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Bouldern und Yoga
Ziel in der Wand ist der Flash

Ganzkörperarbeit: Bouldern fordert Kopf und Körper.
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Die Hälfte der Gruppe reiste früher nach Airolo im Tessin, verbrachte den Vortag mit Bouldern auf der Gotthard-Passhöhe. Als dann alle eingetroffen sind, hängen Wolken über der Oberen Leventina; für den Nachmittag werden Regengüsse angesagt. Also bleiben wir im Tal und fahren mit dem Auto ins erste Bouldergebiet oberhalb von Chironico. Wir merken gleich: Bouldern braucht Material. Und: Bouldern ist eine gesellige Angelegenheit.

Aufstieg zum Boulderplatz am Gotthard – mit den Crash Pads auf dem Rücken.

Die Bouldermatte auf dem Rücken, Kletterfinken und Magnesiumpulver im Rucksack, die Picknicktasche mit viel Getränken in der Hand: So ziehen wir los. Ein Trampelpfad führt durch den Kastanienhain, nach zehn Minuten richten wir auf einem Platz inmitten von massigen Gneisblöcken das Base-Camp ein. Die Cracks ziehen mit Boulderlehrer Albert Casals los und suchen Felsen mit anspruchsvollen Routen.

Der zweite Boulderlehrer Clemens Deflorin bleibt mit uns Neulingen zurück: Corinne und Andrea haben beide eine Yogaausbildung gemacht, Andrea kennt Bouldern aus der Kletterhalle, für Corinne ist der Sport Neuland.

Zwei bis vier Meter hoch ist der Felsblock, an dem drei Einstiegsrouten beschrieben sind. Clemens zeigt, wie wir die Bouldermatten am Boden auslegen, die Crash-Pads, die Stürze oder freiwillige Absprünge abfedern. Er erklärt, wie sich die sogenannten Spotter aufstellen, damit sie bei einem Sturz die Kletternden abfangen und auf die Crash-Pads lenken können.

Bouldern ist ein sozialer Sport: Bei schwierigen Moves geben Matten, Crash Pads genannt, und helfende «Spotter» Sicherheit.

Ein steiler Einstieg

Dann probiert er die Route aus und macht vor, wie man sich die Felsplatte hinaufschwingt. Elegant und leicht sieht es aus. Winzig sind die Tritte, die Griffe kleine Unebenheiten im Fels, hier eine schmale Kante, dort ein Riss oder ein Vorsprung, an dem man Gegendruck geben kann. Flink verschiebt Deflorin das Gewicht, dreht sich ab, zieht sich hoch, stemmt sich auf und steht im Nu oben auf dem Felsblock.

Leicht und elegant sieht das aus, aber uff! Für uns Neulinge ist diese sogenannte Plattenkletterei ein steiler Einstieg. Lieber wäre uns ein Fels mit guten Griffen, wo wir das Vertrauen in den Halt aufbauen könnten.

Clemens schlägt den Boulderführer auf, ein dickes Buch, in dem mehr als 2000 Boulderprobleme allein in Chironico beschrieben sind. Vor 11'000 Jahren ging hier ein gigantischer Felssturz ins Tal, in den 1980er-Jahren wurden die zurückgebliebenen Blöcke als Boulderparadies entdeckt.

Im Buch ist das Gebiet in Sektoren unterteilt, auf Fotos der einzelnen Boulder sind Routen eingezeichnet, Piktogramme beschreiben die jeweiligen Herausforderungen: eine Risskletterei, eine Kante, ein Überhang oder ein Sitzstart zum Beispiel – oder ein Scary Face, ein Block, der einen besonders herausfordernden Move verlangt.

Eine spielerische Challenge: Balance auf der Rampe.

Nach ein paar Felsen mit guten Haltegriffen zeigt Clemens eine besonders spielerische Challenge: einen Boulder, bei dem es gilt, auf einer Rampe um eine Ausbauchung im Fels herum zu balancieren. 

