Präsidentschaftswahl in TansaniaEr lässt sich auch durch 16 Schüsse nicht abschrecken
Bei einem Attentat wurde er sehr schwer verletzt, die Regierung schikaniert ihn. Doch Tundu Lissu tritt als Präsidentschaftskandidat an, um den immer diktatorischeren John Magufuli zu entmachten.
Tundu Lissu geht noch schnell zur Bank, um den Kontostand zu prüfen, ehe er sich daran macht, kleinere Einkäufe zu erledigen. In einem schicken Supermarkt im Zentrum der tansanischen Metropole Dar es Salaam, prüft er die Auswahl an südafrikanischem Sauvignon Blanc, lädt grössere Packungen Reis in den Einkaufswagen – und einen Karton «Visheti», ein ostafrikanisches Gebäck, mit so viel Zucker ummantelt, dass es eigentlich nicht dem Diätplan des Diabetikers Lissu entspricht, was seiner generellen Heiterkeit aber keinen Abbruch tut.
Lissu posiert mit Passanten, Angestellten des Supermarktes, Hausfrauen und Handyverkäufern, erst ist das Publikum schüchtern, dann überschwänglich, manchmal schaut einer besorgt über die Schulter: Es ist in Tansania nicht ungefährlich, sich in der Öffentlichkeit mit Tundu Lissu zu zeigen, dem Kandidaten der Opposition für die Präsidentschaftswahl an diesem Mittwoch.
Magufulis Spitzname ist «Bulldozer»
Vor einigen Tagen hat ihn die Regierung von Präsident John Magufuli mal wieder gegängelt, mit sieben Tagen Wahlkampfverbot. Als Lissu dennoch mit seinem Konvoi zu einer Veranstaltung im Norden aufbrechen wollte, setzte ihn die Polizei stundenlang auf der Strasse fest. Nun, einen Tag später, hat Lissu die Strategie verändert, er geht einkaufen, das hat ihm noch keiner verboten.
Dabei sind Kameraleute und vor allem die Smartphones der Passanten und Fans, die Bilder des Oppositionschefs sekundenschnell in soziale Netzwerke hochladen, wo sie Tausende Male geteilt werden, wo schnell das Gesamtbild eines Politikers entsteht, der sich nicht wegduckt vor Drohungen und Gewalt des Regimes.
Wenn die Tansanier jetzt wählen, geht es nicht nur darum, ob Tundu Lissu Präsident oder Amtsinhaber Magufuli bestätigt wird. Es geht auch darum, ob ein einstiges Musterland Afrikas weiter Richtung Diktatur abgleitet. Magufuli trat vor fünf Jahren an als einer, der ankündigte, mit Korruption aufzuräumen und in Infrastruktur zu investieren. In den ersten Monaten liess er die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag absagen, kündigte an, das Geld lieber in den Kampf gegen Cholera zu stecken, er strich Beamten die Zulagen bei Auslandsreisen.
In den sozialen Medien wurde er gepriesen als eine Art wohlmeinender Diktator, nach dem die Jugend eine gewisse Sehnsucht hat. Nach einem, der Brücken und Strassen baut, eine Zukunft. Magufuli hat grosse Strassen und Eisenbahnlinien gebaut, hat seinem Spitznamen «Bulldozer» alle Ehre gemacht. Nur planiert er nicht nur Strassen, sondern auch jeden Widerstand gegen ihn. Das Wohlmeinende hat eher nachgelassen.
Tundu Lissu möchte das System verändern
Es ist der Morgen nach der kleinen Shopping-Tour, Tundu Lissu (52) sitzt auf der Terrasse seines Hauses in einem normalen Stadtteil Dar es Salaams, draussen die übliche Mischung aus Motorradtaxis, Händlern und Stau. Hinter einer hohen Mauer ein Innenhof mit Palmen und quadratischer Rasenfläche. Lissu schaut aus verquollenen Stecknadelaugen, eine Bekannte seiner Frau ist zu Besuch, er zieht die Jogginghose hinunter, sie gehen die vielen Narben durch, arbeiten sich bis zum Bauch hoch. Schütteln die Köpfe darüber, dass Lissu hier noch steht und lebt.
