Neue Zahlen zur BevölkerungIn Biel verschiebt sich der Röstigraben
Die zweisprachige Stadt wird immer frankofoner, weil gut ausgebildete Romands zuziehen. Bald ist das Verhältnis zwischen Französisch und Deutsch ausgeglichen. Was macht das mit Biel?

- Die französischsprachige Bevölkerung in Biel erreicht mit 44 Prozent einen historischen Höchststand.
- Gut ausgebildete Romands ziehen vermehrt nach Biel.
- Die Zweisprachigkeit lockt besonders Familien in die Stadt.
- Erstmals führt mit Glenda Gonzalez Bassi eine französischsprachige Frau die Stadtregierung.
Victor Savanyu hat sich angewöhnt, zur Begrüssung immer «Grüessech/Bonjour» zu sagen. Der 53-Jährige kommt aus La Chaux-de-Fonds und ist vor zwei Jahren mit seiner Partnerin Céline Froidevaux und ihren zwei Söhnen nach Biel gezogen. Die Familie ist Teil eines Trends.
In der Deutschschweiz gilt Biel als zweisprachige Stadt. Doch ausgeglichen war das Verhältnis zwischen Schweizerdeutsch und Französisch lange nicht. Die Deutschsprechenden waren in der Mehrheit. Doch das kippt gerade. Seit Jahren nimmt der Anteil Französischsprechender zu – langsam, aber stetig.
Neue Zahlen der Stadt Biel zeigen: 2024 gaben über 44 Prozent der Bieler Bevölkerung Französisch als Amtssprache an, so viele wie nie zuvor. 2010 lag der Anteil noch fünf Prozent tiefer. Immer mehr Romands ziehen nach Biel. Nettozuwanderung in den letzten zehn Jahren: 3000 Personen. Der Anteil steigt stetig, Jahr für Jahr.

Ein Symbol dieser Entwicklung ist Glenda Gonzalez Bassi, sozialdemokratische Stadtpräsidentin von Biel. Sie ist die erste frankofone Frau im Amt. Zuvor gab es nur einen einzigen höchsten Bieler, der nicht Deutsch als Muttersprache hatte. Gonzalez Bassis Kontrahentin bei der Wahl im letzten Herbst war ebenfalls eine Welsche mit dem Wahlspruch «zäme pour demain». Ausschliesslich zwei Romands als Kandidatinnen fürs Stadtpräsidium? Zu keinem Zeitpunkt war das ein Thema im Wahlkampf. Es ist das neue Normal.
Gonzalez Bassi sitzt im grossen Saal der Mairie von Biel und sagt: «Vor einigen Jahren sagte man mir in der Westschweiz noch, Biel sei eine Deutschschweizer Stadt, heute wird sie als wirklich zweisprachig gesehen – was sie auch ist. Da hat sich etwas bewegt.»
Woher kommt diese Entwicklung? Wieso zieht eine Stadt, die während Jahren schweizweit vor allem als Epizentrum der Uhrenkrise galt und wegen ihrer rekordhohen Sozialhilfequote bekannt war, zunehmend Westschweizer an? Die Antwort sagt viel über Probleme in der Romandie aus – und über die Auferstehung von Biel.
Gutausgebildete Zuzüger kommen nach Biel
Verschiedene Indikatoren in der Stadt Biel deuten darauf hin, dass vor allem gut ausgebildete Menschen mit Kindern aus der Westschweiz nach Biel ziehen. Und sie kommen von immer weiter her. «Bis vor drei Jahren kamen vor allem Romands aus der näheren Umgebung, aus dem Jura oder aus Neuenburg, neu beobachten wir zunehmend auch Zuzüge aus der Waadt», sagt Gonzalez Bassi. In der Boom-Region zwischen Lausanne und Genf sind die Mieten besonders hoch – bei gleichzeitig hohen Krankenkassenprämien und Steuern.
Dieser wirtschaftliche Druck führt dazu, dass das Waadtländer Hinterland und Teile des Kantons Freiburg zu den am schnellsten wachsenden Gemeinden der Schweiz gehören. Gemäss einer Comparis-Studie überlegen sich zudem immer mehr Westschweizer den Umzug nach Frankreich. Doch auch Biel kann zur Alternative werden.
Ein Attribut zieht eine spezifische Gruppe ganz besonders nach Biel. «Für Familien ist die Zweisprachigkeit der Hauptgrund zum Herziehen», sagt Stadtpräsidentin Gonzalez Bassi.

