3,2 Millionen Franken VerlustWie ein Trader beim fragwürdigen YB-Hauptsponsor sein Leben ruinierte
Plus500 hat einen zweifelhaften Ruf. Die Geschichte eines geschädigten Kunden zeigt, weshalb. YB gibt sich unbeirrt – und hat die Zusammenarbeit heimlich verlängert.

- Die Tradingplattform Plus500 begünstigte den Absturz von Thorsten Meier.
- Das zeigen Dokumente, die der Redaktion vorliegen.
- YB nimmt einen Imageschaden in Kauf, dabei zahlt Plus500 für sein Engagement unwesentlich mehr als der frühere Hauptsponsor.
- Experten wünschen sich eine stärkere Regulierung von Firmen wie Plus500.
Für sie ist Thorsten Meier immer noch der wohlhabende Verwandte. Umso mehr können sie nicht fassen, hält er bloss Ausflüchte bereit, wenn es darum geht, monatlich 500 Franken an die Pflegeheimkosten des eigenen Vaters beizusteuern.
Wenn sie nur wüssten. Jedes Mal wenn Meier wieder eine Nachricht seiner Familie erreicht, denkt er: «Scheisse, was mache ich jetzt?»
Als man den 56-Jährigen im Februar trifft, laufen 13 Betreibungen gegen ihn, seinen Job hat er verloren, bald wird er aus der Wohnung fliegen. «Ich habe mein Leben komplett ruiniert», sagt er.
Vor ihm türmt sich ein riesiger Schuldenberg auf. Wie gross dieser ist, lässt sich aus Dokumenten erahnen, die der Redaktion vorliegen. Sie zeigen: Allein auf der Tradingplattform Plus500 hat Meier 3,2 Millionen Franken verspekuliert.
Plus500 zahlt unerheblich mehr als die Migros
Hier kommen die Young Boys ins Spiel. Seit 2020 ist das an der Londoner Börse kotierte Unternehmen Hauptsponsor des Fussballclubs, es dürfte jährlich ein- bis eineinhalb Millionen Franken nach Bern überweisen, damit das Firmenlogo auf den YB-Trikots prangt. Ein fast schon verschwindend kleiner Betrag im Vergleich zu den rund 35 Millionen Franken, die YB dieses Jahr in der Champions League verdient hat.
Ebenso erstaunlich daran: Gemäss einer Person, die es wissen muss, soll Plus500 nur geringfügig mehr bezahlen als der vorherige YB-Hauptsponsor Migros Aare.
Dafür nehmen die Berner einen Imageschaden in Kauf. Ihre Partien in der Champions League dürfen in Frankreich seit längerem nicht übertragen werden, weil die dortige Finanzmarktaufsicht das Geschäftsgebaren von Firmen wie Plus500 als unseriös einstuft. In Australien wird eine Sammelklage gegen das Unternehmen vorbereitet. Und in etlichen Ländern sind Urteile gegen Plus500 gefällt worden.
Spielsucht trifft auf Onlinehandel mit CFDs
Wer Meiers Fall kennt, versteht, weshalb. Und staunt, wie wenig es die Young Boys kümmert, für wen sie Werbung betreiben. So wurde in letzter Zeit der Vertrag mit Plus500, der ursprünglich diesen Sommer ausgelaufen wäre, gar um eine weitere Saison bis 2026 verlängert. Man habe das zu einem späteren Zeitpunkt noch kommunizieren wollen, schreibt YB.
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Der «Beobachter» hat Meiers Fall öffentlich gemacht, wobei Meier nicht Meier heisst. Noch ist er nicht bereit, den Schein, den er seit Jahren unter grössten Anstrengungen wahrt, aufzugeben. «Einem Alkoholiker siehst du irgendwann seine Sucht an, einem Drogenabhängigen sowieso», sagt Meier. «Aber einem Spielsüchtigen nicht. Sie sind hervorragende Schauspieler.»
Meier war spielsüchtig. Nachdem er erstmals die Kontrolle verloren hatte, liess er sich in den Casinos im In- und Ausland sperren. Über zehn Jahre lang gab er dem Drang nicht nach, er baute Firmen im Gastrobereich auf und sparte zum ersten Mal in seinem Leben. Sein Bankguthaben da: 167’000 Franken.