Es war der 7. September 2017, Lissu war mit dem Auto unterwegs zum Parlament, als jemand 16-mal auf ihn feuerte, in Bein, Bauch und Kopf. Und er dennoch überlebte. Seine Partei charterte einen Jet nach Kenia, er wurde wiederbelebt und schliesslich nach Belgien gebracht. 24 Operationen und fast drei Jahre später kehrte er zurück und wurde aussichtsreichster Bewerber der Opposition.
«Es ist nicht die Frage, ob ich gewinne, sondern ob ich den Wahlkampf überlebe», sagte er anfangs. Mittlerweile glaubt er an eine echte Chance. Und wie Magufuli auf den Herausforderer reagiere, deute an, dass der Präsident es ebenso sieht. «Ich bin eine Gefahr für sie. Ich bin eine Gefahr, weil ich nicht für meine eigenen Interessen an die Macht will. Sondern weil ich das System grundlegend verändern möchte.»
Vor dem Attentat war Tundu Lissu ein nicht sonderlich bekannter Abgeordneter und Anwalt, Teil einer Opposition, die nicht sehr viele als echte Alternative sahen zur Regierungspartei CCM, die Tansania seit der Unabhängigkeit 1961 regiert, erst als sozialistische Einheitspartei, dann in einem Mehrparteiensystem, dessen Freiheiten aber zunehmend eingeschränkt wurden. Das CCM-Regime ist immer diktatorischer geworden. Dabei lässt es kritische Journalisten verschwinden, Oppositionskandidaten werden ermordet.
Lissus Rückkehr veränderte alles, plötzlich ist da einer, der sich nicht einschüchtern lässt, sein Leben riskiert für ein anderes Tansania. «Die Regierung ist repressiv, war es immer in den 60 Jahren der Unabhängigkeit. In vielem ist sie schlimmer als die Kolonialherren. Es ist traurig, das zu sagen, aber es ist so.»
Es gibt keine Wahlumfragen
Präsident John Magufuli versuchte zuletzt, internationale Rohstoffkonzerne zu bewegen, mehr Gewinnanteil im Land zu lassen. Er tat es auf seine Art, ein Minenkonzern bekam eine Steuerrechnung von 190 Milliarden Dollar, bei einem anderen liess er die Mitarbeiter verhaften. «Selbst die Chinesen sind unglücklich», sagt Lissu. «Sie sind sonst Diktatoren und autoritären Herrschern wohlgesinnt, solange sie berechenbar sind. Das ist Magufuli nicht mehr. Er gleitet ab zu einer Art Mobutu», sagt Lissu. Zaires Diktator liess sich einen Palast in den Urwald stellen mit einer Landebahn für eine Concorde.
Magufuli baute sich einen Flughafen für sein Heimatdorf. Kritiker beschimpft er als «Imperialisten». Wer ihn auslacht, wandert ins Gefängnis. Zuletzt verbreitete der Präsident absurde Theorien über Corona. Wie viel Rückhalt Magufuli in der Bevölkerung noch hat, ist schwer zu sagen. Meinungsumfragen gibt es nicht mehr, seit die Regierung verboten hat, Statistiken in Umlauf zu bringen, die Regierungszahlen widersprechen. Ähnlich wird man wohl mit den Wahlergebnissen umgehen.
«Westliche Geberländer sind teils mitverantwortlich an der Lage in Tansania», sagt Lissu. «Wir warnen seit vielen Jahren, dass die Regierung immer repressiver wird.» Vor dem Attentat auf ihn sei er nach Brüssel gereist zur EU, um vor Magufuli zu warnen. Keiner habe ihm geglaubt, neun Monate später hatte er 16 Kugeln im Körper. «Es ist unverständlich, dass diese Regierung nach fünf Jahren noch finanzielle Hilfe erhält.»
Lissu bricht auf zur nächsten Shoppingtour, der Land Cruiser steht vorgekühlt bereit. Leibwächter fahren voraus, hupen, winken und schreien in den Stau, der eine Gasse bildet für den kleinen Konvoi. Einmal wechselt er auf die Gegenspur. Anders komme man nicht durchs Chaos der Stadt, sagt der Fahrer. Die Leute würden schon verstehen, wenn sie das Nummernschild sehen. «Lissu, er ist es», steht darauf.
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