Auch für Céline Froidevaux und ihre Familie. Die 45-Jährige hatte immer ein Flair für Schweizerdeutsch. Sie unterrichtet seit über zehn Jahren Kunst am Gymnasium in Biel – wo sie mehr verdient als im gleichen Job im Kanton Neuenburg. Sie sagte ihrem Mann Victor, Fotograf und Museumsangestellter, schon lange: «Lass uns nach Biel ziehen.» Doch ihm war die Ähnlichkeit zu La Chaux-de-Fonds, wo die beiden herkommen, zu gross. Beides Arbeiterstädte, beide im Jurabogen, beide arm.
Dass ihre Kinder Deutsch lernen, war beiden wichtig – also zogen sie zuerst nach Bern. Doch dort sind die Preise hoch und der Weg zu Freunden und Familien im Jura weit. In Biel wohnen sie nun wenige Minuten von See und Bahnhof in einer grossen Wohnung. Der eine Sohn geht in die zweisprachige Volksschule, genannt Filière Bilingue. In diesem Bieler Pilotprojekt findet der Unterricht zu 50 Prozent auf Deutsch, zu 50 Prozent auf Französisch statt. Der andere Sohn geht in eine deutschsprachige Schule. Das Zusammenleben sei gut, es gibt aber auch noch Raum für Verbesserungen: «In der Schule unseres Sohnes machen Romands und Deutschschweizer wenig zusammen und nicht alle zur selben Zeit Pause. Das finde ich komisch.»
Probleme bei der Ausbildung für Romands
Ganz gleichberechtigt ist das Leben für Romands in Biel noch nicht. Gonzalez Bassi ortet vor allem in der Ausbildung Probleme: «In gewissen Berufen können sie als Romands in Biel und im ganzen Kanton Bern keine Lehre machen – zum Beispiel Bäckerin/Konditorin. Das sollte sich ändern.»
Zweisprachigkeit ist heute in Biel Teil der Identität. Gewisse hippe Lokale haben nicht mehr zweisprachige Menüs, sondern mischen die Sprache innerhalb des Satzes. Complètement natürlich. Auch wenn das Sprachengemisch nicht allen gefällt. Sicher ist: Es ist ein Zeichen der Entspanntheit.
Das war nicht immer so. Während des Jura-Konflikts war die Sprachfrage in Biel auch politisch. An anderen Orten ist sie das immer noch. In Québec oder in Katalonien sind Sprachfragen politisch aufgeheizt.

Bastien Muster verliess Biel mit 19 – für immer, wie er dachte. Er studierte in Lausanne Physik, doktorierte, machte Karriere in einem Krypto-Start-up. Doch irgendwann während Covid wuchs der Gedanke, etwas Sinnstifterendes zu machen. Es war in dieser Zeit, als seine polnische Frau bei einem Besuch in Biel sagte, die Stadt erinnere sie an Krakau.
Die beiden zogen um, bekamen ein Kind, er wurde Lehrer am Gymnasium. «Wenn man realisiert, was wirklich zählt im Leben, kommt man nach Biel», sagt Muster und lacht. Muster engagiert sich unter anderem auf dem Terrain Gurzelen – dem ehemaligen Stadion des FC Biel, das heute gemeinschaftlich zwischengenutzt wird. Und wo ein paar Idealisten unter anderem den einzigen Tennis-Rasenplatz der Schweiz unterhalten. «So etwas gibt es nur hier – in anderen grossen Schweizer Städten verunmöglicht der wirtschaftliche Druck solche Freiräume.»

Die Zweisprachigkeit wird miteinander, nicht nebeneinander gelebt
Diese spezielle Form von Urbanität ziehe viele Westschweizer an, glaubt Muster. Denn sie hätten genug vom hohen Tempo und vom grossen Druck in Lausanne und Genf. «Die Romands realisieren das einfach etwas später als die Deutschschweizer», so Muster.
Für den 37-Jährigen ist klar: Die Stadt ist spürbar frankofoner geworden als zu seiner Jugendzeit. Gleichzeitig sei der Austausch mit den Deutschschweizern grösser, so Muster.
Man lebt miteinander, nicht nebeneinander. Viele sprechen neben Deutsch und Französisch noch eine dritte Sprache. In Biel wohnen Menschen aus über 160 Ländern.
Muster mag diese Entwicklung seiner Stadt. Er hat nur eine Sorge: «Biel wird immer attraktiver, und das ist gut so. Ich hoffe nur, dass ihr Esprit – die aus Vielfalt, Neugierde und Freiheit besteht – die Veränderungen überdauern wird.»
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