Historischer SiegDas kleine Fidschi schreibt am grossen Rugby-Märchen
Erstmals seit 69 Jahren schlägt der Inselstaat das übermächtige Australien und mischt die WM in Frankreich auf. Nun ist alles möglich, sagen sich die «Flying Fijians».
Ihre Namen lesen sich wie Poesie: Simione Kuruvoli, Semi Radradra, Te Ahiwaru Cirikidaveta. Viel mehr Vokale gehen kaum. Viel mehr Heldenstatus auch nicht nach diesem bemerkenswert historischen Sonntagabend von Saint-Étienne. Historisch – man muss es so sagen.
Das Vorrundenspiel der Rugby-WM in Frankreich zwischen Australien und Fidschi ist in den letzten Zügen. Bereits läuft die 81. Minute, Nachspielzeit, es gibt ein letztes Gedränge, das ist dieser sehr rugbyspezifische Haufen von Spielern, die sich ineinanderwerfen. Die Australier, klarer Favorit in diesem Kräftemessen, haben sich schon das ganze Spiel schwergetan mit den Gedrängen, den sogenannten Scrums, und sie schaffen es auch diesmal nicht, die Disziplin zu wahren. Der Schiedsrichter pfeift eine Strafe gegen sie – und damit ist die Partie vorbei.
Lekima Tagitagivalu wirft sich zu Boden, er zittert, bald fliessen die ersten Tränen. «Yes! Yes! Yes!», schreit ein Funktionär wie wild auf der Tribüne, und rund um ihn herum schauen sich die Menschen strahlend an – und auch ein bisschen verwundert. Fidschi hat Australien in einem Rugby-Spiel besiegt. Zum ersten Mal seit 1954, das sind 69 Jahre. «Der grösste Tag für Fidschi», wird Zweite-Reihe-Stürmer Temo Mayanavanua danach sagen, als er wieder Worte gefunden hat, «im Sport und überhaupt.» Erst seit 1970 ist Fidschi von Grossbritannien unabhängig.
Rugby, einst von der Kolonialmacht mitgebracht in den Südpazifik, ist in Fidschi in der Tat mehr als nur ein Sport. Jedes Kind kommt früh damit in Berührung. Nach Angaben des nationalen Verbands besitzen fast zehn Prozent der 900’000 Einwohnerinnen und Einwohner eine Spiellizenz. Das ist weltweit beispiellos. Auf Fidschi spielen laut dem Weltverband World Rugby mehr Erwachsene in einem Club Rugby als in Neuseeland und ähnlich viele wie in Australien.
5.39 Uhr am frühen Montagmorgen ist es in Fidschi, als in Saint-Étienne der Abpfiff erfolgt, und kaum jemand auf Viti Levu, Vanua Levu und den anderen 330 Inseln, die diesen Archipel bilden, dürfte zu dieser Zeit noch am Schlafen sein. Im Stadion im fernen Frankreich jubeln derweil auch die neutralen Zuschauerinnen und Zuschauer mit dem Underdog. «Fidschi, Fidschi», wird immer wieder gerufen. Auch französische Fans tragen das Leibchen mit der Palme im Emblem.
Den epochalen Triumph eingeleitet hat ein Try von Josua Tuisova in der 43. Minute, und wie er diesen legt, sagt alles aus über die Spiellust der Fidschianer an dieser WM. Auf der linken Seite bricht er durch und fliegt, nachdem er auch den letzten Gegner abgeschüttelt hat, mit ganzer Wonne ins Malfeld. Nachdem sich die beiden Teams zuvor mit Straftritten abgewechselt haben, führt Fidschi nun erstmals komfortabel. Tuisova wird nach dem Sieg zum «Man of the Match» gewählt.
Der Hechtsprung von Tuisova passt auch gut zum Spitznamen, den sich die Fidschianer selbst verliehen haben: «Flying Fijians.» Und zu ihrem Spielstil «Fijian Flair»: wild, schnell, temporeich. Aber, das ist die Kehrseite, physisch nicht immer gleich diszipliniert.
An diesem heissen Sonntagnachmittag in Saint-Étienne ist das anders. Sieht man ein anderes Fidschi: Eines, das mit Flair spielt, aber auch mit brachialer Disziplin. Eines, das den Gegner zu Fehlern zwingt, statt selbst zu viele zu begehen – zum Beispiel vor dem wegweisenden Try von Tuisova, als sich gleich drei Australier gegenseitig behindern. Schon eine Woche zuvor stand Fidschi gegen das ebenfalls favorisierte Wales nahe am Sieg, wegen einer ungenügenden Ballkontrolle in der Nachspielzeit brachte es sich selbst um den Ertrag.
«Wir waren uns vor dem Spiel einig, dass wir diesmal die Möglichkeiten nutzen müssen, wenn sie sich uns bieten», sagt Stürmer Mayanavanua.
Und nun? Mit ihrem Auftritt zuvor gegen Wales, der ihnen für die offensive und defensive Leistung gleich zwei Bonuspunkte eingebracht hat, und dem Sieg gegen die Australier haben die Fidschianer nun mindestens die Ausgangslage in der Gruppe C durcheinandergebracht. Schliesslich erreichen nur zwei Teams die Viertelfinals. Semi Radradra sagt nach dem Coup gegen Australien gar, vermutlich etwas von der Euphorie getrieben: «Die WM zu gewinnen, das ist unser Ziel, dafür arbeiten wir. Nichts ist unmöglich.»
Georgien und Portugal heissen die weiteren Gegner bis zum Ende der Gruppenphase. In beiden Spielen ist nun Fidschi, die Nummer 9 der Weltrangliste, erstmals der Favorit.
Auf dem selbst gebastelten T-Shirt einer Französin auf dem Weg vom Stadion zurück zum Bahnhof steht geschrieben: «L’opportunity est fucking enormement». Die Gelegenheit ist verdammt noch mal riesig. Und in der Fanzone im Parc François Mitterand wird das «Dirty Dancing»-Lied «The Time of My Life» gespielt.
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