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Meinung

Folgen des US-Handelshammers
Trumps Zollkrieg könnte die Welt geradeaus in eine Katastrophe führen

Donald Trump hält im Rosengarten des Weissen Hauses eine Rede mit einem Plakat zu wechselseitigen Zöllen in Washington, DC, am 2. April 2025.
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Donald Trump wird sich an dem Bild ergötzt haben. Die ganze Welt schaute auf Washington, auf den Rosengarten auf der Südseite des Weissen Hauses, wo der US-Präsident vor einem freundlich gesinnten Publikum stand, das ihm brav applaudierte und noch braver lachte, wenn er einen seiner Witze riss. «Liberation Day», Tag der Befreiung, nannte Trump diesen Tag.

Der Rest der Welt fürchtete um das eigene Wohlergehen. Würde Trump das Ende des Freihandels verkünden? Wie weit würde er gehen?

20 Minuten lang liess der US-Präsident sein Millionenpublikum schwitzen, bis er sich eine Tafel reichen liess. Darauf war eine Tabelle zu erkennen mit Ländern, dahinter jeweils zwei Werte: eine Prozentzahl, mit der die USA die Unfairness in der Handelsbeziehung bewerten. Und eine zweite Prozentzahl, die den Strafzoll beziffert. Rasch wurde klar, dass Donald Trump dabei war, Geschichte zu schreiben.

Er hatte sich für eine der extremsten Varianten entschieden: Der US-Präsident las gerade die höchsten Zölle seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre vor, für sämtliche Länder. Das Ende des Freihandels war da.

Warum bestraft Donald Trump die Schweiz so hart?

Also sassen sie nun auf der ganzen Welt vor ihren Bildschirmen, Ministerpräsidentinnen, Zentralbanker und Botschafterinnen, und versuchten angestrengt, eine Tafel in der Hand des US-Präsidenten zu entschlüsseln. Verzweifelt bemühten sie sich, weitere Informationen zu erhalten. Wie berechneten die USA die Unfairnessquote? Schlägt Trump die neuen Zölle auf bestehende drauf? Gelten Ausnahmen für Pharmaprodukte? Warum behauptet Trump, die Schweiz schlage 61 Prozent auf US-Produkte, obwohl sie fast ausnahmslos zollfrei in die Schweiz gelangen?

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Die Antworten sind folgenschwer für Milliarden von Menschen, doch sie sind noch unklar und unvollständig. Die offizielle Schweiz weiss nicht, auf welche Grundlagen sich Trump stützte, welche Ausnahmen gelten, warum sie so hart angefasst wird. Irgendwann fand ein Journalist heraus, dass das Weisse Haus wohl das Verhältnis des Handelsbilanzdefizits zu den Importen berechnet hatte. Da die Schweiz sehr viel mehr Waren in die USA ausführt als von dort importiert, landet der Wert bei hohen 61 Prozent.

Trump machte sich lustig darüber, dass seine Tafel nur für Leute mit guten Augen lesbar sei. Jede seriöse Regierung würde solche börsenrelevanten Medienauftritte tagelang sorgfältig vorbereiten. Sie würde Faktenblätter verteilen, Unterlagen mit Fragen und Antworten zur Verfügung stellen, die Öffentlichkeit könnte Entwürfe von Erlassen und Verordnungen kommentieren. Die Regierung würde transparent handeln, die Märkte möglichst umfassend informieren.

Donald Trump richtet grösstmögliches Chaos an

Trump aber tut genau das nicht, im Gegenteil: Er will möglichst grosses Chaos anrichten. Er tritt auf wie eine Mischung aus Alleinunterhalter und Alleinherrscher, er verhängt Zölle gestützt auf Notrecht, lässt tagelang verschiedene Varianten kursieren, bevor er sich in letzter Minute festlegt. Er hält es für ein Zeichen der Stärke, alle anderen verunsichern zu können. Er glaubt, damit Gelegenheiten zu schaffen, um bessere Bedingungen für die USA auszuhandeln.

