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Der politische Super-Samstag: Alles eine Frage des Klimas

FDP-Chefin Petra Gössi (Mitte, mit ihren Bundesräten Karin Keller-Sutter und Ignazio Cassis) setzt auf Ballone und Konfetti. Foto: Walter Bieri, Keystone
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Super Stimmung. Super Leute. Euphorie und Selbstbeschwörung. Hörnli mit Gehacktem und dazu ein kaltes Bier.

Es ist der Super-Samstag der politischen Schweiz. Die Grünen treffen sich zur Delegiertenversammlung, die Freisinnigen, die SVP und auch die Delegierten der BDP starten in das, was die Politiker und die Medien die «heisse Phase» des Wahlkampfs nennen. Knapp fünfzig Tage dauert es noch bis zu den eidgenössischen Wahlen. Und wer jetzt noch immer keine Aufbruchsstimmung verbreitet, dem ist nicht mehr zu helfen. So tönt es überall etwas ähnlich – von Sattel bis Lupfig, von Aarau bis Jona. Euphorie und Selbstbeschwörung. Super Stimmung. Super Leute.

«Es ist etwas passiert in den vergangenen vier Wochen. Die SVP ist wieder da!», sagt Christoph Blocher in einem Festzelt in Sattel im Kanton Schwyz.

«Die Schweiz will! Ich will! ­Packen wir die Chancen der ­Zukunft! Überholen wir die SP!», ruft eine euphorisierte Petra Gössi in die abgedunkelte Schachenhalle in Aarau.

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«Es liegt Veränderung in der Luft. Die Frauen- und Klimabewegung hat die Achsen verschoben. Die Wahlen in 50 Tagen sind Klimawahlen!» Das ist Regula Rytz im Saal der Kirchgemeinde Jona. Die Tischdecken grün, die Blumen: Sonnenblumen.

«Wir sind spitze!», sagt Roland Basler, Präsident der BDP Aargau, im Saal des Gasthauses Ochsen in Lupfig.

Ja, sogar die BDP versucht an diesem Morgen so etwas wie Aufbruchstimmung zu verbreiten. Rund hundert Leute haben den Weg in den Ochsen in Lupfig gefunden, Parteipräsident Martin Landolt lobt sie für «Mut, Tatendrang und Zuversicht». Dann dauert es nur ein paar ­Sekunden, bis Landolt die erste Variation des BDP-Wahlslogans an seinen Mitstreitern ausprobiert. Dass er erneut Alt-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf an einer Delegiertenversammlung begrüssen dürfe, sei nicht langweilig, aber es bleibe gut, sagt der Parteipräsident.

Wortspiele ohne Ende: Die Plakat-Kampagne der BDP. Foto: Keystone

Es ist der Auftakt zu einer ­Kaskade von Wortspielchen mit dem BDP-Slogan «Langweilig, aber gut». Die Partei wirkt wie jemand, der nach langer Zeit und völlig unerwartet einen guten Witz gelandet hat und diesen dann, überrascht vom eigenen Erfolg, so lange wiederholt, bis ihn niemand, wirklich niemand mehr hören mag.

Nach Begrüssung 1, Begrüssung 2 und einem Vortrag von Remo Zuberbühler, dem Präsidenten der Jungen BDP, über Solidarität (laut Landolt «zum Gähnen langweilig, aber zum Schreien gut»), sagt der BDP-Präsident: «Wir fahren fort mit Traktandum 4, Klimawandel.»

Das Klima, immer wieder das Klima. Die BDP will mit «Lösungen» auf die Probleme des Klimawandels reagieren, doch welche genau, wird auch nach dem Vormittag in Lupfig nicht ganz klar.

Hauptsache, Ballone

Inhalte, das ist fünfzig Tage vor einer eidgenössischen Wahl oft so, sind nicht entscheidend. Heute geht es mehr um ein Gefühl, um die richtige Atmosphäre. Wie man das richtig macht, das könnten die BDPler zwanzig Kilometer westwärts erleben, wo die Freisinnigen die Schachenhalle in Aarau in einen weiss-blauen Feelgood-Zirkus verwandelt haben.

Der Wahlkampf 2019 – das ist auch die FDPisierung von Freddie Mercury.

Am Eingang ein Bogen aus Hunderten weissen und blauen Ballonen (in Lupfig hingen drei BDP-Ballone an einem Kandelaber vor dem Ochsen), in der Halle eine überdimensionierte Videowand, auf der es beständig blinkt und glitzert und alle paar Minuten die Statue von Freddie Mercury eingeblendet wird. Mit dem ehemaligen Sänger von Queen «will die Schweiz weiter», wie es im offiziellen Slogan der FDP heisst. Wahlkampf 2019 – das ist auch die FDPisierung von Freddie Mercury.

Weiss-blau: Die Schachenhalle in Aarau im FDP-Gewand. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Der «Festakt» selber mag nicht ganz mit der hochgetunten Präsentation mithalten. Die Interviews eher mau, die Spässchen von Moderator und Ständerat Andrea Caroni ebenso. Die Mittelmässigkeit des Vorprogramms hilft der Hauptattraktion – der Rede von Petra Gössi. Sie habe bei ihren Delegieren die «Emotionen etwas zwicken» wollen, sagt Gössi später.

