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Meinung

Kolumne «Dorfgeflüster»
Das Bezirksgericht Horgen hat einen Vogel

Wie in allen Gerichten herrscht auch im Bezirksgericht Horgen eine formelle Ernsthaftigkeit – zumindest meistens.
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«Kikeriki» schallt es durch den Gang im zweiten Stock des Bezirksgerichts Horgen, als eine Mitarbeiterin beladen mit einem Berg von Dokumentenmappen durch eine offene Bürotüre tritt. Aus dem Raum hinter ihr ist heiteres Gerede zu vernehmen.

Die Schritte der Frau sind kaum am anderen Ende des Ganges verhallt, da ist das Geräusch erneut zu vernehmen: «Kikeriki.» Zwei weitere Mitarbeiterinnen haben die Tür passiert.

Als eine der Frauen mit einem «Ah nei» eine abrupte Wendung vollzieht und den Türrahmen erneut passiert, scheint es kein Zufall mehr zu sein: «Kikeriki.»

Haben sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilung für Strafrecht etwa einen Scherz erlaubt? Oder sind die ungewöhnlichen Klänge ein Versuch, die bisweilen fast etwas beklemmende Ernsthaftigkeit, die in den Gängen und Sälen bei Gericht herrscht, aufzubrechen?

Die Antwort kommt prompt und schrill: «Kikeriki, Kikeriki, Kikerikiiii.» Plötzlich lässt sich das Geräusch zweifelsfrei zuordnen. Es stammt nicht etwa aus dem vermeintlichen Grossraumbüro, sondern dringt durch die, der Hitze wegen, weit geöffneten Gangfenster direkt gegenüber davon.

Das Bezirksgericht Horgen hat tierische Nachbarn, die man bisweilen nur hören kann.

Mehr als seine Stimme gibt der gefiederte «Übeltäter» an diesem Morgen aber nicht preis. Zu gross sind die Rückzugsmöglichkeiten auf dem lang gezogenen Landstück zwischen Bezirksgericht und katholischer Kirche.

Noch zwei, drei Mal schmettert der Hahn seinen Schrei in den Morgen hinein, um dann plötzlich von durch die Kirchenmauer dringenden melodiösen Orgelklängen abgelöst zu werden. Mit der neuen Soundkulisse scheint sich auch der erdrückende Schleier der Seriosität wieder über die Geschehnisse im Gerichtsgebäude zu legen.

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