Dann wurde er auf Plus500 aufmerksam. Das Unternehmen bietet den Onlinehandel mit sogenannten Differenzkontrakten – kurz CFDs – an. Mit diesen kann auf Kursveränderungen bei Aktien oder Währungen gewettet werden. Und zwar mit einem Hebeleffekt: So lässt sich der Einsatz überproportional vergrössern, teilweise um das Hundertfache. Das ist hochspekulativ und hochriskant. Innerhalb von Sekunden lässt sich die gesamte Einlage verlieren.
Wer sein Geld mit CFDs anlege, könne ebenso gut ins Casino gehen, finden Konsumentenschützer. Sie warnen seit Jahren davor.
Seine Ersparnisse lösen sich in Luft auf
Das ist Meier nicht bewusst, als er im Januar 2016 bei Plus500 einsteigt. Er glaubt, es mit einem seriösen Finanzdienstler zu tun zu haben. Bevor er loslegen kann, muss er den gesetzlich vorgeschriebenen Fragebogen ausfüllen. Er gibt an, über keine Erfahrungen als Trader und über Ersparnisse von 0 bis 200’000 Franken zu verfügen.
Dann zahlt Meier 10’000 Franken ein. «Bin neu hier», schreibt er im Chat mit dem Kundendienst von Plus500. Und: «LG». Noch ist er freundlich gestimmt.
Aber das Traden reaktiviert seine Spielsucht, die Abwärtsspirale beginnt zu drehen. Und zwar schnell. Wenige Tage nach der ersten Einzahlung überweist er 50’000 Franken, kurz darauf wieder 50’000, dann 40’000. Innert dreier Wochen lösen sich seine Ersparnisse in Luft auf.
Als er Anfang September aus dem Rausch aufwacht, hat er 700’000 Franken verzockt. Meier lässt sich in die Klinik einweisen. Ihm wird dringend geraten, sich sperren zu lassen. Er schreibt Plus500: «Bitte löschen Sie mein Konto dauerhaft.»
«Es gibt bescheuerte Menschen. Und ich zähle mich dazu.»
«Selbst schuld», werden Sie nun vielleicht denken. Umso mehr, da Meier über sich sagt: «Es gibt bescheuerte Menschen. Und ich zähle mich dazu.»
Aber was folgt, sollte Plus500 als Sponsor der Young Boys disqualifizieren. Zumal die Berner gerne von ihren «YB-Werten» sprechen, sie verstehen darunter «vertrauenswürdig» und «fair».
Trotz Meiers Bitte wird sein Konto nicht gelöscht. Im Gegenteil: Er wird weiterhin mit Nachrichten eingedeckt. Vor allem wird er mehrmals aufgefordert, falsche Angaben zu seiner finanziellen Situation zu machen. «Um der Kontotätigkeit gerecht zu werden», schreibt Plus500. Ungeachtet der massiven Verluste und der schriftlichen Kündigung zuvor. Unterlagen, die bezeugen könnten, dass sich Meier das überhaupt leisten könnte, fordert das Unternehmen nie mehr ein.
Zwei Jahre widersteht Meier der Versuchung, im November 2018 wird er rückfällig. Weil auf Zypern die Rahmenbedingungen verschärft worden sind, wird ihm Angeboten, sein Konto nach Australien zu verlegen. Dort gelten laschere Regeln. Als Lockmittel dienen Bonuszahlungen und ein spezieller Status als «professioneller Trader». «Dabei hätte Plus500 längst wissen müssen, dass ich höchstens professionell im Geldverlieren bin», sagt Meier.
Sogar das Erbe eines Bekannten verspielt
Er ist – typisch für einen Spieler – vom Gedanken getrieben, seine Verluste wettzumachen. Dabei verliert er immer mehr Geld, allein im Jahr 2020 fast eine Million Franken.
Als 2021 auch in Down Under neue gesetzliche Bestimmungen eingeführt werden und Meier die eingeschränkte Hebelwirkung beim Kundendienst beklagt, wird ihm angeboten, sein Konto auf die Seychellen zu transferieren. Auf dem Archipel im Indischen Ozean ist bei einem Hebel von 1:300 hemmungsloses Gambling weiterhin möglich.