Und tatsächlich: So emotional hat man die FDP-Präsidentin noch selten reden hören. Auch hier sind Inhalte eher sekundär, entscheidend, was hängen bleibt: Wir werden gewinnen!

Ein Ruck

Alle werden sie gewinnen am 20. Oktober. Geht gar nicht anders. Stimmung: prächtig. Der SVP-Präsident tanzt auf der Bühne. Ein richtiger Schweizer Mann brauche einen Cervelat, singt das Duo Partyhelden im grossen Zelt.

Über Stunden hat die SVP auf der grünen Wiese sich und ihre Schweiz gefeiert. Mit Kuhglocken, Fahnen und Tiraden gegen die Linken und Netten aus den Städten. Das Festzelt war voll. Applaus gab es reichlich.

Ist also alles in bester Ordnung? Waren da nicht die vielen Niederlagen? Die schlechte Formkurve? Darauf angesprochen, sagt Rösti: «Es ist ein Ruck durch die Partei gegangen.» Mit einer klaren Strategie habe man sich in den letzten Wochen wieder ins Gespräch gebracht. Rösti meint damit das Wurmplakat, das im August ein paar Tage für Diskussionen gesorgt hatte.

Dass es auch am Wahlkampffest ­Gesprächsthema Nummer 1 ist, dafür sorgt die Partei. In kaum einer Rede fehlt ein Verweis, und am Eingang zum Festzelt erwarten die Besucher Körbe mit Äpfeln und Gummiwürmern.

Es gehe wieder darum, die Schweiz vor einer europäischen Grossmacht zu verteidigen, sagt Blocher auf der Bühne.

Die SVP setzt für den 20. Oktober voll auf das Thema EU. Die Partei versucht, bei ihren Wählern eine Stimmung zu erzeugen wie 1992 vor der Abstimmung über den EWR. Christoph Blocher schreitet an diesem Morgen begleitet von einer Treichlergruppe zum Rednerpult. Mit einem Stumpen im Mund, wie ihn ein berühmtes Foto von damals zeigt.

Es gehe wieder darum, die Schweiz vor einer europäischen Grossmacht zu verteidigen, sagt Blocher auf der Bühne. Wie beim EWR und wie 1315, als unterhalb von Sattel – am Morgarten – die Eidgenossen die Habsburger vernichtend geschlagen haben sollen.

Christoph Blocher eröffnet das Parteifest traditionell mit einer Treichlergruppe. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Echte Kritik an dieser Wahlkampfstrategie lässt sich im Festzelt nicht finden. Höchstens hier und da ein leichtes Bedauern, dass die SVP die Klimadebatte verpasst hat. «Wir hätten uns in das Thema einbringen sollen», sagt etwa der Solothurner Nationalrat Christian Imark. Mehr Kritik ist da nicht. Mehr Reden übers Klima ebenfalls nicht.

Die Grünen lassen keinen Zweifel aufkommen: Die Wahlen sollen Klimawahlen sein.

Wer das möchte, der muss nach Jona. Dort werden die Grünen von lebendigen Wegweisern empfangen. Sie halten Transparente: «Unser Klima. Deine Wahl.» Ist es die DV der Grünen, oder tagt die Klimajugend hier? Auf den Tischen im Kirchgemeindehaus liegen Broschüren für die nächste Klimademo, Pins, Transparente. Alles fürs Klima.

Auf dem Vorplatz zwischen den Bäumen türmt sich Plastikabfall. Die Botschaft: Wir müssen endlich etwas gegen die Verschmutzung der Umwelt machen. Daneben sitzt eine Frau an einer Nähmaschine. «Nähen fürs Klima», nennt Karin Hälg (Grüne, St. Gallen) ihre Aktion. Aus Stoffresten näht sie Säckchen für Besteck. Der Weg, der Vorplatz, der Saal ist zugepflastert mit Klimaslogans: Die Grünen wollen keinen Zweifel aufkommen lassen: Die Wahlen im Herbst sollen Klimawahlen sein.

Klima, Klima, Klima

Im Saal des Kirchgemeindehauses – schlicht, mit Holz an den Wänden, einer Orgel neben der Bühne und grünen Tischdecken – ähneln sich die Reden, die Aussagen sind dieselben: Endlich Aufbruch. Es ist Zeit. Von der Klimajugend bis zur FDP: Die Menschen erkennen, wie wichtig Klima- und Umweltschutz ist.

Vor dem Essen (veganes Curry mit Solarstrom gekocht), gibt es den Fototermin. Ausgerüstet mit Wahlplakaten und aufblasbaren Weltkugeln, werfen sich die Grünen in Pose. Gute Laune, Spiel und Spass.

Die Parteispitze der Grünen sieht sich thematisch am besten gerüstet für eine Wahl im Jahr 2019. Foto: Fabienne Andreoli

Am Nachmittag heizt Balthasar Glättli den Delegierten ein. «Bist du voller Tatendrang?», ruft er in den Saal. Ein zögerliches Ja ist zu vernehmen. «Hast du einen Balkon?» Diesmal ist das Ja laut. «Dann häng die Klimafahne raus!» In 50 Tagen seien Wahlen: «Die Welt ist für eine Politik bereit, die wir schon lange fordern», sagt Glättli in Jona.

Er hätte das auch in Sattel, in Lupfig oder Aarau sagen können.