«Krähenplage» in MeilenLaute Saatkrähen bringen Anwohner um den Schlaf
Dauerkrächzen belastet die Nerven eines Meilemer Quartiers. Anwohner fordern nun effektive Massnahmen – nur gibt es diese laut Gemeinde nicht.

«Es ist schon auch beeindruckend», sagt Marcel Maurer und zeigt auf einen hohen Baum an der Wampflenstrasse in Meilen. In den Ästen sind etwa ein Dutzend Vogelnester zu sehen. «Die sind alle in nicht mal einer Woche entstanden», erzählt er über das Krächzen der Saatkrähen hinweg. Die Brutphase der Kolonie vor seiner Haustür ist im vollen Gang.
«Der Lärm ist auf Dauer kaum auszuhalten», sagt Maurer. Von fünf Uhr morgens bis spät in die Nacht seien die Rabenvögel zu hören. Sich auf dem Balkon zu unterhalten oder bei geöffnetem Fenster zu schlafen, sei unmöglich geworden: «Ich weiss von mehreren Nachbarn, die deswegen schon weggezogen sind.»
Beim Gespräch auf dem Parkplatz vor der Baumreihe stossen weitere Anwohner dazu: «Ich bin ja wirklich tierliebend», sagt eine Seniorin, «aber diese Krähen sind einfach nur eine Plage.» Manche Nächte bekomme sie kaum ein Auge zu.
Sie bemühe sich deshalb seit Jahren darum, dass die Gemeinde etwas gegen das Problem unternehme. «Früher konnte ich noch alle möglichen Singvögel hören.» Geblieben sei nur Lärm und eine verdreckte Terrasse, sagt die Meilemerin mit Frust in der Stimme.
Seit 2007 am Zürichsee
Gern gesehne Gäste sind die purpur glänzenden Rabenvögel vielerorts in der Schweiz schon lange nicht mehr. Saatkrähen begannen in den 60er-Jahren, sich hierzulande niederzulassen. Gab es anfangs noch wenige Brutpaare, sind die Tiere heute im gesamten Mittelland zwischen Zürich und Genf anzutreffen – oft in der Nähe von ruhigen Siedlungsgebieten.
Die erste Kolonie am Zürichsee wurde 2007 in Thalwil gesichtet. Von «gewöhnlichen» Krähen lassen sich die Tiere übrigens am unbefiederten grauen Ansatz des Schnabels unterscheiden. Am rechten Ufer tauchten die Saatkrähen dann erst einige Jahre später hinter der reformierten Kirche in Männedorf auf. Die Kolonie in der Wampflen in Meilen liess sich etwa 2016 dort nieder.

Und seitdem scheinen sie sich dort auch ziemlich wohlzufühlen. Dies, obwohl im letzten Winter zahlreiche kranke oder bereits abgestorbene Eschen im Tobel gefällt werden mussten. «Jetzt leben sie einfach enger zusammengedrängt», sagt Maurer.
Kein Erfolg mit falschen Uhus
Einfach zu vertreiben, auch vergrämen genannt, sind die intelligenten Tiere nicht. Vor zwei Jahren versuchte die Gemeinde Meilen, die Schreihälse mit Uhu-Attrappen zum Umzug zu drängen. Wie erfolgreich das war, beantwortet das Kreischkonzert über den Köpfen der Anwohner. «Die Krähen hatten sich schon nach wenigen Tagen daran gewöhnt», erinnert sich Maurer.

Damals hiess es vonseiten der Gemeinde, dass bei einem Misserfolg nach anderen Lösungen gesucht werde. Doch inzwischen hat die Gemeinde ihren Kurs geändert: «Eine Möglichkeit zur Eindämmung der bestehenden Kolonie oder zur Vertreibung der Saatkrähen existiert aufgrund fehlender bewährter Massnahmen und gesetzlicher Vorgaben leider nicht», heisst es in einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung.
Bei manchen Anwohnern trifft dies auf Unverständnis: «Nichts zu machen, wäre der grösste Fehler», befürchtet eine Nachbarin. Ihrer Meinung nach müssten die Tiere mit allen Mitteln gejagt werden. Nur so könne man die «Krähenplage» loswerden. Rein theoretisch wäre dies ausserhalb des Siedlungsgebiets möglich: War die Saatkrähe früher noch auf der Roten Liste der gefährdeten Vogelarten, darf sie seit 2012 ausserhalb der Schonzeit gejagt werden.
Gemeinde gibt Vergrämung auf
Davon will die Gemeinde jedoch nichts wissen: «Wie internationale und schweizweite Vergleiche zeigen, führen sämtliche gesetzlich erlaubten und im Verhältnis stehenden Massnahmen in Bezug auf eine Vergrämung der Saatkrähenpopulationen kaum zu Erfolgen», sagt Gemeindeschreiber Didier Mayenzet auf Anfrage dieser Redaktion.
Die Vertreibungsversuche könnten sogar das Gegenteil der gewünschten Reaktion bewirken: «Sämtliche Massnahmen, die eine Vertreibung der Vögel zum Ziel hatten, führten lediglich zu einer Verteilung der Nistplätze und somit zur Steigerung der Population.»

Trotzdem nehme die Gemeinde die Anliegen der betroffenen Einwohnerinnen und Einwohner sehr ernst. «Die Verantwortlichen der Gemeinde sind sich bewusst, dass die Vögel die Geduld und die Toleranz mancher Anwohnerinnen und Anwohner oftmals auf die Probe stellen», sagt Mayenzet.
Es seien deshalb in den letzten Jahren «keine Kosten und Mühen gespart worden», um eine Lösung zu finden – beispielsweise durch den Einbezug von Experten und den Austausch mit anderen Städten und Gemeinden. Da dabei keine passende Massnahme gefunden wurde, hat die Gemeinde den Kampf gegen die Saatkrähen nun aufgegeben – und überlässt somit der mitteilungsfreudigen Vogelkolonie das Feld.
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