Yoga unter freiem Himmel

Die Balance, die Beweglichkeit, die Körperspannung: Das sind die Elemente, die Yoga zu einer idealen Ergänzung zum Bouldern machen. «Und die Atemtechnik, mit der man mentale Stärke trainiert», sagt Albert Casals.

Am Abend leitet er eine Yogastunde unter freiem Himmel. Der frisch gemähte Rasen des Fussballfelds bei der Unterkunft im Bergdorf Brugnasco ist der ideale Outdoor-Yogaraum. Leise rauscht der Abendwind in den Blättern, die kühle Bergluft entspannt und zuletzt fallen doch noch ein paar der angekündigten Regentropfen.

Albert wählt ein sanftes Yoga mit vielen Dehnungen, integriert aber auch kraftaufbauende Übungen. Vor zehn Jahren hat er, im Hauptberuf Informatiker, Yoga für sich entdeckt. «Mich faszinieren die Anatomie, die Körperbeherrschung und das kreative Element», sagt er.

Yoga – hier auf dem Fussballfeld von Brugnasco – ist eine ideale Ergänzung zum Bouldern.

Anderntags vertieft Albert mit den Neulingen die Technik ausgewählter Moves. Die Sonne brennt schon am frühen Morgen, also fahren wir auf den Gotthard und suchen uns von der Sonne abgewandte Felsen, die der Wind umspielt.

Albert zeigt uns, wie kleinste Verschiebungen in der Körperhaltung den Unterschied machen: ein gestreckter Arm, die Nähe des Körpers zum Fels, die Entspannung in einer Ruheposition, die kontrollierte Gewichtsverlagerung. Wir spüren, wie wir uns weniger verkrampfen und es plötzlich viel leichter geht. Doch wir spüren auch, wie die ungewohnten Bewegungen die Muskeln strapazieren.

Ziel in der Wand ist der Flash

Wie schon am Vortag treffen wir uns zur Mittagspause im grossen Kreis im Schatten eines mächtigen Boulderfelsens. Unablässig scannen die Cracks die Wand, gehen im Kopf mögliche Griffe und Bewegungsabläufe durch, diskutieren Varianten. Je nach Körpergrösse, Beweglichkeit oder Kraft gilt es immer, andere Lösungen für ein Boulderproblem zu finden.

Schliesslich versucht Andi als Erster, die schier unüberwindbare Wand hochzuklettern. «Allez, allez, allez!», feuern die anderen ihn an, geben Tipps und Hinweise, doch auf halber Höhe springt er ab. Ein Durchstieg im ersten Anlauf, ein sogenannter Flash, ist diesmal nicht gelungen. Oft müsse man Lösungen für die oberen und unteren Probleme einer Route separat suchen, sagt Roberto, später gelinge es allenfalls, diese zusammenzusetzen. Bouldern verlangt viel Schnellkraft.

Roberto war mit seiner Partnerin Hanna schon mehrmals in Boulderwochen unterwegs, auch in bekannten Bouldergebieten im Ausland, in Albarracín in Spanien etwa oder im Bouldermekka Fontainebleau bei Paris. Zu Hause trainieren sie dreimal die Woche. Trotzdem gehen die beiden immer wieder gern in Bouldergruppen mit. «Man hat mehr Crash-Pads zu Verfügung, und mehr Leute helfen beim Spotten, so kann man besser an die eigenen Grenzen gehen», sagt Hanna. Ausserdem mache es Spass und man erhalte immer neue Anregungen.

Von diesem Wochenende nehmen Hanna und Roberto Erfolgserlebnisse mit: Hanna hat es zu Beginn geschafft, erstmals eine Route in der Schwierigkeitsstufe 6b zu klettern, Roberto gelang dasselbe am letzten Tag. Und für Neueinsteigerin Corinne ist klar: Sie will dranbleiben. Doch zunächst nimmt sie sich vor, ein paarmal in der Halle zu bouldern. «Für den Kraftaufbau», sagt sie.

Die Reise wurde unterstützt von Kletterwelt.ch.