Interview zum Spracherwerb«Digitale Texte rauschen schneller durch»
Befördert digitales Lesen eher oberflächliches Lesen? Professorin Sabine Anselm sagt, wann die Tonie-Vorlese-Box sinnvoll ist und was es mit der Bildschirmunterlegenheit auf sich hat.
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Frau Anselm, der Ruf nach immer mehr Digitalisierung schon auf der Primarstufe ist laut. Sie hingegen benennen in Ihrer Forschungsarbeit einen Negativzusammenhang von digitalem Lesen und dem Aufbau von Wortschatz bei kleinen Kindern. Können Sie das näher erläutern?
Sabine Anselm: Zur Beantwortung muss ich etwas weiter ausholen. Wenn man davon ausgeht, dass Drei- bis Sechsjährige gemeint sind, dann ist der Beginn von Wortschatzaufbau und Spracherwerb interaktionistisch, das heisst, ich lerne Sprache in sozialen Zusammenhängen, von den Bezugspersonen. Und ich lerne Sprache sehr gut im Umgang mit Literatur, mit Bilderbüchern, die zunächst einmal analog waren. Jetzt sind wir in einer Situation, dass diese auch digital angeboten werden. Natürlich können die auch gut sein. Nur ist die menschliche Kommunikation besser für den Spracherwerb. Denn wenn das Kind etwas digital anklickt, bekommt es zwar einen Begriff vorgelesen und kann sich den anhören, vielleicht auch mehrmals. Aber es wird nichts erläutert, es gibt keine Gelegenheit für Rückfragen.
Also besser keine Toniebox beim Bilderbuch?
Es ist nicht generell schlecht. Man muss es abgestuft betrachten. Eine Toniebox ist besser, als gar nicht zu lesen. Dasselbe gilt beim Vorlesen durch eine KI. Überhaupt sollte man beim Lesen nicht eine Flucht vor dem Digitalen antreten, sondern als Eltern ganz stark auswählen, wie lese ich. Es ist erwiesen, dass das menschliche Vorlesen die höchste Wirksamkeit für die kognitive Aktivierung ergibt. Da kommt das affektive Moment der Bezugspersonen hinzu, in der Familie, in der Kita oder im Kindergarten. Auch der «Lesehund» erfreut sich einer enormen Beliebtheit.
Der reagiert aber nicht mit Worten…
(lacht) Selbstverständlich nicht. Aber Studien haben erwiesen, wenn man einen Hund beim Vorlesen dabei hat, steigert das noch einmal die affektive Wirkung. Die Kinder interpretieren die Reaktionen dieses Hundes als zustimmendes, aufmerksames Moment.
Und bei den Älteren?
Da ist ja das Optimale, die tiefe Lektüre, das Lesen längerer Texte auf Papier. Aber: Rund ein Viertel der 15-jährigen Jugendlichen konnten laut Pisa-Studie von 2000 nicht sinnerfassend lesen. Und damals war Bildschirmlesen, das das oberflächliche Lesen fördert, noch gar nicht das Thema. Man muss sich darüber klar sein, dass unsere Lesegewohnheiten und unser Leseverhalten sich ändern, wenn wir auf einem Bildschirm lesen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf das Verstehen und Behalten des Gelesenen.
Können Sie das etwas genauer ausführen?
Also, ich berufe mich da auf die Zusammenfassung der Studien von Andreas Gold «Digitales Lesen. Was sonst?». Man braucht das schnelle Lesen, und man braucht das tiefe Lesen, egal ob es sich um Sachtexte oder literarische Texte handelt. Je älter die Kinder und Jugendlichen werden, desto mehr ist die Selbsttätigkeit gefragt. Empirische Studien haben ergeben, dass dann das weitergehende Lesen aber nicht automatisch passiert, sondern der menschlichen Kommunikation bedarf.
Welche Konsequenzen hat das?
Dass Schüler Fakt und Fiktion nicht unterscheiden können. Weil sie in einer veränderten Medienwelt leben, in der beispielsweise der Referenzrahmen einer gedruckten Tageszeitung fehlt. Das ist eine Riesenschwierigkeit und eine Riesenherausforderung im Blick auf den Umgang mit Informationen.
Wobei Tageszeitungen auch ein Online-Angebot offerieren…
Natürlich. Das Digitale bietet vieles und gehört zu unserer Lebenswelt. Ich berufe mich da gerne auf eine Kollegin, die sagt: Wichtig ist, zunächst einmal im Analogen zu lernen, danach kommt das Digitale hinzu. Denn das bringt immer Leseunterbrechungen mit Werbung, Bildern und Links. Da muss ich eine gewisse Grundfähigkeit haben, um einen längeren Text gründlich zu lesen. Das ist im Analogen einfacher, weil es da weniger Ablenkungen gibt.