Teil dieser Verwirrungstaktik ist es, die engsten Verbündeten am unerbittlichsten anzugreifen. Zuoberst auf der Tabelle stand China, der grosse Rivale. Dann die Europäische Union, Vietnam, Taiwan, Japan, die Schweiz, die meisten von ihnen jahrzehntelang Partner der Vereinigten Staaten. Manche dieser Länder hätten die USA in ihre «Kolonie» verwandelt, behauptete Trumps Handelsberater Peter Navarro Ende März in einem Interview bei Fox News. Er nannte dabei Deutschland und Japan. Davon also sollen sich die Amerikaner jetzt angeblich befreien, am «Liberation Day».

Wahrscheinlicher ist, dass Donald Trump sein Land und die Welt in eine tiefe Krise stürzen wird. Seine Zölle sind so hoch, wie sie in den USA seit den 1930ern nicht mehr waren. Trump sagte am Mittwoch, die damaligen Zölle seien ein Erfolg gewesen. In Wahrheit verschärften die Amerikaner ihre Rezession und würgten den internationalen Handel ab, andere Länder verhängten Gegenzölle, die Weltwirtschaftskrise nahm ihren Lauf. Es folgten die Zerstörung der Demokratie, die Nazizeit und der Zweite Weltkrieg.

Die Zölle von Donald Trump sind da, um zu bleiben

Donald Trump gibt vor, für die USA vorteilhaftere Handelsverträge abschliessen zu wollen. Die verhängten Strafen wären also nur ein Druckmittel. Der US-Präsident sagt aber auch, die Zölle sollten Einnahmen generieren, damit er die Steuern senken kann. Und als wäre das alles nicht genug, gibt er überdies an, damit Fabriken zurück in sein Land holen zu wollen – unter anderem, weil sich die USA im Kriegsfall nicht auf Importe verlassen könnten.

Die Zölle sind also da, um zu bleiben. Bei alledem tut Trump so, als stärke er damit sein Land, um China in Schach zu halten. Dabei spielt der US-Präsident dem grossen Rivalen geradezu in die Hände. Die Vereinigten Staaten, einstige Vorreiter des Freihandels, ziehen sich auf sich selbst zurück und versetzen der Welthandelsorganisation WTO den Todesstoss. Also halten die Verbündeten zunehmend nach zuverlässigeren Partnerschaften Ausschau. Bei der EU, beim transpazifischen Freihandelsraum CPTPP, sogar wieder bei China, das Trumps Vorgänger Joe Biden zu isolieren versuchte.

Donald Trump schwächt sich selbst – das macht ihn gefährlich

Im besten Fall lässt sich mit solchen Alternativen ein Teil der Errungenschaften und des Wohlstands retten, den der Freihandel geschaffen hat. Wahrscheinlich schafft es China dabei aber, seine Machtposition auszubauen. Und im schlechtesten Fall lässt sich die EU spalten, obwohl EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen am frühen Donnerstagmorgen beteuerte, Europa werde zusammenhalten. Die EU werde mit den USA über die Beseitigung von Handelshemmnissen reden, versprach sie – aber sie habe auch Gegenmassnahmen vorbereitet.

Nicht zuletzt schwächt Trump seine Position bei der eigenen Wählerbasis, während er gleichzeitig laut über eine dritte Amtszeit nachdenkt. Er nährt damit die Befürchtung, dass er versuchen könnte, sich mit undemokratischen Mitteln an der Macht zu halten. Die Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner misstraut seiner Wirtschaftspolitik, die Konsumentenstimmung ist mies, die Börsenkurse sinken. Es geht das Gespenst einer Stagflation um, einer Wirtschaftskrise bei steigenden Preisen, der mit der Geldpolitik kaum beizukommen ist.

Donald Trump hat ein Experiment einer Grössenordnung begonnen, die kaum überschätzt werden kann. Misslingt es, könnte es die Welt geradeaus in eine Katastrophe führen.