Der Kandidat, der Angstschweiss auslöst
Zu viele Patzer, zu viele Aussetzer: Joe Bidens Auftritte als Anwärter für die US-Präsidentschaft verschrecken die Demokraten.

Kann er es? Oder ist er mit seinen 76 Jahren zu alt? Nichts beschäftigt die US-Demokraten dieser Tage mehr als die geistige Verfassung und die Wählbarkeit Joe Bidens. Der ehemalige Senator und Vizepräsident führt das Feld der zahlreichen demokratischen Präsidentschaftsbewerber weiterhin an, doch steigen die Bedenken an seiner Tauglichkeit.
Solange eine Mehrheit demokratischer Aktivisten und Wähler überzeugt ist, dass Biden am ehesten Donald Trump im November 2020 besiegen könnte, wird er vorne bleiben. Andernfalls wird der derzeitige Spitzenreiter beim demokratischen Vorwahlkampf im kommenden Winter und Frühjahr untergehen.
Vergangene Woche trieb der Obama-Vize nach seinen nicht gerade überzeugenden Auftritten bei den beiden TV-Debatten der Kandidaten den demokratischen Getreuen neuerlich den Angstschweiss auf die Stirn. Bei einem mehrtägigen Streifzug durch den Midwest-Staat Iowa, wo Anfang Februar 2020 die ersten Parteiversammlungen zur Auswahl des Präsidentschaftskandidaten stattfinden, stolperte Biden von einem Ausrutscher zum nächsten und warf mal dieses und mal jenes durcheinander.
Stets korrigiert er seine Versprecher
Die zurückgetretene britische Premierministerin Theresa May bezeichnete er als «Maggie Thatcher», die Massenschiessereien von El Paso und Dayton im Staat Ohio verlegte Biden nach Houston und in den Staat Michigan. «Wir stellen Wahrheit über Fakten», intonierte er und behauptete, sich «als Vizepräsident» mit überlebenden Schülern des Parkland-Massakers in Florida getroffen zu haben. Die Massenschiesserei, bei der 17 Schüler starben, ereignete sich 2018, Biden aber war bereits im Januar 2017 aus dem Amt.
«Arme Kinder» seien «ebenso begabt» wie die Kinder von Reichen, wollte Biden sagen, doch rutschte ihm heraus, dass arme Kinder «ebenso begabt» seien wie «weisse Kinder». Stets korrigierte er die Versprecher, seinen Zuhörern war jedoch unbehaglich zumute: Ist Biden zu alt für die Anstrengungen des harten und langen Wahlkampfs? Liegen seine besten Jahre vielleicht hinter ihm?

Hämisch twitterte Donald Trump, ob «wirklich jemand» glaube, dass Joe Biden «mental für die Präsidentschaft geeignet sei?». Biden sei «nicht ganz richtig im Kopf», er freue sich schon auf den Hauptwahlkampf gegen ihn, schob der Präsident nach.
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Womöglich aber kommt es dazu nicht. Die «Caucuses», so der Name der Parteiversammlungen in Iowa, seien «der Schlüssel zum Königreich», erklärte Biden kürzlich. Falls er im Februar dort besiegt wird, ist sein Präsidentschaftstraum wahrscheinlich ausgeträumt. In Iowa zu verlieren wäre zudem nichts Neues für den Ex-Vize: Sowohl 1988 als auch 2008 ging Kandidat Biden bei den Versammlungen demokratischer Wähler unter.
Warren und Harris holen auf
Nach Bidens schwieriger Woche lebte die parteiinterne Diskussion über eine Alternative wieder auf. Elizabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts, hat laut Umfragen in Iowa aufgeholt, desgleichen die kalifornische Senatorin Kamala Harris. Nach dem Debakel der Präsidentschaftswahl 2016 aber fürchten manche Strategen und Aktivisten, eine Frau als Kandidatin werde es erneut schwer haben.
Auf Warren oder den parteilosen Senator Bernie Sanders zu setzen, scheint manchen Demokraten riskant, da beide auf dem linken Flügel der Partei beheimatet sind. Sicher ist, dass das derzeitige Feld der demokratischen Präsidentschaftsbewerber in den kommenden Monaten erheblich schrumpfen wird.
Ob Joe Biden dieses Feld noch anführen wird, hängt von seinem Auftreten ab. Patzt er weiterhin und nährt damit die Zweifel an seiner mentalen Befindlichkeit, wird sich die demokratische Basis von ihm ab- und einem seiner Konkurrenten zuwenden.
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