Also lasse ich beim digitalen Lesen Inhalte schneller an mir vorbeirauschen?
Wenn ich an einem digitalen Endgerät lese, dann animiert das direkt zu einem schnellen, überfliegenden Lesen, das ist eine andere Haltung. Man kann sich zwar auch am Smartphone vertiefend in einen Text einlesen, muss das aber bewusst einschalten.
Bevor ich mit der Lektüre beginne?
Genau. Ich muss mich auf ein kritisch reflektierendes Lesen einstellen, das ist eine andere Lesehaltung, in der ich konzentriert einem Argumentationsgang folge.
Aber die beherrschen offensichtlich nicht mehr alle?
Das funktioniert eben nur, wenn ich mit dem analogen Lesen starte. Das stellt dann irgendwann vor das Problem, dass ältere Jugendliche es als langweilig empfinden, denn digitale Texte rauschen schneller durch.
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Wie schätzen Sie den Einfluss der Pandemie ein, war das nicht eine Art Katalysator, um diese Effekte zu verstärken? Haben wir in ein paar Jahren Kinder, bei denen man sieht, da gab es einen massiven Einsatz von Laptops und Tablets?
Das bemerkt man schon jetzt ganz massiv. Das sind riesige Probleme und Herausforderungen, vor denen wir stehen. Hätte man da eine Zauberformel, würde man die genau da einsetzen. Während der Pandemie waren die Eltern gefordert. Da hat man gesehen, wie unglaublich wichtig die analoge Präsenz der Lehrperson ist.
Hat sich dabei die soziale Herkunft noch einmal besonders bemerkbar gemacht?
Leider hat sich gerade bei den Primarschülerinnen und Primarschülern sehr stark gezeigt, wer zu Hause die Aufmerksamkeit bekommen hat während der Pandemie, wer im Umgang mit den Printmedien unterstützt wurde. Und wer eben nicht.
Mit welchen Konsequenzen?
Die soziale Schere geht seitdem noch stärker auseinander. Das ist möglicherweise der Beweis dafür, dass das Digitale kein vollständiger Ersatz für das analoge Lernen ist. Es ist nur gut, wenn sonst gar nichts stattfinden kann.
Wie erleben Sie das bei Ihren Studierenden?
Bei den Studierenden kann mit dem Fachbegriff der «Bildschirmunterlegenheit» folgendes Phänomen beschrieben werden: Wer Texte lediglich auf dem Schirm gelesen hat, hat sie meist weniger gut durchgearbeitet und verstanden als diejenigen, die die Texte auf Papier vorliegen hatten. 2019 erschien die Stavanger-Erklärung, sie ist das Ergebnis einer europäischen Forschungsinitiative zur Zukunft des Lesens in einer sich digitalisierenden Welt. Sie hat in Lesestudien die «Bildschirmunterlegenheit» als Label herausgearbeitet. Wenn man dann hört, dass 80 Prozent an den Universitäten digital gelesen wird, denkt man sich schon, oho, wozu wird das führen.
Wie gehen Sie an der Universität in Ihren Seminaren mit diesem Phänomen um?
Indem ich zu Anfang meinen Lehramtsstudierenden erkläre: Wundern Sie sich nicht, in diesem Seminar erhalten Sie alle Texte doppelt, sowohl als Reader wie auch digital. Denn wenn ich einen Reader neben mir auf dem Tisch liegen habe, hat das automatisch eine einübende Funktion. Ich blättere, ich sehe, wie ist der Text aufgebaut, wie ordne ich den Text ein? Es hat sich herausgestellt, dass längere Sachtexte sich so besser erarbeiten lassen. Manchmal denke ich zwar, na ja, ich bin doch nicht an der Schule, ich bin an der Universität, das müsste doch eigentlich schon gekonnt werden.
Aber das können Sie nicht voraussetzen?
Leider nein. Denn man merkt die Digitaljahre auch den Studierenden an, sogar in höheren Semestern. Und ich denke, das kann ja nicht das Ziel sein, an einer Universität nur diese Häppchenlektüre zu lehren. Sonst erleben wir einen negativen Kreislauf. Denn diese Studierenden müssen ja später auch das Lesen wieder in der Schule vermitteln.
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