Ihr Browser ist veraltet. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser auf die neueste Version, oder wechseln Sie auf einen anderen Browser wie ChromeSafariFirefox oder Edge um Sicherheitslücken zu vermeiden und eine bestmögliche Performance zu gewährleisten.

Zum Hauptinhalt springen

Theaterpremiere im Sihlwald
Im Sihlwald dreht sich das Karussell der Liebe

Die grauen Mäuse Christoph und Weinbeck bekommen dank Anna Schön (links) und Dolly Fischer eine Idee, wie bunt das Leben sein kann.
Jetzt abonnieren und von der Vorlesefunktion profitieren.
BotTalk

Geld und Liebe sind die Motoren der Gesellschaft. Das ist die Kernaussage von Johann Nestroys Posse «Einen Jux will er sich machen». Die österreichische Posse aus dem Jahr 1842, die auch Grundlage für das Broadway-Musical «Hello, Dolly!» ist, handelt von der Sehnsucht, für einmal aus dem geregelten Alltag auszubrechen.

Genau dies tut der biedere Handlungsgehilfe Weinbeck (gespielt von Lukas Waldvogel). Als sein Chef Zanger (Beat Gärtner, zwischendurch mit richtig authentischem Wiener Dialekt) ihm mitteilt, dass er für drei Tage in die Stadt fährt, um seine zukünftige Frau zu besuchen, entschliesst sich Weinbeck, mit seinem Gehilfen Christoph (ein famoser Nico Jacomet) ebenfalls in die Stadt zu fahren. Auch er will endlich einmal etwas anderes sein als der Sklave des Geschäfts und etwas erleben.

Ein rasanter Reigen

Anfänglich schlendern die beiden ähnlich gelangweilt wie im Geschäft durch die Strassen der Stadt. Doch als sie beinahe ihrem Chef Zanger über den Weg laufen, kommt ein rasanter Reigen von Fluchtversuchen, Versteckspielen, Verkleidungen und Notlügen in Gang, dem Weinbeck und Christoph mehr oder weniger hilflos ausgeliefert sind. Kurz: Der Jux verselbstständigt sich. Doch es wäre keine Komödie, wenn nicht schliesslich die Richtigen verhaftet und die Richtigen verheiratet wären.

1 / 3
Regisseur Peter Niklaus Steiner steht selbst unter anderem als Kutscher auf der Bühne.
Weinbeck (links) versucht seinen Gehilfen Christoph zu überzeugen, das Geschäft für drei Tage zu schliessen und mit ihm in die Stadt zu kommen, um sich einen Jux zu machen.
Eigentlich ist Zanger (rechts) auf dem Weg zu seiner Braut. Doch für ein Geldgeschäft lässt er sich kurz ablenken.

Denn natürlich spielen auch Damen eine wichtige Rolle in Nestroys Komödie. Da wäre zuerst einmal Anna Schön (Wanda Wylowa), Zangers Braut. Sie führt das Modegeschäft Schick und Schön und hat genauso eine Schwäche für ausgefallene Hüte und bunte Männermode wie ihre Freundin Dolly Fischer (einmal mehr eine sehr überzeugende Susanne Kunz). Die beiden Damen und die Schaufensterpuppen bringen schon einiges an Leben und Farbe auf die Bühne und ins Leben von Weinbeck und Christoph.

1 / 3
Dass seine Nichte Marie sich in den brotlosen Künstler August Sonders verliebt hat, passt Zanger ganz und gar nicht.
Dank einer Notlüge kommt Weinbeck Dolly ein erstes Mal näher.
Verliebt, verlobt und bald verheiratet: Zanger und Anna Schön.

Doch auch die beiden Freundinnen wollen etwas erleben. Darum lässt sich Dolly auf Weinbecks Notlüge ein, sie beide seien seit kurzem verheiratet. Worauf natürlich Anna findet, das müsse gefeiert werden. Kurzerhand landen Weinbeck, Christoph, Dolly und Anna im Tivoli Garden’s, Dollys Stammlokal.

Prater-Stimmung im Sihlwald

Hier öffnet sich nun der Bühnenhintergrund und gibt den unvergleichlichen Blick auf die Sihl und den Wald frei. Draussen werden mit einfachsten Mitteln wie Schwimmringen effektvoll Autoscooter und Achterbahnen angedeutet. Drinnen versinnbildlicht eine Drehbühne den Reigen der Begehrlichkeiten, der sich – gleich einem Karussell – unaufhaltsam dreht.

Bereits Nestroy hatte in seinem Stück Lieder eingebaut, in denen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler direkt an das Publikum wenden. Doch in der Rezeptionsgeschichte des Stücks sind durch das Musical «Hello, Dolly» Ohrwürmer wie «It’s nice to have you back» hinzugekommen. Das ist natürlich ein Steilpass für das musicalerprobte Ensemble um Peter Niklaus Steiner – und es meistert die Aufgabe gut. Am Premiereabend erhielt es von den fast vollständig besetzten Zuschauerreihen immer wieder kräftigen Applaus.

1 / 3
Christoph, der als Marie verkleidet vor Zanger geflohen und eingesperrt ist, wittert seine Chance auf neuerliche Flucht.
Schwungvoll und bunt gehts im Tivoli Garden’s zu und her – mit der Sihl und dem Wald im Hintergrund.
Auf der Suche nach seiner Nichte, die mit ihrem Liebhaber ausgebüxt ist, landen Zanger und sein Diener Melchior ebenfalls im Tivoli Garden’s.

Zu Recht, denn die Sihlwalder Inszenierung der feinsinnig-gesellschaftskritischen Nestroy-Komödie begnügt sich nicht mit slapstickartigem Humor, sondern ist auch klug. So findet beispielsweise die bunte Welt des Draussen im letzten Akt Eingang in das anfangs triste Innere von Zanglers Gemischtwarenhandlung, in Form von Blumen etwa oder farbigen Tischtüchern. Ein vergnüglicher Abend also, der gleichzeitig auf unaufdringliche Art zum Nachdenken anregt.

Johann Nestroy, «Einen Jux will er sich machen», im Pavillon des Besucherzentrums Wildnispark Zürich Sihlwald. Weitere Aufführungsdaten: noch bis zum 30. Juli, jeweils von Mittwoch bis Sonntag, 20 Uhr. Weitere Informationen auf der Website des Turbine Theaters.