Plus500 begünstigt Meiers gnadenlosen Absturz, statt zu hinterfragen, woher sein Geld kommt. Statt ihn zu schützen, im Wissen, dass er einmal kündigen wollte und über die Jahre starke Anzeichen für eine Geldspielsucht zeigte. Etwa, indem er immer neue Kreditkarten hinterlegte.
Er hat über seine Betriebe, die er schliesslich abstossen muss, nicht nur Kredite in Millionenhöhe aufgenommen, er hat nebst seiner Altersvorsorge auch jene von Bekannten, die ihm helfen wollten, und deren Erbe verspielt. «Ich habe nicht nur mein Leben zerstört, sondern auch ihres», sagt Meier. «Andere Menschen mit hineingezogen zu haben, ist für mich unerträglich.»
Immer mehr Menschen ergeht es wie Meier
Zahlen zeigen, dass Meier nicht allein ist mit seinem Leid. Laut einer von Sucht Schweiz 2022 durchgeführten Studie weisen rund 5 Prozent der Schweizer Bevölkerung ernsthafte Spielprobleme auf, Tendenz steigend. Und auf jede süchtige Person kommen – wie im Fall Meier – Verwandte und Bekannte, die Schaden nehmen.
Darüber hinaus hat sich von 2018 bis 2021 die Anzahl derer, die im Bereich der Finanzwetten ein problematisches Verhalten offenbaren, verdreifacht, was in diesem Zeitraum die mit Abstand grösste Zunahme bedeutet. «Uns bereitet dieser Anstieg enorme Sorgen», sagt Domenic Schnoz, Gesamtleiter des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte, Radix.
Bei Finanzwetten wird im Schnitt mehr als zehnmal so viel gesetzt wie beim normalen Geldspiel. Zudem verfallen Trader dem Irrglauben, dass mit Vorwissen Gewinne realisiert werden können. Dabei ist es erwiesen, dass sich das Risiko bei solchen Produkten langfristig so gut wie nie ausbezahlt.
«Das Schadenspotenzial wird unterschätzt und von den Anbietern teilweise runtergespielt», sagt Christian Ingold, Dozent für Gesundheitsförderung und Prävention an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er wünscht sich eine explizite Risikodeklaration. Ähnlich klingt es bei der Schweizer Finanzmarktaufsicht, die in einem Schreiben vom letzten Oktober feststellt, dass die Risikoaufklärung bei diesen «besonders schwer verständlichen und riskanten» Produkten «vielfach unzureichend» sei.
Dennoch treffen Firmen wie Plus500, die in der Schweiz keinen Geschäftssitz haben, kaum auf Regulierungen. Sie fallen nicht unter das 2019 verschärfte Geldspielgesetz und dürfen – im Gegensatz zu ausländischen Sportwettanbietern – nicht nur in der Schweiz tätig sein, sondern auch für sich werben. Ein Umstand, den Experten wie Schnoz und Ingold kritisieren.
YB gibt sich unbeirrt
Plus500 lässt den zugestellten Fragebogen unbeantwortet. Die Young Boys halten in einem Statement fest, «dass uns vonseiten Aufsichtsbehörden keine Verfehlungen oder Verfahren bekannt sind. Sollte ein Verfahren eingeleitet werden, würden wir unsere Beziehung mit dem Hauptpartner überprüfen.»
Die Young Boys hinterlassen den Eindruck, dass sie die gesellschaftliche Verantwortung, die sie als einer der grössten Schweizer Sportclubs tragen, ignorieren. Schliesslich bewerben sie prominent ein Produkt, das Menschen ins Verderben führen kann. Auf diesen Hinweis gehen die Berner nicht ein. Dabei müssten sie eine gewisse Sensibilität für das Thema Spielsucht haben. YB-Clubbesitzer Jöggi Rihs ist auch Besitzer von Swiss Casinos.
2022 beauftragte Thorsten Meier eine Kanzlei, zu klären, ob er Plus500 in der Schweiz verklagen könnte. Dies habe ihn 11’000 Franken gekostet, sagt er. Um dann bloss zu erfahren, dass er sich keine Hoffnungen zu machen brauche. Dass Geschädigte oft weder die Mittel noch die Kraft haben, gegen solche Firmen vorzugehen, ist ein weiteres grosses Problem.
«Herrgott noch mal», ruft Thorsten Meier noch aus, «es sollte YB doch möglich sein, einen anderen Sponsor zu finden.»
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