicht in der Natur der Seeleute. Ähnliches beschreibt zumindest der Wädenswiler Professor Dr. Albert Hauser in seiner Rede an einem Jungbürgeranlass, die im selben Monat im «Anzeiger» gedruckt wurde. Er zitiert darin einen Bericht aus dem Jahr 1765, demzufolge die Wädenswiler – und damit seien die Seeleute schlechthin gemeint – «meist starke, handfeste und in ihren Leidenschaften, sowohl den guten als den bösen, heftige Leute» seien.
Das rühre von der ehemaligen Unterdrückung der ländlichen Gemeinden durch die städtische Aristokratie her. «Hier herrscht der Geist der Revolution», verkündet Hauser. Reste dieses aufrührerischen, antistädtischen Geistes seien erhalten geblieben, nachdem aus den ehemaligen Untertanen längst gleichberechtigte Staatsbürger geworden waren. Vielleicht zeigt sich also auch in der damaligen Skepsis gegenüber städtischen Motorbootausflüglern der revolutionäre Kern der «Seebuebe».
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